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Lage in NahostDrohende Angriffe auf Israel – das Abwehrsystem hat Lücken

Seit Tagen werden Vergeltungsschläge von Iran und der Hisbollah gegen Israel erwartet. Wie sich die Führung darauf vorbereitet und welche Rolle der neue Hamas-Chef Sinwar nun spielt.Pierre Heumann 07.08.2024 - 16:53 Uhr Artikel anhören
Iron Dome: Das israelische Luftabwehrsystem fängt Raketen ab, die aus Gaza abgefeuert wurden. Foto: picture alliance / NurPhoto

Tel Aviv. Seit Tagen schaut die Welt angespannt auf die Lage in Nahost. Nachdem Israel in Teheran den politischen Anführer der islamistischen Hamas, Ismail Hanija, und den militärischen Kommandeur der Hisbollah, Fuad Schukr, getötet hatte, wird ein groß angelegter möglicher Vergeltungsschlag vom Iran und von der Hisbollah erwartet.

In einer Rede anlässlich der Trauerfeier für Schukr hatte Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah am Dienstagabend erneut mit einem „starken und effektiven“ Gegenangriff gedroht. Das Hinauszögern der Attacke sei Teil der Bestrafung.

Die USA und ihre Partner bemühen sich um Deeskalation, gleichzeitig bereiten sie sich intensiv auf den Ernstfall vor. So stellt sich die Bundeswehr darauf ein, noch verbliebene deutsche Staatsbürger im Libanon zu retten. Und in Israel laufen die Vorbereitungen für die Abwehr eines möglichen Angriffs unter Hochdruck.

Hisbollah hat offenbar Respekt vor Israels Militärkraft verloren

Die Hisbollah hat offenbar den Respekt vor der israelischen Militärkraft verloren. Israel sei nicht mehr so stark wie in der Vergangenheit, sagte Hisbollah-Chef Nasrallah am Dienstag. Dass Israel die USA, den Westen, Europa und die arabischen Regime um Hilfe bitte, sei „ein Beweis für Israels sinkendes Prestige“, so Nasrallah.

Die Kommando- und Kontrollzentren, Israels Luftabwehrsysteme sowie die israelischen und US-amerikanischen Satelliten sind in höchster Alarmbereitschaft. Denn auch aus Teheran droht die Gefahr von Vergeltungsschlägen. Für das iranische Regime war es eine Blamage, dass Hamas-Führer Hanija getötet wurde, während er als Staatsgast im Gästehaus der iranischen Revolutionsgarden in Teheran gewohnt hatte.

Auch vonseiten der Hamas droht weiter Gefahr für Israel. Die Ernennung von Jahja Sinwar zum Nachfolger von Hamas-Chef Hanija zeigt, in welche Richtung es die radikalislamistische Organisation weiter zieht. Sinwar gilt als Drahtzieher des Angriffs auf Israel vom 7. Oktober, bei dem rund 1200 Menschen getötet und 251 als Geiseln verschleppt wurden.

Jacky Hugi, Arabien-Korrespondent des israelischen Armeesenders Galie-Zahal, sagt, Sinwar leite bereits die Hamas im Gazastreifen. Er werde es schwer haben, die Gesamtorganisation aus den Tunneln von Gaza heraus zu leiten. Seine Ernennung habe „weitgehend symbolischen Charakter“.

Mit seiner Beförderung dürfte sich die Hamas weiter radikalisieren, vermuten Terrorexperten in Tel Aviv. Sinwars Macht innerhalb der Hamas sei nun uneingeschränkt. US-Außenminister Antony Blinken betonte, ein Abkommen über eine Waffenruhe im Gazastreifen liege in der Macht Sinwars.

Iron Dome soll Erfolgsquote von 90 Prozent haben

Israel verlässt sich bei der Verteidigung gegen die drohenden Angriffe von allen Seiten vor allem auf sein komplexes Luftverteidigungssystem, das mit mehreren Reichweiten arbeitet. Kurzstreckenraketen- und Mörserangriffe können von dem als „Eisenkuppel“ (Iron Dome) bekannten System abgefangen werden, dessen Erfolgsquote laut israelischen Quellen mehr als 90 Prozent beträgt.

