Naher Osten: So trotzen israelische Start-ups dem Krieg
Berlin, Jerusalem. Jack Bigio lebt erneut in Angst. In der Nacht vor dem jüdischen Neujahrsfest traute sich der Mitgründer des israelischen Start-ups UBQ Materials nicht aus seinem Haus in Tel Aviv heraus. Er hörte Raketen und Explosionen. „Sie können sich nicht vorstellen, was das mit uns macht, vor allem mit den Kindern“, sagte Bigio dem Handelsblatt. Er selbst hat einen Sohn, der nach dem sich nun jährenden Überfall der Hamas an die Front musste.
Bei den Angriffen auf den Kibbuz Tze’elim am 7. Oktober wurden zwei seiner Mitarbeiter erschossen. Bigio hat trotzdem weitergemacht. Schon damals hat er erklärt, sein Unternehmen, das Plastikalternativen aus Abfällen herstellt, sei stark. Zu seinen Kunden gehören weltweit bekannte Firmen wie McDonald’s, Pepsi-Eigner Pepsico und Mercedes-Benz.
Wegen des Kriegs konzentriert sich Bigio nun allerdings stärker auf seine ausländischen Aktivitäten wie im niederländischen Bergen op Zoom, wo er mithilfe von EU-Geldern die bestehende Fabrik ausbaut.
So machen es viele der größeren Start-ups aus Israel angesichts der unsicheren Lage vor Ort, die durch die Offensive im Libanon noch mal gefährlicher wird. Allerdings sei das aufgrund der Größe des Landes auch nichts Neues, meinte der Chef des israelischen Start-up-Branchenverbands Startup Nation Central, Avi Hasson.
Eine signifikante Abwanderung der Start-ups gebe es trotzdem nicht, betonte Adina Krausz. Sie ist Gründerin und Chefin von Innosource Ventures und hat sich auf die Vernetzung israelischer Firmen mit dem deutschsprachigen Raum spezialisiert: „Israelische Start-ups sind traditionell immer offen für internationale Märkte und gründen oft Tochtergesellschaften im Ausland, aber Israel bleibt das anfängliche Zentrum ihrer Aktivitäten bis zur Internationalisierung.“
Israel gehört noch zu den führenden Start-up-Nationen. Die Tech-Branche ist für das kleine Land im Nahen Osten wirtschaftlich sehr wichtig. Laut einem Bericht der „Israel Innovation Authority“, einer Behörde des israelischen Ministeriums für Wirtschaft und Industrie, erwirtschaftet dieser Sektor 18 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die Tech-Branche profitiert von der Nähe zum Militär, der guten Ausbildung und den hohen Investitionen in Forschung und Entwicklung.
Letztlich kommen 50 Prozent der Exporte und 30 Prozent der Einkommensteuern aus der Branche. Zum Vergleich: Die für Deutschland wichtige Automobilindustrie macht nicht einmal fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus.
Trotz des inzwischen seit einem Jahr andauernden Kriegs rechnet die OECD damit, dass die israelische Wirtschaft in diesem Jahr um fast zwei Prozent wächst. Dementsprechend robust zeigt sich auch die Start-up-Szene, allerdings nur im Vergleich zum Vorjahr. Laut dem Datendienst Pitchbook wurden im gesamten vergangenen Jahr 3,77 Milliarden Euro in israelische Start-ups gesteckt, was einem ähnlich starken Einbruch wie im Rest der Welt entsprach. Im laufenden Jahr waren es bis Mitte September fast 2,5 Milliarden Euro. Damit dürfte 2024 ähnlich verlaufen wie das Vorjahr.
„Die Hightech-Branche ist resilient im Gegensatz zum Tourismus“, sagte Hasson vom Start-up-Verband. Bits und Bytes könne man auch über die Cloud verschicken.
Start-ups wie die KI-Entwicklerfirma AI21 Labs und die Cybersecurity-Plattform Aqua Security haben es beispielsweise geschafft, innerhalb der vergangenen zwölf Monate knapp 195 beziehungsweise 180 Millionen Euro bei Investoren einzusammeln. Für Schlagzeilen sorgte auch der letztlich gescheiterte Versuch von Google, das IT-Sicherheits-Start-up Wiz für 23 Milliarden Dollar zu übernehmen.
