Morning Briefing Plus: Olaf Scholz, der Arbeiterführer
Liebe Leserinnen und Leser,
willkommen zurück zu unserem Blick auf die wichtigsten Ereignisse der vergangenen Tage, womit wir bei Olaf Scholz wären, der die Krise der Wirtschaft lange nicht wahrhaben wollte. Waren ja nur ein paar Firmen, die in Schieflage gerieten. Als nur die Unternehmer vor schwierigen Zeiten warnten, war es Scholz egal.
Nun aber, da VW laut darüber nachdenkt, Werke zu schließen und Abertausende Jobs zu streichen, interessiert sich der Kanzler plötzlich für Wirtschaft: „Wir müssen alles dafür tun, um Industriearbeitsplätze in Deutschland zu erhalten“, sagte er vor wenigen Tagen.
Scholz ist jetzt der Arbeiterführer, der die kleinen Leute nicht im Stich lässt. Und er wirkt dabei mal wieder ziemlich zufrieden mit sich selbst.
Tatsächlich begräbt er damit die letzten Reste seiner Fortschrittskoalition. Denn Scholz geht es vor allem um die Industrien der Vergangenheit. Wobei das wahrscheinlich gar nicht so ganz stimmt. Vor allem geht es ihm darum, endlich ein Wahlkampfthema zu finden, das zündet.
Doch selbst das verstolpert er. Am Dienstag sprach er über einige Erleichterungen und Verbesserungen für die Industrie. Doch geriet der Auftritt so seltsam, dass ihn selbst Vertraute nicht als den großen Aufschlag erkennen konnten.
Während Scholz also national auf einmal für die Industrie da sein will, kämpft er europaweit eher auf verlorenem Posten. Mit letzter Kraft hatte er versucht, die Zölle auf chinesische E-Autos noch zu verhindern – gegen den Widerstand aus seiner eigenen Koalition. Doch am Freitag wurde er von der Mehrheit der EU-Staaten überstimmt.
Die Sonderzölle dürften im November in Kraft treten. Die einzige Möglichkeit, einen solchen Schritt noch zu verhindern, wäre eine kurzfristige Verhandlungslösung mit China.
Und wieder einmal lief es in Europa zulasten Deutschlands und zugunsten Frankreichs.
Was uns diese Woche sonst noch beschäftigt hat:
1. Gerade in Zeiten hitziger Debatten ist es die Aufgabe von Redaktionen, die unterschiedlichen Positionen auszuleuchten, damit Sie, liebe Leserinnen und Leser, sich Ihre eigene Meinung bilden können. Ein Format, das ich besonders schätze, ist das Streitgespräch. Und davon haben wir diese Woche ein ganz besonderes veröffentlicht: BSW-Gründerin Sahra Wagenknecht und der Ökonom Stefan Kolev diskutieren über den Zustand des Landes, die Unterstützung der Ukraine – und Ludwig Erhard. In diesem Gespräch ging es so hitzig zu, dass meine Kollegen, die das Gespräch begleiteten, zwischenzeitlich die Sorge hatten, einer von beiden könnte das Interview abbrechen.
2. Ein ganz anderer Sound kommt derweil aus Ludwigshafen: In einem ersten Interview im neuen Job spricht BASF-Chef Markus Kamieth zwar über Defizite der deutschen Wirtschaft. Er sieht aber nicht allein die Politik in der Pflicht, sondern auch die Manager selbst: „Wenn ich die Probleme nur außen suche, dann übersehe ich die Dinge, die ich selbst verändern kann.“ Außerdem spricht er über Milliardeninvestitionen in Deutschland, seine Vision des grünen Umbaus seines Unternehmens – und das schwierige Verhältnis zu China.
3. Ganz im Sinne einer offenen Debatte hat unser Kommentarchef Thomas Sigmund diese Woche eine tolle neue Serie gestartet. Er hat zahlreiche prominente Köpfe aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft gebeten, dem Land den Puls zu fühlen. Den Anfang macht Friedrich Merz – mit einem ziemlich konkreten Reformprogramm. Gerne hätten wir dazu auch Olaf Scholz gelesen. Doch der sagte schließlich ab.
4. Es war ein rasanter Aufstieg: Facebook-Gründer Mark Zuckerberg ist erstmals auf Platz zwei der reichsten Menschen der Welt, weil die Aktie seines Unternehmens so kräftig gestiegen ist. Und das soll es noch nicht gewesen sein. Zuckerberg hat große KI-Pläne, die aber doch ganz anders aussehen als bei den großen Rivalen Microsoft und OpenAI. Mein Kollege Felix Holtermann hat sich die Sache angeschaut – und mit Metas Produktchef Chris Cox über die Zukunft des Facebook-Konzerns gesprochen.
5. Auf Platz eins der reichsten Menschen steht mit aktuell rund 256 Milliarden Dollar immer noch Tesla-Chef Elon Musk. Der Milliardär veränderte mit gigantischen Wetten die Welt. Nun hat er zwei neue Wetten am Laufen, er setzt auf den Wahlsieg Donald Trumps und einen Durchbruch beim autonomen Fahren. Musk will eine Art endgültige Lösung für das Jahrhundertproblem des autonomen Fahrens vorlegen, womöglich schon nächste Woche. Hat er sich dieses Mal übernommen? Einiges spricht dafür, analysiert ein Handelsblatt-Autorenteam im großen Report zum Wochenende.
6. Der arabische Ölkonzern Adnoc will Covestro übernehmen, um zu einem der größten Chemiekonzerne zu werden, diese Woche haben sich die beiden Konzerne nach monatelangen Verhandlungen geeinigt. Dazu ist viel gesagt worden. Aber was sagt eigentlich Covestro-Chef Markus Steilemann zu der Übernahme? Mein Kollege Bert Fröndhoff hat ihn direkt nach der großen News interviewt.
7. Haben Sie sich auch schon mal gefragt, welcher Anbieter in Ihrer Gegend das beste 5G-Netz hat? Unser Datenjournalismus-Team, das wir dieses Jahr deutlich ausbauen, hat dafür ein tolles Tool gebaut, in dem Sie die Antwort binnen weniger Minuten finden. Schauen Sie mal hier.
8. Ich bleibe über LinkedIn mit vielen interessanten Leuten im Gespräch. Aber ich sage es ganz ehrlich, die Plattform kann auch ganz schön nerven. Deshalb hat mir der Text meines Kollegen Sven Prange so aus der Seele gesprochen, der sich einfach mal die Frage gestellt hat, wie ein Leben ohne LinkedIn möglich ist.
Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende.
Herzlich
Ihr
Sebastian Matthes