Nahost: Israel ist zur traumatisierten Nation geworden

Vor einem Jahr fielen 6000 Hamas-Terroristen im Süden Israels ein. Über mehrere Stunden wüteten, mordeten sie, verwüsteten Dörfer, massakrierten Partybesucher eines Musikfestivals, vergewaltigten Frauen und entführten Geiseln in den Gazastreifen. Seitdem veränderte sich die Psyche des Landes dramatisch.
Vor dem Angriff der Hamas sahen die Bürger noch äußerst zuversichtlich in die Zukunft. Die Normalisierung der Beziehungen mit Saudi-Arabien schien in Reichweite, und damit stiegen auch die Aussichten auf einen friedlichen neuen Nahen Osten. Doch dann, am 7. Oktober, löste sich das Gefühl der Hoffnung jäh auf. So als wäre es nie da gewesen. Seither dominiert ein Gefühl tiefster Verletzung, Verwundbarkeit und Unsicherheit – sowohl bei Individuen als auch im Kollektiv.
Für eine Nation, die stark von ihrer Geschichte existenzieller Bedrohungen geprägt ist, wird es ein langer und schwieriger Prozess sein, das Gefühl der Sicherheit und Zuversicht wiederzuerlangen. Die schrecklichen Bilder und Videos vom 7. Oktober haben sich tief in das kollektive Gedächtnis eingeprägt.
Urängste dringen seitdem wie Lava eines Vulkans an die Oberfläche. Die Grausamkeiten der Terroristen haben eine „schlummernde jüdische Angst vor der Vernichtung und die Enttäuschung darüber, dass der Staat es nicht geschafft hat, die Grundüberzeugung des ‚Nie wieder‛ zu erfüllen, wieder aufleben lassen“, sagt Mooli Lahad, ein Experte auf dem Gebiet der Traumabewältigung.
Auf die Frage, ob die Nation traumatisiert sei, antworten Psychologen mit einem klaren Ja. „Alle waren dem Horror ausgesetzt“, sagt die Traumaexpertin Sara Freedman, die sich an der Bar-Ilan-Universität auf posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) spezialisiert hat. Denn in Israel kenne jeder jeden, direkt oder zumindest indirekt.
Traumatische Stresssituationen hätten in der Regel einen Anfang und ein Ende, sagt Freedman. Aber Israel ist seit dem 7. Oktober stets mit neuen Angriffen konfrontiert. Die Hamas, die Hisbollah, die Huthis und Iran überziehen das Land mit Raketen.
Zunahme von Stresssymptomen
Diese Woche hat eine große Gesundheitskasse in einer Umfrage die Zunahme von Stresssymptomen registriert. 30 Prozent der Befragten geben an, professionelle Hilfe zu benötigen, um den Schock zu verarbeiten, 28 Prozent der Eltern stellen bei ihren Kindern eine erhöhte Nervosität und Reizbarkeit fest, 45 Prozent haben zugenommen, zwölf Prozent rauchen seit dem 7. Oktober mehr oder haben ihren Alkoholkonsum gesteigert.
„Die Ereignisse vom 7. Oktober führen zu schätzungsweise 300.000 zusätzlichen Patienten, die eine Behandlung durch geschultes Fachpersonal benötigen“, meint die Psychoanalytikerin Ofrit Shapira Berman von der Hebräischen Universität in Jerusalem.
Mehr als eine halbe Million Israelis laufen Gefahr, nach den von der Hamas geführten Anschlägen vom 7. Oktober und dem anschließenden Krieg eine posttraumatische Belastungsstörung zu entwickeln, ergab bereits im März eine Studie.
Drei Monate nach Beginn des Kriegs zeigte sich die Armee besorgt über die Zahl der PTBS-Fälle von Soldaten, die das Hamas-Massaker vom 7. Oktober miterlebt hatten. Sie sprach von möglichen „Funktionsschwierigkeiten bei Reservisten, die ins zivile Leben zurückkehren. Sie könnten in eine Situation geraten, in der sie den Alltag als „sinnlos“ erleben.
Die Bedrohung ist omnipräsent. Am Dienstag kam es zu einem Terroranschlag in Tel Aviv, bei dem sieben Menschen ums Leben kamen. Kurz darauf feuerte Teheran 180 Raketen auf Israel. Das Aufheulen der Sirenen ist Routine, die Flucht in den Schutzraum ebenfalls: Einmal ist es wegen der Geschosse der Hamas, ein anderes Mal wegen Raketen oder Drohnen der Hisbollah, die sich am 8. Oktober dem Krieg der Hamas gegen Israel angeschlossen hat.
An die 100.000 Menschen wurden aus dem Norden und aus dem Süden durch den Raketenterror vertrieben. Die meisten sind bis heute Vertriebene im eigenen Land.
Kommen die Geiseln jemals zurück?
Traumatisch ist für viele ebenfalls die Erfahrung, dass die Regierung mit dem bisherigen Grundsatz gebrochen hat, niemanden im Feindesland zurückzulassen. Die Aussicht, dass die 101 Geiseln, die immer noch in Gaza sind, je wieder zu ihren Familien zurückkehren, wird von Tag zu Tag kleiner.
Die politischen Folgen des abhandengekommenen Sicherheitsgefühls sind für Chaim Noy, den Vorsitzenden der School of Communication an der Bar-Ilan-Universität, evident. Die Sehnsucht nach mehr Sicherheit verstärke den Trend zu Mitte-rechts-Parteien. Hardliner werden populärer. Beeindruckende taktische Militäroperationen sorgen zudem für Euphorie im Land, von links bis rechts, weil sie, zumindest vorübergehend, ein Gefühl der Sicherheit vermitteln.
Der 7. Oktober hat für die Mehrheit das Vertrauen in den eigenen Staat und in die Regierung untergraben. Forderungen aus Brüssel oder aus Washington, endlich eine Zweistaatenlösung zu realisieren, werden in Israel in diesem Trauma-Umfeld noch weniger ernst genommen als bisher.
Er verstehe die Israelis, die sagen: „Wie können wir einem Palästinenser vertrauen?“, fasst Nahum Barnea, einflussreicher Kolumnist beim Massenblatt „Yedioth Ahronoth“, die Gefühle seiner Landsleute zusammen. Zumal eine enorme Unterstützung für die Hamas auch im Westjordanland registriert wird. Und das ist nur wenige Kilometer von Israels Bevölkerungszentren entfernt.