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BörsengängeWarum die schwedische Börse deutsche Mittelständler anzieht

Weil die Schweden bereit sind, frühzeitig in Aktien zu investieren, ziehen die Börsen in Stockholm auch immer mehr deutsche Mittelständler an.Stefan Terliesner 26.08.2024 - 13:33 Uhr Artikel anhören
Börse in Stockholm: Der Finanzplatz Schweden ist auch bei ausländischen Unternehmen beliebt. Foto: Nasdaq Nordic

Köln. Börsengänge von Mittelständlern sind in Schweden einfach und günstig – auch für deutsche Adressen. Aktuell bereitet die Bentley Innomed aus Hechingen ein Listing an der Börse „Nasdaq First North Premier Growth“ in Stockholm vor. Die Firma stellt Produkte zur Behandlung von Gefäßerkrankungen her. Seit der Gründung 2009 ist sie stark gewachsen und benötigt für die weitere Expansion Kapital.

Dass Bentley für den Börsengang Stockholm statt Frankfurt wählt, hat einen Grund: „Der schwedische Kapitalmarkt bietet die besten Voraussetzungen für Medtech-Unternehmen dieser Größe, was nicht zuletzt an der lebhaften Privatanlegerszene liegt“, erklärt CEO Sebastian Büchert.

„Aber derzeit sind die Märkte eher schwach, sodass wir entschieden haben, mit dem geplanten Börsengang zu warten. Wir sind stark im Cashflow und somit in der vorteilhaften Lage, den optimalen Zeitpunkt abwarten zu können. Wir sind bereit, wenn die Märkte bereit sind“, unterstreicht Büchert.

Das Faible vieler Schweden für Aktien bestätigt Adam Kostyál, Präsident der Nasdaq Stockholm: „Die Aktienkultur ist stark ausgeprägt. Mehr als ein Drittel der Bevölkerung besitzt ein Aktiensparkonto.“ Das Land verfüge über ein „sehr attraktives Kapitalmarkt-Ökosystem mit einer großen Anzahl an Investoren, die bereit sind, auch in kleine und mittlere Unternehmen zu investieren.“

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Vor allem sogenannte Cornerstone-Investoren seien wichtig. Diese dürften bereits vor einem Listing Aktien erwerben. Danach unterstützten sie den Aspiranten beim Börsengang, bauten insbesondere ein Netzwerk aus Fachleuten auf. Dazu zählen Analysten, Anwälte und Investor Relations-Agenturen.

Für einen Emittenten hat der frühe Einstieg eines „Eckpfeiler-Investors“ den Vorteil, dass dieser seinen Namen einbringt und so vertrauen in den IPO-Kandidaten erzeugt. Ein Nachteil ist, dass beim Börsengang weniger Aktien zur Verfügung stehen.

660 Börsengänge in zehn Jahren

Kostyál zufolge gab es von 2014 bis heute etwa 660 Börsengänge, darunter etliche von ausländischen Adressen: „Der schwedische Kapitalmarkt kann eine große Lücke auch für kleine und mittlere Unternehmen aus Deutschland schließen“, wirbt er für den eigenen Handelsplatz, an dem derzeit 763 Gesellschaften gelistet sind. Zwei Unternehmen aus Deutschland, die bereits eine Notierung an der Nasdaq Stockholm vollzogen haben, seien Verve Group und Traton.

Auch Klaas Rackebrandt, Gründer und Chef von Scalania, einem Hamburger Unternehmen, das junge deutsche Firmen auf den Weg an schwedische Handelsplätze begleitet, kennt die Vorzüge des Landes. „Dort gibt es Liquidität für Börsengänge“, hebt er einen wichtigen Punkt hervor: „Das bestehende Ökosystem um diese Listings herum schafft viel Transparenz und sorgt mit seinen Standards für niedrige Kosten.“

Selbst für kleinste Börsengänge mit Emissionsvolumen von nur zwei bis zehn Millionen Euro stünden für Investoren ausreichend Informationen zur Verfügung. So kleine Volumina seien in Schweden möglich an den beiden Börsensegmenten für Wachstumsunternehmen, Nordic Growth Market und Nasdaq First North Growth sowie einem börsenähnlichen Handelssystem von Spotlight.

