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Das Start-up Repair Rebels will Reparieren wieder sexy machen. Foto: PR

NachhaltigkeitDas Amazon für kaputte Jeans

Eine Hose flicken zu lassen soll so einfach sein, wie eine im Internet zu bestellen. Das verspricht die Online-Plattform Repair Rebels – und lockt mit mehr als einem grünen Gewissen.Sebastian Dalkowski 26.10.2024 - 12:47 Uhr Artikel anhören

Düsseldorf. Wäre doch zu schön, wenn die Frau, die Reparieren statt Konsumieren fordert, selbst gerade ein neues Outfit trägt. Doch den Gefallen tut Monika Hauck dem Reporter nicht. Der Kaschmirpullover sei 15 Jahre alt, sagt sie. Die Jeans habe sie vor drei Jahren gekauft, die Schuhe vor zehn. Sie zeigt auf eine Sohle, die sich gelöst hat. Hat sie erst heute bemerkt, weil die Schuhe lange im Schrank gestanden haben. Wird sie zum Schuster bringen. Hauck bezeichnet sich selbst als „recovering fashion victim“. Die Zeiten sind vorbei, in denen sie viel Kleidung gekauft hat. So sehr vorbei, dass die 40-Jährige daraus eine Geschäftsidee entwickelt hat.

„Repair Rebels“ heißt die Onlineplattform aus Düsseldorf, auf der Menschen, die Hosen, Pullover, Schuhe, Handtaschen und Schmuck flicken, kürzen, weiten, stopfen und reparieren lassen wollen, mit selbstständigen Handwerkern zusammengebracht werden. Nichts weniger als ein Amazon oder Lieferando für Schneider und Schuster schwebt Hauck vor, eine dezentralisierte Handwerker-Infrastruktur.

Wobei man bei Repair Rebels nicht den Handwerker auswählt, sondern den Reparaturwunsch angibt. Die Plattform sucht dann den Spezialisten. Knapp 50 hat Hauck bisher überzeugt. Die Frage ist bloß: Kann das funktionieren? Im Zeitalter von Fast Fashion, in dem Hosen und Pullover weniger kosten, als sie flicken zu lassen.

Monika Hauck lässt ihre Kleider lieber ausbessern, statt neue zu kaufen. Foto: PR

Zumindest versucht Hauck es nicht bloß mit den üblichen Argumenten wie Klimawandel und grünes Gewissen. Dafür stellt sie nach einigen Minuten eine Teekanne auf den Tisch. Die Kanne hat sie, nachdem der Griff abgebrochen war, mit goldenem Kleber wieder zusammengefügt. Kintsugi heißt diese traditionelle japanische Reparaturmethode für Keramik. Man soll der Teekanne ansehen, dass sie repariert worden ist.

Die reparierte Teekanne. Foto: PR

Auch Handtaschen werden repariert

Repair Rebels ist nicht das erste und einzige Unternehmen in Deutschland, das verspricht, den Gang zum Änderungsschneider zu ersetzen, indem man kaputte Kleidung mit der Post schickt. Doch einige Dinge sind anders. Repair Rebels beschäftigt keine eigenen Handwerker, sondern vermittelt sie. Das Angebot geht über Kleidung hinaus. Repariert werden auch Taschen, Schuhe und Schmuck. Das Unternehmen stellt außerdem seine Software und seine Handwerker anderen Firmen zur Verfügung, die ihrer Kundschaft Reparaturen anbieten wollen. Damit steht Repair Rebels noch ganz am Anfang. Zum Beispiel werden alle Reparaturen eines Taschenherstellers aus Berlin über das Unternehmen abgewickelt.

Ob Repair Rebels bereits ein Erfolg ist, ob die Idee von der Reparatur-Plattform funktioniert, lässt sich mehr als zwei Jahre nach dem Start von außen nicht beurteilen. Hauck möchte nicht viele Zahlen nennen. Zwei Programmierer kümmern sich in der Ukraine um die Website, zwei Teilzeitkräfte zusammen mit Hauck um das Geschäft in Deutschland.

Zu Umsätzen, Gewinnen und Zahl der Kunden möchte sie nichts sagen, auch nicht, wie viel Geld Repair Rebels für die Vermittlung einbehält. Sagen will sie nur, dass ihr Unternehmen noch keinen Gewinn macht und 30 Prozent der Kunden mehr als einmal im Jahr eine Reparatur beauftragen. Sie sucht noch nach Investoren.

Hauck wirkt nicht wie eine, die schnell aufgibt, wenn’s schwierig wird. Den Wert von Reparatur und Handwerk hat sie schon als Kind entdeckt. Nicht aus Sorge um die Umwelt, sondern aus Notwendigkeit. Sie wuchs in Litauen auf, das bis Anfang der 90er noch zur Sowjetunion gehörte. Guter Stoff war Mangelware. „Wenn man schön aussehen wollte, musste man es selbst machen“, sagt sie. Ihre Mutter freute sich über jede Burda-Zeitschrift mit Schnittmustern. „Mein Lieblingskleid nähte sie aus einem ihrer Kleider“, sagt Hauck. Schon damals gewöhnte sich Hauck an, niemals Kleidung wegzuwerfen.