Größere ballistische Raketen und Marschflugkörper mit einer Reichweite von bis zu 300 Kilometern können durch die David’s Sling unschädlich gemacht werden. Gegen Langstreckenraketen setzt Israel das Arrow-System ein.

Der ehemalige Armeesprecher Yohanan Ben Jacob sagt, zudem könne die Luftwaffe Raketen von Kampfflugzeugen aus unschädlich machen. Im April konnten der Iron Dome und andere israelische und US-amerikanische Raketenabwehrsysteme eine Salve hoch fliegender ballistischer Raketen, die vom Iran abgefeuert wurden, weitgehend abwehren.

Aber der Iran ist weit weg. Die Geschosse können deshalb relativ leicht entdeckt und abgefangen werden. Die Hisbollah hingegen steht  unmittelbar an Israels Grenze im Norden. Ihre Raketen und Drohnen erreichen Israel in kürzester Zeit, oft in nur wenigen Sekunden.

Das israelische Abwehrsystem hat zudem gefährliche Lücken, warnen Experten. Israel verfüge nicht über eine unendliche Anzahl von Abfangraketen, sagt Zvika Haimovich, ein pensionierter Brigadegeneral.

Die Hamas hat Jahja Sinwar zum Nachfolger des getöteten Miliz-Chefs Hanija ernannt. Er gilt als Kopf des Angriffs vom 7. Oktober, der den Gaza-Krieg ausgelöst hat. Der Kurs gegen Israel dürfte damit noch schärfer werden.

Die Hisbollah verfüge heute über die doppelte oder dreifache Anzahl von Raketen und Flugkörpern, die die Hamas am 7. Oktober abgefeuert hat, sagt Haimovich. Das israelische Abwehrsystem könnte durch die Quantität überfordert werden. Die Hisbollah besitze zudem präzisionsgelenkte Waffen: Diese könnten den Iron Dome außer Kraft setzen, indem die Raketenabschussrampen angegriffen werden.

Auch Yehoshua Kalisky vom Institut für Nationale Sicherheitsstudien in Tel Aviv sagt, das Abwehrsystem habe Schwierigkeiten, mit den Taktiken der Hisbollah fertigzuwerden.

Israelische Raketenabwehr könnte schnell überwältigt sein

Außerdem stellten unbemannte Luftfahrzeuge (UAVs) ein Problem für das Radarsystem des Iron Domes dar, sagt Kalisky. Die UAVs bestehen aus kohlenstoffhaltigen Materialien wie Holz und Kunststoff, die der Radar nicht so gut reflektiere wie Metallraketen. Kalisky sagt: „Es ist sehr schwierig, sie zu entdecken“.

Die israelischen Iron-Dome-Raketenabwehrbatterien laufen deshalb Gefahr, bei den ersten Schlägen eines deutlich eskalierten Konflikts mit der Hisbollah überwältigt zu werden, warnen Experten in den USA und in Israel.

Ein dreijähriges Forschungsprojekt des israelischen Instituts für Terrorismusbekämpfung der Reichman-Universität, das kurz vor dem Hamas-Angriff am 7. Oktober abgeschlossen wurde, kam zum Schluss, dass die Hisbollah bis zu 3000 Raketen pro Tag abfeuern könnte, eine Rate, die sie bis zu drei Wochen lang aufrechterhalten könnte. Ihr Hauptziel wäre es, den Zusammenbruch der israelischen Luftverteidigung zu erzwingen, warnen die Forscher.

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Im Libanon wächst die Sorge vor einem Kriegsausbruch zwischen der Hisbollah-Miliz und Israel. Viele Länder haben ihre Bürger bereits dazu aufgefordert, den Libanon zu verlassen. Zudem setzen einige Fluggesellschaften ihre Flüge in die Region aus.

Deswegen setzt Israel auf Unterstützung aus dem Ausland. Der israelische Armeesender berichtete, der israelische Verteidigungsminister Joaw Galant habe in den vergangenen Tagen mit den Verteidigungsministern der USA, Großbritanniens, Deutschlands und Italiens gesprochen.

Hintergrund sei der Versuch, „so viele Partner wie möglich für eine internationale Koalition anzuwerben, die Israel unterstützen würde“. Bei dem Gespräch zwischen Galant und dem deutschen Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) gab es laut einem Ministeriumssprecher keine konkreten Ergebnisse, es sei um ein Lagebild gegangen.

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