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GastkommentarWarum Steuerrabatte zum Anwerben von Fachkräften aus dem Ausland gut sind

Es kann für deutsche Steuerzahler nur von größtem Interesse sein, dass sich qualifizierte Migranten für Deutschland entscheiden, meint Johannes Reck. Die Aussicht auf guten Lohn sei das wichtigste Entscheidungskriterium. 23.07.2024 - 09:58 Uhr
Der Autor Johannes Reck ist Gründer und CEO von Getyourguide. Foto: Moritz Frankenberg/dpa, GetYourGuide [M]

Die Ampelkoalition hat den Vorschlag unterbreitet, ausländischen Fachkräften temporäre steuerliche Anreize zu gewähren. Daraufhin folgten Tage der Entrüstung über die vermeintliche soziale Ungerechtigkeit gegenüber deutschen Steuerzahlern.

Statt sich an der vermeintlich schlechten Idee der Steuerrabatte abzuarbeiten, sollten wir aber vielleicht besser den Kern der Debatte verstehen: Warum bleiben so viele offene Stellen für hochqualifizierte Fachkräfte in Deutschland unbesetzt?

In Deutschland gibt es viel zu wenige Fachkräfte für Softwareunternehmen

Im Berliner Online-Reiseunternehmen GetYourGuide, das ich mitgegründet habe, arbeiten heute knapp 1000 Mitarbeiter, die meisten in hochspezialisierten Berufen wie Softwareentwicklung, Data Science, Produktmanagement oder Design. Mehr als 90 Prozent dieser Fachkräfte stammt nicht aus Deutschland und mussten für GetYourGuide nach Berlin ziehen.

In unserem Büro trifft man auf einen bunten Mix von Menschen aus anderen Staaten der Europäischen Union (EU), Indien, Brasilien, dem Nahen Osten sowie den USA und dem Vereinigten Königreich. Diese Diversität ist eine Tugend, die aus der Not heraus geboren wurde: In Deutschland gibt es viel zu wenige Fachkräfte für Softwareunternehmen.

Der demografische Wandel und der enorme Digitalisierungsdruck auf unseren Staat, den Mittelstand und die Dax-Konzerne verschärfen den Engpass. Unser ohnehin überfordertes Bildungssystem kann diese Lücke bei Weitem nicht schließen. Es ist unstrittig, dass in der kommenden Dekade ein deutlicher Anstieg der qualifizierten Migration ein wichtiger Hebel zur Milderung des Problems sein wird.

Ihrem schlechten Ruf zum Trotz hat die Ampel begonnen, im Bereich der qualifizierten Migration unsere Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den Technologiezentren im Silicon Valley oder in London zu stärken. Der erste wichtige Schritt war die Reform der Mitarbeiterkapitalbeteiligungen, die es jungen deutschen Unternehmen ermöglicht, Aktien an ihre Mitarbeiter auszugeben und sie am Erfolg teilhaben zu lassen.

Auch das neue Einwanderungsgesetz ist ein wichtiger Meilenstein. Diesen eingeschlagenen Weg müssen wir mutig weiter beschreiten und unser Land attraktiv für die klügsten Köpfe machen. Mittelfristig gehören die Verbesserung unseres Schul- und Bildungssystems, mehr Kitaplätze, der Ausbau der öffentlichen Infrastruktur und die Schaffung von deutlich mehr Wohnraum in urbanen Ballungsgebieten dazu.

Andere Nationen bieten längst steuerliche Anreize für Hochqualifizierte aus dem Ausland

All diese Maßnahmen werden realistischerweise eher über einen Zeitraum von einer Dekade umsetzbar sein. Genau diese Zeit haben wir nicht mehr, um in Deutschland eine umfassende Wende zu mehr Wirtschaftswachstum hinzubekommen. Deshalb sollten wir kurzfristig die Migrationsprozesse entbürokratisieren und digitalisieren. Ebenso ist es sinnvoll, steuerliche Anreize für Fachkräfte zu bieten, um sie für deutsche Unternehmen zu gewinnen.

Diesen Vorschlag der Bundesregierung mit dem Argument der sozialen Gerechtigkeit zu torpedieren, ist kurzsichtig. Die Fachkräfte, die wir in Deutschland dringend brauchen, haben die Wahl, ob sie in San Francisco, London, Zürich oder Berlin arbeiten. Ihre Fähigkeiten und ihr Know-how sind international höchst gefragt.

Andere Länder bieten genau solche steuerlichen Anreize, während in Deutschland Fachkräfte größtenteils den Spitzensteuersatz zahlen und wichtige Beitragszahler in unserem Sozialsystem sind. Natürlich sind die Lohnaussichten nicht das einzige Kriterium bei der Standortwahl.

Basierend auf meiner Erfahrung von Hunderten Gesprächen mit Fachkräften aus der Technologiebranche, ist und bleibt es jedoch das wichtigste Entscheidungskriterium. Deshalb ist es im höchsten Interesse des deutschen Steuerzahlers, dass qualifizierte Migranten sich für Deutschland entscheiden. Wir sollten ihnen den roten Teppich ausrollen, anstatt eine Neiddebatte anzuzetteln.

Wir sollten die qualifizierte Migration als eine einzigartige Chance für Deutschland und Europa begreifen. Wenn wir es schaffen, die klügsten Köpfe der Welt zu überzeugen, zu uns zu kommen, dann wird das uns helfen, einen wettbewerbsfähigen Wirtschaftsstandort aufzubauen.
Johannes Reck

Dies führt zum Kern der Debatte: Was ist gerecht? Für mich ist eine starke Wirtschaft der Treibstoff im System der sozialen Gerechtigkeit. In Deutschland haben wir jahrzehntelang von der Substanz gelebt, einen großen Sozialstaat aufgebaut und kaum Unternehmertum und Innovation gefördert.

Wenn wir jetzt nicht bereit sind, pragmatische Kompromisse einzugehen, um das Wirtschaftswachstum wieder in Schwung zu bringen, wird das Ergebnis nicht mehr soziale Gerechtigkeit, sondern eine immer größere soziale Spaltung sein.

Wir sollten die qualifizierte Migration als eine einzigartige Chance für Deutschland und Europa begreifen. Wenn wir es schaffen, die klügsten Köpfe der Welt von unserem liberalen und offenen Gesellschaftsmodell zu überzeugen und ihnen starke Anreize bieten, zu uns zu kommen, dann wird uns das helfen, aus der momentanen Stagnation herauszukommen und einen wettbewerbsfähigen Wirtschaftsstandort aufzubauen.

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Der Autor: Johannes Reck ist Gründer und CEO von GetYourGuide.

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