Hauck war selbst ein Fashion Victim

Spätestens mit 15 aber endeten die Zeiten des Mangels für Hauck. Sie begann zu modeln, reiste viel. Ihre Kleiderschränke füllten sich. Noch machte sie sich keine großen Gedanken darüber, wie schädlich die Modeindustrie für den Planeten ist. Fast Fashion mit den vielen Produktionsstätten in Bangladesch und Südostasien stand zur Jahrtausendwende noch am Anfang, sagt sie. Fast Fashion, das heißt Kleidung, die so billig ist, dass man sie ein paar Mal trägt, wegwirft und neue kauft.

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Haucks Einstellung zur Modeindustrie änderte sich erst nach ihrem Ausstieg als Model. In Düsseldorf lernte sie den Mann kennen, den sie heiraten würde. Sie studierte an der WHU Otto Beisheim School of Management, bekam eine Tochter, die heute 15 ist. Da lag es nahe, sich darüber Gedanken zu machen, welchen Planeten man der Nachwelt hinterlässt.

2013 stürzte die Rana-Plaza-Textilfabrik in Bangladesch ein. Mehr als 1000 Menschen starben. „Die Neuigkeiten konnte ich nicht aus meinem Kopf rauskriegen“, sagt sie. Hauck sah den Dokumentarfilm „The True Cost“, der sich mit den negativen Folgen von Fast Fashion für Mensch und Umwelt beschäftigt. Als sie zu Innovation in der Modebranche promovierte, erkannte sie, dass es mit Innovation nicht weit her war, bloß wenn es darum ging, immer mehr Kleidung zu verkaufen. Die Löhne in Asien waren so niedrig, dass die Branche Innovationen einfach aufschieben konnte. Hauck wollte nicht, dass es so weiterging.

Beim Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza im Jahr 2013 starben 1134 Menschen. Foto: Reuters

Nach ihrer Promotion leitete sie das WHU Entrepreneurship Center, das Jungunternehmern beim Gründen half. Auch Hauck machte sich Gedanken über ein eigenes Unternehmen. Eine nachhaltige Modemarke sollte es werden. Aber von denen gab es schon so viele, und auch diese Kleidung wurde hergestellt und irgendwann wieder weggeworfen. Die nachhaltigste Mode ist doch die, die wir schon haben, dachte sie. Sorgsam mit dieser Kleidung umzugehen, das war der erste Schritt, aber eines Tages war sie doch verschlissen. Dann hatte man die Wahl zwischen Wegwerfen und Ausbessern. Warum entschieden sich so wenige für die zweite Möglichkeit?

Hauck stieß auf eine repräsentative Greenpeace-Umfrage aus dem Jahr 2015. Die kam zu dem Ergebnis, dass fast die Hälfte der befragten Personen noch nie ein Kleidungsstück hatte reparieren lassen.

Zum Beispiel, weil viele Leute überhaupt nicht mehr auf dem Schirm hatten, dass man eine Hose auch ausbessern lassen konnte, statt eine neue zu kaufen. Änderungsschneider gab es genug. Bloß war die Branche sehr analog, stellte Hauck fest. Sie hatten keine Website, man musste sie erst mal finden, dann hingehen, später das Kleidungsstück wieder abholen. Viel zu umständlich.

Hauck kam zu dem Ergebnis, dass es keine weitere Änderungsschneiderei brauchte, sondern eine Onlineplattform, die diese zusammenführte wie Lieferando Restaurants. So sollte es für Kunden genauso einfach werden, eine Hose reparieren zu lassen, wie eine neue bei Amazon zu bestellen. Das war der Start für „Repair Rebels“. Zunächst nur in Düsseldorf, danach Köln, wo die löchrige Kleidung mit dem Rad abgeholt und nach der Reparatur wieder zurückgebracht wird. Für den Rest von Deutschland bietet das Unternehmen Paketversand an.

Bequemlichkeit ist das eine, Überzeugung das andere. Warum sollten Menschen eine Hose reparieren lassen, wenn es billiger ist, eine neue zu kaufen?

Ein schlechtes Gewissen reicht nicht

Hauck weiß, dass die Warnung vor dem Klimawandel, dass ein schlechtes Gewissen allein nicht reichen. Denn so eine Reparatur kostet. Bei Repair Rebels zahlt man 18 Euro für das Stopfen einer Jeans, 45 Euro dafür, den Reißverschluss eines Kleides austauschen zu lassen. Es gibt neue Jeans und Kleider, die weniger kosten. Selbst dann noch, wenn statt 19 Prozent irgendwann gar keine Mehrwertsteuer mehr auf Reparaturen fällig ist, wie Hauck fordert.