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Yaron Valler vom Risikokapitalgeber Target Global, der beispielsweise in die Digitalbank Revolut investiert ist, sagt mit Blick auf israelische Firmen wie Waze, Mobileye und Monday.com, dass Innovation Teil der Nation sei.
Fehlende persönliche Kontakte sind Hindernis
Trotz der bekannten Tech-Firmen wie eben Mobileye und Wiz läuft allerdings auch in Israel nicht alles rund. „Vor allem junge Start-ups, die kaum Umsätze machen und deswegen besonders stark von Investoren abhängig sind, haben es schwer“, sagt Hasson.
Zugleich ist es deutlich schwerer geworden, mit ausländischen Investoren Kontakt aufzunehmen, um Ideen zu pitchen. Denn aktuell gibt es kaum Flüge nach Tel Aviv. Nur El Al fliegt Tel Aviv an, und dort sind die Plätze auf Wochen ausgebucht. Da in der Start-up-Szene vieles über persönliche Gespräche läuft, vor allem wenn man sich noch gar nicht kennt, können an solchen Umständen Transaktionen und Projekte scheitern. Auch Bigio sorgt sich, dass Israel zunehmend vom Rest der Welt abgeschnitten wird.
Geopolitische Lage verunsichert Investoren
Amir Mizroch, Strategieberater von Hightech-Firmen in Israel, befürchtet sogar die Erosion der weltweiten Stellung des Landes. Er sagt: „Die geopolitische Stabilität wird zunehmend zu einem Faktor im Kalkül von Risikokapitalgebern und multinationalen Unternehmen.“ Der israelische Technologiesektor, der einst als unempfindlich gegenüber regionalen Unruhen galt, konkurriere nun nicht mehr nur um Talente und Ideen, sondern auch um die Wahrnehmung von Risiken. Mizroch zufolge bereitet neben den innenpolitischen Unruhen auch das durch die laufenden Militärausgaben angeheizte Staatsdefizit Sorgen.
Laut einer Umfrage unter Start-ups, durchgeführt von Start-up Nation Central, hat die Hälfte der Jungunternehmen in den vergangenen zwölf Monaten erfahren müssen, dass Investoren von Transaktionen zurückgetreten sind. Und weniger als ein Drittel der Befragten ist zuversichtlich, im kommenden Jahr neue Finanzierungsrunden stemmen zu können. Dieser Wert scheint allerdings die Gesamtstimmung in der Branche widerzuspiegeln. In Deutschland ist er ähnlich hoch.
In Israel könnte die Zurückhaltung Mizroch zufolge aber schwerer wiegen. Denn die Wirtschaft ist stärker von den Start-ups und der Tech-Branche abhängig.
Gründer denken nicht ans Auswandern
Geschäftlich ist das vergangene Jahr für Daphna Nissenbaum, Gründerin und Chefin des Verpackungsherstellers Tipa, vergleichsweise gut gelaufen. Das schaffte sie vor allem aufgrund der internationalen Tipa-Standorte, darunter der in Nordhorn des übernommenen deutschen Wettbewerbers Bio4Pack. „Ich habe niemals daran gedacht, Israel zu verlassen“, sagte Nissenbaum.
Israel sei nicht nur ihre Heimat, sondern auch die Basis ihres Geschäfts. Nissenbaum ist überzeugt: „Es ist entscheidend, dass die israelische Technologieszene jetzt eine führende Rolle bei der wirtschaftlichen Erholung spielt und den Einwohnern Hoffnung auf die Zukunft macht.“
Allerdings verkompliziert die innenpolitische Lage die Situation. Inzwischen macht sich eine spürbare Abwanderung von Fachkräften bemerkbar. Das betrifft nicht nur die Start-ups, sondern auch große, etablierte Unternehmen, die bei der Ausweitung ihrer lokalen Aktivitäten immer vorsichtiger werden. Um dagegen anzugehen, hat Israel die Liste der Länder, aus denen Fachkräfte nach Israel kommen dürfen, deutlich ausgeweitet.
Nach Meinung von Investor Valler hat die Start-up- und Tech-Nation Israel nur eine Chance, wenn sie eine pluralistische und offene Gesellschaft bleibt: „Letztlich liegt der Schlüssel für den weiteren Erfolg in der Aufrechterhaltung von Frieden, Kreativität und Findigkeit“, betont er.