Best Lawyers Special: Große Deals und wachsende Umsätze – Wirtschaftsanwälte bleiben gefragt
Düsseldorf. Der größte Deal des Jahres war gleichzeitig ein Hochamt für die M&A-Spezialisten vieler namhafter Kanzleien: Mitte September verkündete der dänische Logistikkonzern DSV die 14,3 Milliarden Euro schwere Übernahme der Deutsche-Bahn-Logistiktochter Schenker. Die Dänen vertrauten dabei auf ein Team von Freshfields Bruckhaus Deringer, auf der Verkäuferseite standen die Juristen von Hengeler Mueller.
Nicht nur der Kaufpreis war außergewöhnlich, auch die Komplexität: Zusammen generieren DSV und Schenker einen Umsatz von rund 39,3 Milliarden Euro und beschäftigen rund 147.000 Mitarbeiter in mehr als 90 Ländern.
Neben Freshfields und Hengeler waren zahlreiche weitere Kanzleien mit dem Verkauf von Schenker befasst. Die Deutsche Bahn hatte die Logistiktochter schon vor längerer Zeit zum Verkauf gestellt. Deshalb gab es zahlreiche Interessenten. Sowohl strategische Investoren als auch Private-Equity-Firmen prüften den Kauf – und engagierten ihrerseits Kanzleien.
So beauftragte die Großreederei Maersk A&O Shearman und der saudi-arabische Reedereikonzern Bahri Clifford Chance. Die Finanzinvestoren CVC und Carlyle agierten zunächst im Verbund und ließen sich von Milbank beraten. Als Carlyle ausstieg, kamen andere Co-Investoren hinzu, jeweils flankiert durch eigene Rechtsberater.
Zuletzt wurde bekannt, dass CVC das Auswahlverfahren infrage stellt und sein Angebot nachbessern will. In Summe befasste sich eine deutlich dreistellige Zahl von Wirtschaftsanwälten mit dem Verkauf von Schenker.
Abgeschlossen sind die juristischen Arbeiten nicht. Denn der Deal ist zwar unterzeichnet, aber noch nicht in trockenen Tüchern – nicht nur wegen der CVC-Volte. Auch die Zustimmung des Aufsichtsrats und des Eigentümers steht aus, und die Wettbewerbsbehörden müssen noch grünes Licht geben.
„Die Zustimmung der Kartellbehörden sollte aber keine allzu große Hürde darstellen“, sagt Hans-Jörg Ziegenhain, der bei Hengeler Mueller den Deal federführend begleitet hat. Zwar bilden Schenker und DSV ein neues Logistik-Schwergewicht. Trotzdem wäre der neu geformte Konzern weit davon entfernt, den Markt zu beherrschen.
Highlight für eine erfolgsverwöhnte Kanzlei
„Bei der Beratung der Deutschen Bahn konnte unsere Kanzlei ihre Stärken ausspielen. Neben der M&A-Expertise ist der Deal auch beihilferechtlich anspruchsvoll“, sagt Ziegenhain. Jan Bonhage und Thomas Ruthemeyer gelten als Hochkaräter auf diesem Gebiet und waren eng eingebunden. Hengeler Mueller hat anders als einige Wettbewerber immer an der beihilferechtlichen Praxis festgehalten. Zusammen haben die verschiedenen Teams seit etwa zweieinhalb Jahren an der Transaktion gearbeitet.
Der Schenker-Verkauf war selbst für die erfolgsverwöhnte Spitzenkanzlei ein Highlight. Aber auch abseits solcher Mega-Deals laufen die Geschäfte von Hengeler Mueller prächtig – trotz des wirtschaftlich schwierigen Umfelds. Im Geschäftsjahr 2023 konnte die Kanzlei laut dem juristischen Branchendienst Juve ihren Umsatz gegenüber dem Vorjahr um 14,5 Prozent auf 355,5 Millionen Euro steigern. Damit liegt Hengeler hinter Freshfields und CMS Hasche Sigle auf Platz drei der umsatzstärksten Kanzleien in Deutschland.
Auch im Jahr 2024 läuft es für Hengeler gut – nicht nur wegen des Schenker-Verkaufs. Ziegenhain gibt sich überzeugt davon, dass das Vergütungssystem einer der Erfolgsfaktoren der Kanzlei sei. Denn anders als bei den meisten anglo-amerikanischen Law Firms verteilt Hengeler die Gewinne an ihre Partner ausschließlich nach Seniorität. „Damit stärken wir die Teamarbeit. Uns liegt es daher fern, innerhalb der Kanzlei gegeneinander zu konkurrieren“, sagt Ziegenhain. In der Branche bezeichnet man dieses Vergütungssystem als Lockstep-Modell.