Modern, fortschrittlich und gut entwickelt

Der Nordic Growth Market gehört zur Gruppe Börse Stuttgart. Wie CEO Matthias Voelkel berichtet, ist man in Schweden die Nummer zwei nach der Nasdaq Stockholm mit ihren Segmenten First North Growth, First North Premium Growth und Main Market.

„Der schwedische Kapitalmarkt ist modern, fortschrittlich und gut entwickelt. Europa kann in Sachen Kapitalmarktreife und Anlagekultur von Schweden lernen“, betont Voelkel. Allein in den letzten Monaten habe der Nordic Growth Market 15 neue Listings von Wachstumsunternehmen gewinnen können.

763
Unternehmen sind derzeit an der Börse Nasdaq Stockholm notiert. Die Bereitschaft, Aktien zu kaufen, ist in Schweden hoch.
Quelle: Nasdaq Schweden

Die Aktienkultur in Schweden hat ihre Wurzeln in Reformen vor 30 Jahren. Damals sank die Wettbewerbsfähigkeit. Das Budgetdefizit war hoch und die Staatsverschuldung lag bei 68 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

„Wer Schulden hat, ist nicht frei“, lautete das Credo des sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Göran Persson, der nach dem Regierungswechsel 1994 den Sparkurs fortsetzte. Überall wurde gespart, „nur bei Kindergärten und Bildung nicht“, heißt es in einem Report des Verbands BDEW.

Jan Sandred, Manager bei der Innovationsagentur Vinnova, erklärt die Anfänge: Die „Home-PC-Reform“ in den 1990er-Jahren habe der Bevölkerung die Nutzung von Computer und Internet ermöglicht. Damals führte die Regierung im ganzen Land subventionierte PCs und Breitbandanschlüsse ein.

Einfache Versteuerung von Kapitalerträgen

„Viele Personen, die von der Reform profitierten, gründeten später Technologieunternehmen“, sagt Sandred. Die Digitalinfrastruktur schuf „eine Gesellschaft von Early Adopters“. Damit das so bleibt, soll Schweden bis 2025 mit Hochgeschwindigkeitsinternet versorgt sein.

Eine weitere Reform betraf die Rente. Das System wurde 1994/98 umgebaut und 2023 vollständig neu eingeführt. Seitdem fließen 2,5 Prozent der steuerpflichtigen Einkünfte in eine Aktienrente, ergänzend zur umlagefinanzierten Altersrente. Die Bürger entscheiden selbst, ob sie das Geld in einen staatlichen oder privaten Fonds investieren möchten.

Thorsten Müller, Vorstandschef der DVFA, der Standesorganisation der Finanzprofis in Deutschland, verweist auf die einfache Besteuerung von Kapitalerträgen in Schweden mit einem Prozent pro Jahr auf den Portfoliowert am Jahresende. Auch das sei ein Treiber der starken Nachfrage von Privatanlegern.

„Insgesamt“, resümiert Rackebrandt, „ist die Aktienanlage in Schweden deutlich gängigere Praxis als in Deutschland.“ Schwedische Anleger hätten gelernt, dass Investments in junge Firmen mit hohen Risiken, aber auch mit großen Gewinnchancen verbunden seien. Oft seien sie sogar bereit, sich in der Gründungsphase an einem Start-up zu beteiligen.

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Die frühe Börsenfinanzierung habe insgesamt „einen großen gesellschaftlichen Nutzen“. Innovationen würden zu Geschäftsideen, diese seien die Basis für Start-ups. Dank der neuen Finanzierungsalternativen könnten die Jungunternehmen ihr Wachstum fortsetzen und somit letztlich neue Arbeitsplätze, Einkommen, Steuereinnahmen und Wohlstand schaffen.

Erstpublikation: 25.08.2024, 13:36 Uhr.

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