Ole Matthiessen: „Unternehmen können auf das Geschäft mit China nicht verzichten“
Peking. Teile der globalen Finanzelite haben sich vor wenigen Tagen auf der Finanzkonferenz Sibos des Zahlungsdienstleisters Swift getroffen – in diesem Jahr fand die Veranstaltung erstmals in China statt. Auffällig weniger als in den früheren Jahren waren diesmal amerikanische Finanzdienstleister vor Ort, dafür dominierte die asiatische Konkurrenz. Der Tenor des Treffens war klar: Handel und Kapitalströme zwischen den asiatischen Volkswirtschaften – allen voran Chinas – und den Staaten im Nahen und Mittleren Osten nehmen zu – für Banken ist das ein zunehmend einträgliches Geschäft.
Das gilt auch für die Deutsche Bank, die ebenfalls in Peking vertreten war. Ihr „Head of Corporate Bank“ für die Regionen Asien-Pazifik, Mittlerer Osten und Afrika sowie „Global Head of Cash Management", der Deutsche Ole Matthiessen, begrüßt im Gespräch mit dem Handelsblatt die neuen Möglichkeiten: „Unsere chinesischen Kunden sind zunehmend im Nahen Osten aktiv", sagt er. Allerdings, das wird im Interview deutlich, sind die Zeiten angesichts der geopolitischen Konflikte weltweit schwieriger geworden. „Die Komplexität in der Welt hat deutlich zugenommen", sagt er.
Das gilt auch für die wirtschaftlichen Probleme, mit denen China derzeit zu kämpfen hat. Das Land bleibe wichtig, sagt der Bank-Manager, aber die Bedeutung der Asean-Staaten und Indiens nehme zu. Für den Standort Deutschland, der in Asien noch immer über einen hervorragenden Ruf verfügt, sieht er mehr Licht als Schatten: „Ich glaube, dass Deutschland sein sehr gutes Image in Asien halten kann."
Lesen Sie hier das komplette Interview mit Ole Matthiessen:
Herr Matthiessen, auf der Finanzkonferenz Sibos in Peking in der vergangenen Woche waren viele arabische Institute und Banken vertreten. Entspricht das Ihrem Eindruck, dass diese Region für China immer wichtiger wird?
Wir sehen verstärkte Aktivitäten zwischen Asien, insbesondere China, Indien und den Ländern aus dem Nahen Osten - sowohl im Handel als auch bei den Kapitalströmen. Auch wir als Deutsche Bank haben schon seit vielen Jahren in Asien investiert.
Stimmt es, dass Sie den Umsatz im Nahen Osten verdoppelt haben?
In Asien – hier vor allem in Indien, China und in den wachstumsstarken südostasiatischen Ländern – sehen wir mit unserem Unternehmenskunden ein sehr starkes Wachstum. Der Vermögungszuwachs im Nahen Osten fließt jetzt viel stärker in internationale Investitionen, auch nach China. Und unsere chinesischen Kunden sind zunehmend im Nahen Osten aktiv. Wir haben in Dubai Mandarin sprechende Kolleginnen und Kollegen für unsere chinesischen Kunden.
Ist das nicht angesichts der Weltlage riskant? China bedroht Taiwan und unterstützt Russland, im Nahen Osten tobt der Krieg um Gaza.
Die Komplexität in der Welt hat deutlich zugenommen, und Unternehmen müssen damit umgehen – seien es Länder- und geopolitische Risiken, Risiken durch die Abhängigkeit von Lieferketten oder die gestiegene Volatilität bei Währungen.
Ist das nicht sehr schwierig geworden?
Unternehmen sind heute mehr denn je damit beschäftigt, mit einer sich verändernden Welt zurechtzukommen und sich nicht zu verirren. Ganz klar: Risiken haben für weltweit aktive Unternehmen deutlich zugenommen.
Was auffällt: Chinesische Banken eröffnen immer mehr Filialen im Ausland. Befürchten Sie nicht, dass chinesische Kunden lieber zu diesen Banken gehen als zu Ihnen?
Wir beobachten, dass chinesische Unternehmen, die in ihren Branchen zu Champions geworden sind, immer stärker im Ausland investieren. Nehmen Sie zum Beispiel die Investitionen chinesischer Automobilhersteller in Europa. Es ist nicht verwunderlich, dass chinesische Banken auch dort ihren Kunden helfen, Projekte zu finanzieren. Als weltweit aufgestellte Universalbank helfen wir Unternehmen von der Beratung, dem Risikomanagement bis hin zur Finanzierung und der operationellen Umsetzung.