Dass Hengeler Mueller auf ein quasi sozialistisches Vergütungssystem setzt, ändert nichts daran, dass sich die Kanzlei seit Jahrzehnten an der Marktspitze behauptet. Die Folge ist auch, dass die Sozietät ein relativ breites Beratungsspektrum anbietet – von der Arbeitsrechtspraxis über Compliance und Litigation bis hin zur Restrukturierungsberatung, die derzeit sehr stark nachgefragt ist. Besonders erfolgreich war Hengeler im Kapitalmarktrecht, dort wurde sie im Ranking vom Handelsblatt-Kooperationspartner Best Lawyers zur Kanzlei des Jahres gekürt.
US-Kanzleien: Wo das meiste Geld verdient wird
In aller Regel vergüten die Sozietäten zumindest teilweise erfolgsabhängig. Besonders ausgeprägt ist die Gewinnverteilung nach Erfolg traditionell bei Kanzleien mit Stammsitz in den USA. Hier gilt das Motto: „Eat what you kill.“ Das heißt: Die höchsten Gewinne werden an diejenigen ausgeschüttet, die die profitabelsten Mandate akquiriert und bearbeitet und damit den Umsatz reingeholt haben.
Bei amerikanischen Kanzleien ist dieses Prinzip der Gewinnverteilung nach Erfolg bis heute weit verbreitet. Weil die Beratungen bei Transaktionen, Finanzierungen oder Restrukturierungen sehr lukrativ sind, konzentrieren sich US-Einheiten wie Willkie Farr & Gallagher, Kirkland & Ellis oder Sullivan & Cromwell vor allem auf diese Geschäftsfelder. Auf der anderen Seite führt diese Fokussierung dazu, dass weniger profitable Rechtsgebiete gar nicht erst angeboten werden.
Besonders viel Geld lässt sich mit M&A, Bank- und Kapitalmarktrecht, Finanzrecht und der Beratung großer Private-Equity-Häuser verdienen. Generell gilt: Je internationaler der Konzern, desto größer ist die Bereitschaft, auch höhere Anwaltshonorare zu akzeptieren. Ohnehin sind es weltweit tätige Unternehmen in anderen Ländern gewohnt, für Rechtsdienstleistungen mehr auszugeben als deutsche Firmen.
Vor allem in den USA oder in Großbritannien fallen die Rechnungen der Anwälte meist deutlich höher aus. Das ist ein Grund dafür, dass sich die angloamerikanischen Kanzleien in Deutschland tendenziell auf weniger, ausgewählte Rechtsgebiete beschränken. Wenn die Wirtschaft wächst, geht es Kanzleien mit diesem Geschäftsmodell gut. Die Kehrseite: Wenn es schlechter läuft, gibt es weniger Möglichkeiten, die Umsatzausfälle zu kompensieren.
Wirtschaftskanzleien in Deutschland: Wachstum auf breiter Front
Insgesamt konnten sich die Wirtschaftskanzleien in Deutschland trotz der wirtschaftlich schwierigen Zeiten gut behaupten. Viele Anwaltsfirmen haben sich sogar prächtig entwickelt.
Besonders erfolgreich verlief das Geschäftsjahr 2023/2024 für die Kanzlei Luther, die es auf einen Umsatz von 227 Millionen Euro brachte – ein Plus von 16,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Laut Branchenmagazin „Juve“ verbuchte die deutsche Sozietät damit das stärkste Plus der 20 umsatzstärksten Kanzleien – vor DLA Piper mit einem Zuwachs von 15,6 Prozent und Hengeler Mueller mit 14,5 Prozent. Von den Top-20-Kanzleien erzielten 18 höhere Einnahmen als im Vorjahr, neun wuchsen um einen zweistelligen Prozentwert.
Branchenprimus bleibt Freshfields. Nach den neuesten Juve-Zahlen kommt die Firma für 2023/24 auf 530 Millionen Euro Jahresumsatz und hält damit die Nummer zwei CMS Hasche Sigle weiter auf Abstand. Freshfields legte nicht nur gute Zahlen vor: Sie wurde in gleich zwei Kategorien – dem Gesellschaftsrecht und der M&A-Beratung – im Ranking von Best Lawyers zur Kanzlei des Jahres gekürt.
Auch CMS Hasche Sigle konnte einen Doppelsieg verbuchen: Sie wurde in den Rechtsgebieten Energierecht und IT-Recht ausgezeichnet. In jeweils zwei Kategorien konnten außerdem Gleiss Lutz (Wettbewerbs- und Kartellrecht und bei Restrukturierung/Insolvenz) sowie Clifford Chance (Immobilienwirtschaftsrecht und Private Equity) punkten.