Nahost: Israel droht dem Iran mit Angriff
München. An diesem Montag gedenkt Israel dem Überfall der Hamas und den Massakern vor genau einem Jahr. Die Truppen wurden deshalb am Sonntag in höchste Alarmbereitschaft versetzt. Israelische Soldaten sind in das Flüchtlingslager Dschabalia im Norden des Gazastreifens einmarschiert, um nach eigenen Angaben einen möglichen erneuten Angriff der Islamisten zu verhindern.
Nächtliche Aufnahmen zeigten, wie Panzer in das Flüchtlingslager einrollten, in dem während des Kriegs 1948 vertriebene Palästinenser und deren Nachfahren leben. Später bombardierte die Luftwaffe den ohnehin schon in vielen Teilen zerstörten Ort. Nach Angaben der örtlichen Gesundheitsbehörden forderten Luftangriffe in Nord-Gaza mindestens 30 Tote.
Der Krieg in Gaza, der noch am Tag des Hamas-Überfalls begann, hat bisher mehr als 41.000 Tote und über 96.000 Verletzte gefordert. Ein Großteil des Gazastreifens ist zerstört und wird auf Jahre unbewohnbar sein. Nach Angaben der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen sind von den 36 Kliniken nur 17 teilweise funktionsfähig. „Die medizinischen Einrichtungen, die noch in Betrieb sind, können den enormen Bedarf nicht decken“, sagte Amber Alayyan, Leiterin des medizinischen Programms der Organisation.
Nach einem Jahr Krieg ist die Hamas heute militärisch weitgehend geschlagen. Nach Angaben der israelischen Armee sind ihre Kämpfer aber weiterhin in der Lage, Israel mit Granaten und Raketen anzugreifen. Die Islamisten könnten am Jahrestag einen umfassenden Angriff geplant haben, teilten die Streitkräfte mit. „Wir sind in den nächsten Tagen in höchster Alarmbereitschaft und auf höchster Ebene vorbereitet“, sagte Generalmajor Yaron Finkelman, Befehlshaber des israelischen Südkommandos.
Israel droht dem Iran mit hartem Gegenschlag
Die Streitkräfte, die Geheimdienste und die Regierung von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hatten vor einem Jahr komplett versagt. Hamas-Kämpfer konnten die Kibbuze und Weiler entlang des Gazastreifens ungehindert überfallen, und es dauerte Stunden, bis die Armee Verstärkung in den Süden schickte. Den Massakern der Islamisten fielen rund 1200 Israelis und Ausländer zum Opfer, die meisten von ihnen Zivilisten. Mehr als 250 Israelis und ausländische Landarbeiter verschleppten die Extremisten in den Gazastreifen.
Was die USA und ihre Verbündeten vor einem Jahr unbedingt verhindern wollten, ist mittlerweile eingetreten: Der Krieg hat sich zum Regionalkrieg ausgeweitet. Dabei droht der Konflikt zwischen Israel und dem Iran weiter zu eskalieren. Der Iran hat Israel zum zweiten Mal in diesem Jahr angegriffen.
Im Gegensatz zu dem Angriff im April gab es aus Teheran diesmal nur eine kurze Vorwarnzeit, und die Iraner setzten ausschließlich ballistische Raketen ein – also gezielt gelenkte Waffen, die aber kein Triebwerk besitzen. Netanjahu und die Armee haben einen schweren Gegenschlag angekündigt. In den letzten Tagen wurde darüber spekuliert, Israel könnte die iranischen Öleinrichtungen oder gar die Atomanlagen angreifen.
Die Verbündeten Israels betonen, das Land habe das Recht zu einem Vergeltungsschlag. Der amerikanische Präsident Joe Biden erklärte, die USA würden einen Angriff auf die Nuklearanlagen des Irans aber nicht unterstützen. Angriffe auf zivile Einrichtungen, wozu auch Ölanlagen zählen, sind gemäß dem humanitären Völkerrecht nur in Ausnahmesituationen erlaubt.
Israel weitet Bodenoffensive im Südlibanon aus
„Kein Land der Welt würde einen solchen Angriff auf seine Städte und Bürger hinnehmen, auch Israel tut das nicht“, sagte Netanjahu am Samstagabend. „Israel hat die Pflicht und das Recht, auf diese Angriffe zu reagieren – und wird das auch tun.“ Die Streitkräfte teilten mit, die Planungen für den Gegenangriff seien in vollem Gange. Es werde einen „ernst zu nehmenden und harten“ Gegenschlag geben.
Israels Luftwaffe flog am Wochenende erneut schwere Angriffe auf Hochburgen der Hisbollah am südlichen Stadtrand von Beirut. Das Bombardement in der Nacht auf Sonntag erschütterte die Hauptstadt und deckte sie mit Staubwolken ein. Das Ziel der Luftangriffe seien „Waffenlager, Kommandozentralen und weitere terroristische Infrastruktur“ gewesen, erklärten die Streitkräfte. Die Armee warnte die Zivilbevölkerung mitten in der Nacht, die betroffenen Quartiere umgehend zu räumen.
Gleichzeitig dehnte die Armee ihre Bodenoffensive im Süden des Libanons am Sonntag weiter aus. Vor einer Woche waren Soldaten in das Grenzgebiet einmarschiert, um Hisbollah-Kämpfer von dort zu vertreiben. Am Sonntag befahl die Armee den Bewohnern von 25 Dörfern, diese zu räumen. Seit Beginn des Einmarschs hat die Armee damit für mehr als 100 libanesische Dörfer solche „Evakuierungsanordnungen“ erlassen.
Die Bewohner wurden angewiesen, das Gebiet südlich des Alwani-Flusses bis auf Weiteres nicht zu betreten. Der Fluss liegt nördlich des Litani, der seit dem Abzug der israelischen Truppen aus dem Libanon im Jahr 2006 die Puffergrenze zwischen den beiden verfeindeten Nachbarländern markiert. Mit dem Einmarsch will die Armee erreichen, dass die rund 60.000 Israelis, die aufgrund der Raketenangriffe der Hisbollah aus dem Norden evakuiert wurden, wieder zurückkehren können.
Die Bundesregierung befürchtet „Flächenbrand“
Die israelischen Angriffe der letzten zwei Wochen haben nach Angaben des libanesischen Gesundheitsministeriums inzwischen fast 2000 Tote und Tausende Verletzte gefordert. Hunderttausende Libanesen sind vor den Angriffen geflohen. Die Regierung, die nur geschäftsführend im Amt ist, kommt mit der Versorgung der Binnenflüchtlinge kaum nach. Die Vertriebenen, die nicht bei Verwandten und Bekannten oder in Schulen untergekommen sind, leben buchstäblich auf der Straße.
Bundeskanzler Olaf Scholz forderte erneut einen Waffenstillstand im Nahen Osten. Mit ihrem „abscheulichen Angriff auf Israel hat die Hamas zugleich eine Katastrophe für das palästinensische Volk ausgelöst“, sagte Scholz in einer Videobotschaft zum Jahrestag des Hamas-Überfalls. Die Bundesregierung setze sich deshalb mit ihren internationalen Partnern weiterhin für einen Waffenstillstand ein, um eine weitere Eskalation des Konflikts zu verhindern. Die Gefahr eines „Großkonflikts“ sei unverändert. Deshalb bemühe sich Berlin mit seinen Partnern, dass ein „solcher Flächenbrand“ nicht ausbreche.