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Einige Kunden seien einfach froh, dass sie eben nicht wieder shoppen müssten, sondern die alte Hose länger tragen könnten. Das gilt besonders für Männer. „Die sind loyaler bei ihren Kleidungsstücken“, sagt Hauck.

Andere mag die Gewissheit überzeugen, dass ihr Kleidungsstück in guten Händen ist. Repair Rebels arbeitet mit Handwerkern aus ganz Deutschland, Schneidern, Schustern, Goldschmieden, Menschen, die auf Sneaker- oder Jeansflicken spezialisiert sind. Die Kunden erfahren, wo ihr Lieblingspullover landet. Die Website stellt die Handwerker vor. Bei einem von ihnen holt Hauck nach dem Interview eine Mütze ab, die noch ihr Opa getragen hat, vor 60 Jahren schon. Der Änderungsschneider Yusuf Gürbüzer hat sie wieder in Schuss gebracht.

Der 56-jährige Kurde ist in der Türkei aufgewachsen, wohnt seit mehr als 20 Jahren in Düsseldorf. Wie viel Wert er auf Qualität legt, zeigen schon seine Visitenkarten, die stabil sind wie Bierdeckel. Gelernt hat er Herrenschneider. Wie so viele hat er nicht als Änderungsschneider angefangen, sondern erst umgestellt, als sich kaum mehr jemand Kleidung maßschneidern ließ. Er hat auch ohne Repair Rebels genug Kunden. „Aber mir hat die Idee gefallen.“

Yusuf Gürbüzer steht in seiner Änderungsschneiderei in Düsseldorf. Foto: Sebastian Dalkowski

Hauck setzt aber noch auf ein anderes Argument, um für Reparatur statt Kauf zu werben. Es ist vielleicht das stärkste. Jede Ausbesserung und Änderung macht aus einer Hose, einem Pullover ein Unikat, sogar aus Fast Fashion. Etwas, das man nicht von der Stange kaufen kann. Kleidungsstücke gewinnen ihren Wert auch durchs Tragen, durch Erinnerungen. Manche Leute schicken die ältesten Pullover, berichtet sie. „Da muss ich selbst grinsen und frage mich: Muss man das wirklich noch reparieren?“ Man muss, denn dieser Pullover mit besonderen Erinnerungen existiert nur einmal.

Hauck will so mit Repair Rebels zu einem Sinneswandel beitragen. Die Leute sollen über ihre reparierte Kleidung sprechen, statt es zu verheimlichen. So wie Hauck es mit ihrer Teekanne macht. Sie sollen die Unikate stolz herzeigen. Auf einer Postkarte des Unternehmens ist zu lesen: „Only old people repair“. Aber das „old“ ist durchgestrichen, daneben steht „sexy“.

Ein echtes Unikat. Wo früher Löcher waren, sind heute bunte Flecken. Foto: PR

Bloß Kunden zu überzeugen, das reicht nicht aus für die Rebellion. Denn auch die Unternehmen sollen mitmachen. Wie aber lassen sich die dazu bringen, ihre Kleidung lieber zu reparieren als zu verkaufen? Immer mehr Unternehmen verstünden, dass Reparaturen Kunden binden, sagt Hauck. Sie legen sich eher ein Kundenkonto an, bleiben dem Unternehmen treu. „Treuer Kunde ist immer besser als neuer Kunde.“ Denn der muss erst angelockt werden.

Hauck wünscht sich, dass „Care and repair“ ein neues Segment in der Modebranche wird. Vielleicht wird Kleidung teurer, weil eine Reparatur auf Kosten des Herstellers schon einkalkuliert ist. Unternehmen könnten Kleidung vermieten statt verkaufen. Sie könnten Ersatzteile anbieten, Kragen, Futter.

Recht auf Reparatur

Unternehmen, die jetzt umstellen, sind vorbereitet, wenn die EU die „Extended Producer Responsibility“ ausdehnt, die erweiterte Herstellerverantwortung. Bisher müssen sich nur Produzenten von Batterien, Verpackung und Elektrogeräten um den gesamten Lebenszyklus einer Ware kümmern einschließlich der Entsorgung. Bald wird das auch für Textilien gelten, ein Datum steht allerdings noch nicht fest. Die Niederlande und Frankreich haben die erweiterte Verantwortung bereits freiwillig eingeführt. Auch das Recht auf Reparatur ist in der Diskussion.

Für Hauck geht es um mehr, als bloß Pullover und Jeans nicht wegzuschmeißen. „Reparieren ist ansteckend.“ Wer zuerst nur ein Lochen stopfen lässt, stopft es beim nächsten Mal vielleicht selbst und repariert später auch einen Stuhl oder das Fahrrad.

„Wenn wir unsere Kleidung reparieren können, können wir alles im Leben reparieren und die Welt ein Stück besser machen“, hat Hauck mal gesagt. Das gelte auch für Beziehungen. Sie findet: Lieber die kriselnde Beziehung reparieren, als sich eine neue zu tindern.

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Erstpublikation: 25.10.2024, 09:28 Uhr

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