Enno-Ilka Uhde: Dieser Regisseur schafft einen „Vorhang für ein Fußballspiel“
Karlsruhe. Früher liefen bei einem Spiel der deutschen Nationalmannschaft die Spieler ein, eine Blaskapelle spielte mehr schlecht als recht die Nationalhymne des Gastes, teils begleitet von einem gellenden Pfeifkonzert der Heimfans. Mitunter kauten die Spieler Kaugummi, statt artig die Hymne mitzusingen.
Heute, in Zeiten der wertschätzenden Kommunikation, läuft ein gastfreundliches kleines Bewegungsspektakel ab. Inszeniert wird es von Enno-Ilka Uhde.
Der 76-jährige Regisseur und Performance-Designer leitet schon seit Jahren das künstlerische Programm bei Spielen der deutschen Nationalmannschaft. „Wir schaffen ein dynamisches Gesamtbild, in das die Spieler eintauchen. Ein Vorhang für ein Fußballspiel, nicht mehr, aber auch nicht weniger“, sagt er.
Auch bei den Spielen der deutschen Nationalmannschaft am Samstag und Dienstag gegen Ungarn und die Niederlande wird Uhde wieder die ersten Minuten mit seiner Show gestalten. Sein Know-how und seine Erfahrung reichen aber weit über den Sport hinaus.
Jugendliche rennen unter Musikbegleitung aufs Spielfeld, entfalten die 150 Quadratmeter großen Flaggen der beiden Mannschaften im Laufschritt. Eine runde, 400 Quadratmeter große Plane mit Sponsorenlogo bedeckt den Mittelkreis. Vier kleinere Planen mit jeweils einem Stern symbolisieren die Weltmeistertitel Deutschlands. „Performance ist die Visualisierung einer Idee in einem Bild, in einer Bildinstallation“, erklärt Uhde.
So pompös seine Bildinstallationen sind, so zurückhaltend ist Uhde in der Kommunikation über sich selbst. Dabei hätte er eigentlich viel zu erzählen.
Uhde hat schon mit den international bekannten Schauspielern Peter Ustinov oder Tony Curtis zusammengearbeitet, mit den Sängerinnen Ute Lemper und Montserrat Caballé, mit den Berliner Philharmonikern sowie mit den Musikgrößen Lionel Richie, José Carreras, Herbert Grönemeyer, Andrea Bocelli und David Garett.
Für die Freizeitzentren des Europa-Parks verantwortete er mehr als 15 Jahre lang die künstlerischen Shows, erst durch ihn wurden diese anspruchsvoll und groß. Inhaber Roland Mack engagiert Uhde auch heute noch, wenn aus Familienfeiern etwas Besonderes werden soll. Nur nicht mehr so oft. Denn Uhde neigt zur großen Geste, und die ist mit Kosten verbunden.
„Mir geht es darum, Größe in einem Moment zu produzieren. Kurz Gas geben, wie mit einem Porsche, und dann ausrollen lassen“, sagt Uhde.
Berti Vogts stellte Kontakt zum DFB her
„Wenn das Spiel nur so gut würde wie die Zeremonie, dann kann ja nichts schiefgehen“, hat Franz Beckenbauer einmal als Fernsehkommentator zu Uhdes Vorprogramm bei einem Spiel des europäischen Vereinswettbewerbs Champions League gesagt. Uhdes guter Kontakt zum DFB ist allerdings durch Berti Vogts entstanden.
Während seiner Zeit als Bundestrainer besuchte dieser privat eine Performance im Europa-Park und fragte Uhde, ob er sich nicht mal etwas für Länderspiele einfallen lassen könnte. Uhde konnte. Seitdem läuft sein Vertrag mit dem Deutschen Fußball-Bund (DFB), er gilt noch bis 2026. Im Nebenraum von Uhdes Eventagentur „Industrial Theater“ in Karlsruhe warten unzählige Länderflaggen auf ihren nächsten Einsatz.
Uhde ist ein künstlerischer Kleinunternehmer. Sein engstes Team besteht aus zehn Leuten, seine Frau und eine seiner vier Töchter organisieren die Agentur. „Jeder meiner Inszenierungen liegt eine philosophische Idee zugrunde, die den Anlass der Inszenierung aufgreift und den Raum, in dem sie stattfindet“, sagt Uhde.