Ist China immer noch der große Wachstumsmarkt? Die Immobilienkrise ist nicht gelöst, der Internationale Währungsfonds hat seine Wachstumsprognosen zuletzt deutlich gesenkt. Die China-Euphorie scheint definitiv vorbei zu sein.
Wir sehen eine deutliche Verlangsamung des Konsums, das stimmt. Mittelfristig muss sich China mit der Alterung seiner Gesellschaft auseinandersetzen, gleichzeitig betreiben die Handelspartner „Derisking“ und lokalisieren ihre Produktion. Ich sehe darin keine Bedrohung für China, sondern eine Neuorientierung. Insgesamt gibt es eine viel differenziertere Sicht auf das Risiko und den Trend, mehr in China für China zu produzieren, was aus Sicht des Risikomanagements aktuell der richtige Ansatz ist.
Aber noch einmal: Die goldenen Zeiten sind vorerst vorbei?
Insgesamt ist das Wachstum in China immer noch sehr hoch, auch im Vergleich zu Europa und Deutschland. Die Unternehmen bleiben daher in China aktiv und können auf das Geschäft nicht verzichten. Ihre exponentiellen Wachstumschancen sehen sie aber zunehmend auch außerhalb der Volksrepublik, etwa in den jungen und digitalen Asean-Staaten wie Malaysia, Vietnam oder Indonesien oder im Nahen Osten.
Und Indien, Chinas großer Rivale in Asien? Die Deutsche Bank verstärkt dort ihr Geschäft. Wird das Land China als Wachstumsmotor ablösen?
Indien ist ein Gewinner nach der Coronapandemie und hält sich inmitten der geopolitischen Spannungen alle Seiten offen. Zudem ist die Bevölkerung jung. Wir beobachten, dass immer mehr internationale Unternehmenskunden dort globale Kompetenzzentren aufbauen – über alle Industrien hinweg. Das Auslandsgeschäft indischer Unternehmen wurde bisher von wenigen Konglomeraten betrieben – hier gibt es noch viel Potenzial. Der Talentpool, die Digitalisierung, die Demografie, der Zugang zu Arbeitskräften – diese Faktoren sollten zu einem starken Geschäftswachstum führen.
Macht der Faktor Demokratie Indien nicht attraktiv? In China sind selbst die größten Privatunternehmen nicht frei, der Staat regiert immer mit.
Jeder Markt in Asien ist anders und schwer miteinander vergleichbar. Daher stellen sich viele Unternehmen breiter auf – es geht nicht um „entweder China oder Indien“, sondern darum, wie Unternehmen Risiken minimieren – beispielsweise bei komplexen, länderübergreifenden Lieferketten. Und dann ist die Antwort: „Indien und China“.
„Viele Kritikpunkte sind berechtigt“
Die Welt teilt sich – vereinfacht gesagt – in mindestens zwei Blöcke. China und Russland wollen dem Westen eigene Bezahlmodelle entgegensetzen. Die chinesische Internetwelt koppelt sich weiter von westlichen Anbietern ab …
Einfacher und günstiger wäre es natürlich, wenn der globale Zahlungsverkehr harmonisiert würde. Aber selbst wenn China und Russland ihre eigenen Zahlungssysteme haben, müssen sie noch mit allen anderen Finanzökosystemen der Welt verbunden werden, damit zum Beispiel eine Zahlung ihren Weg nach Europa finden kann. Das ist herausfordernd, aber unser Dauerthema: Die Rolle einer globalen Hausbank, die alle Ökosysteme der Welt miteinander verbindet, um unseren Kunden einen globalen Zugang zu bieten, wird sich nicht ändern.
In China fällt auf, wie beliebt „Made in Germany“ ist, während zu Hause die Diskussion um den Standort Deutschland sehr kritisch geführt wird. Kann Deutschland sein Image halten?
Ich glaube, dass Deutschland sein sehr gutes Image in Asien halten kann. Aber viele Kritikpunkte, die in Europa diskutiert werden, sind berechtigt. Wir müssen zum Beispiel den EU-Binnenmarkt stärken, um das Wirtschaftswachstum zu fördern. Aber im pazifischen Raum werden Eigenschaften der deutschen Wirtschaft wie Qualität, Zuverlässigkeit, Wartung und Langlebigkeit sehr geschätzt. Das Label „Made in Germany“ wird bleiben, da bin ich mir sicher.
Herr Matthiessen, vielen Dank für das Interview.