Es gehe immer zunächst darum, die Essenz der Veranstaltung zu erkennen und diese dann in ein Gefühl übergehen zu lassen. „Es ist der magische Moment, der die Zuschauer für die Dauer der Performance verzaubert.“
Kritik der Kommerzialisierung weist er ab
Uhde arbeitet auch als bildender Künstler. Er schuf das Großwerk zur Karlsruher Stadtgeschichte „Back to Bambi“, die Skulptur zum 25-jährigen Jubiläum der Wiedervereinigung „Werdet Brüder“ und die Ausstellung „In Frieden und Freiheit – 70 Jahre Bundesrepublik“. Auch Feste des Bundeskanzlers richtete er schon aus. Zu seinen Firmenkunden gehören Mercedes-Benz, Volkswagen, Bertelsmann oder Burda. Seit zwölf Jahren lehrt er als Professor an der Hochschule für Musik in Karlsruhe.
Kritiker tadeln Uhde für eine zu kommerzielle Ausrichtung seiner Kunst. Ihn lässt das kalt: „Ich habe noch nie einen Cent staatlicher Förderung bekommen, arbeite nie angestellt und gehe in Vorleistung und Risiko.“
Bei der Umsetzung seiner Projekte verlässt Uhde sich gern auf seinen Spieltrieb. In seinem Büro in der Karlsruher Innenstadt tummeln sich Blechfiguren, Spielzeugkarussells und Eisenbahnen, die er gern vorführt. Auch dazu spielt er gern Musik, damit die Kunden ein Gefühl für die Faszination des Augenblicks bekommen.
Als Kind regelmäßiger Gast der Oper
Schon als kleines Kind schlich Enno-Ilka Uhde sich oft in die Oper seiner Geburtsstadt Wiesbaden. Irgendwann kannten Kontrolleure ihn und ließen ihn ohne gültiges Ticket eintreten. Das Spektakel vor und die Abläufe hinter der Bühne faszinierten ihn.
Nach dem Studium der Musik und des Operngesangs am Konservatorium Wiesbaden studierte Uhde an der Universität Frankfurt Germanistik, Politologie und Philosophie. Dramaturgische und inszenatorische Arbeiten an staatlichen Theaterbühnen, Produktionen für Industrie und Fernsehen folgten. Unter seiner Leitung entstanden in den vergangenen zwanzig Jahren in freier Regie viele Bühnen- und Fernsehproduktionen, Revuen, Shows, Performances, Dinnershows, Galaabende und Konzertveranstaltungen. Nun liegt der Fokus auf seinem Vorhang für den Sport.
Die Inszenierung von Thomas Jolly bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Paris lobt Uhde: „In dieser Form mit der Stadt als Kulisse einzigartig, nicht wiederholbar.“ Könnte Deutschland auch so etwas? „Ja klar, in Berlin“, meint Uhde, schränkt aber gleich ein: „Dafür braucht es Zeit, Geld, Ideen und kreativen Mut.“
Erfahrung sei zweitrangig, wie das Beispiel des 42-jährigen Jolly zeigt. Er bekam von den Organisatoren in Paris viele Freiheiten gegeben. Uhde sieht darin die Ursache, weshalb die kurzweiligen, durchinszenierten viereinhalb Stunden leicht wirkten, Humor, Ironie, Weltoffenheit und Toleranz transportierten. „Das war ein ganz großes Signal an totalitäre Staaten, wie man so etwas macht und wofür Frankreich, Europa und die freie Welt stehen“, findet Uhde.
Performances in einem Stadion seien speziell, wenn alle Blicke auf das Spielfeld gerichtet sind. Dass es dann nicht immer klappt, zeige die olympische Schlussfeier. Vieles sei darin diffus gewesen, kompliziert und nicht wirklich überraschend. Uhde hätte gern seine Erfahrung eingebracht, um die Show zu verbessern, wurde aber nicht angefragt. In solchen Momenten wäre er dann doch gern ein paar Jahre jünger.