Handelspartner: Welche China-Alternativen deutsche Unternehmen in Asien finden
Delhi. Eigentlich mögen sie das Wort auf der Asien-Pazifik-Konferenz alle nicht mehr: Derisking. Dabei hat der Terminus in den vergangenen Jahren die Diskussion in Deutschland über ökonomische Sicherheit und den Abbau einer zu großen Abhängigkeit von China beherrscht. Er findet sich auch in der offiziellen China-Strategie der Bundesregierung.
Derisking klinge ihr zu defensiv, sagt die Vorstandschefin des Medizinprodukteherstellers B.Braun, Anna Maria Braun. Und Markus Kamieth, Vorstandschef von BASF, warnt, Deutschland lasse das Derisking-Pendel „zur falschen Seite ausschlagen“.
Dies geschehe zum Beispiel, wenn Produktionsprozesse mit hohen Subventionen aus einem falsch verstandenen Sicherheitsbedürfnis heraus zurück nach Deutschland geholt würden, die nie wettbewerbsfähig sein könnten. „Wir dürfen uns nicht erpressen lassen“, sagt Kamieth. „Aber wir müssen nicht alles selbst machen.“
Tatsächlich ist das Chinageschäft für die deutschen Autobauer und andere Branchen schwierig geworden. Dennoch behauptete sich die nach den USA zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt im vergangenen Jahr zum achten Mal in Folge als Deutschlands wichtigster Handelspartner – mit einem Handelsvolumen von 254,1 Milliarden Euro.
Deutsche Firmen suchen nach alternativen Märkten
Ein Großteil deutscher Unternehmen passe seinen Handel mit China oder die Geschäfte vor Ort nun an. 68 Prozent der befragten Firmen gaben in einer Umfrage der Deutschen Industrie- und Handelskammer im Juni an, ihr Chinageschäft zu verändern. 46 Prozent wollen die Risiken des Standorts stärker in ihre Managemententscheidungen einbeziehen. Gleich dahinter rangiert mit 41 Prozent die Suche nach neuen Absatzmärkten, 36 Prozent schauen sich nach neuen Ländern um, in denen sie Materialien beschaffen können.
Doch bei einigen Produkten, bei denen Deutschland ohnehin schon stark auf China angewiesen ist, hat sich die Abhängigkeit von der Volksrepublik noch weiter verschärft. Das gilt vor allem für viele Medikamente sowie für wichtige Rohstoffe wie die seltenen Erden Scandium und Yttrium. Das zeigt eine Studie des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW).
Vor allem bei chemischen Produkten ist die deutsche Wirtschaft demnach auf Importe aus China angewiesen – 85 der insgesamt 200 Produktgruppen mit hohen Abhängigkeiten fallen in diese Kategorie. Auf dem zweiten Platz folgen elektronische Erzeugnisse, also Laptops, Computerzubehör, Solarzellen, Magnete und Batterien. Wichtig sind zudem Maschinenbauprodukte sowie Rohstoffe und Mineralien, darunter sechs Metalle, die zur Gruppe der seltenen Erden gehören.
In einzelnen Branchen ist die Dominanz Chinas noch weitaus deutlicher: Die Hälfte des globalen Chemiemarktes liege heute in China, sagt BASF-Vorstandschef Kamieth. In den kommenden Jahren werde dieser Anteil auf zwei Drittel steigen. Der chinesische Chemiemarkt sei heute 50-mal größer als der indische. „Es wird lange dauern, bevor diese Märkte so relevant werden wie der chinesische“, sagte Kamieth. BASF steht wegen der milliardenschweren Expansion in China in der Kritik.
Kanzler Scholz warnt vor Protektionismus
Derisking dürfe nicht in Protektionismus münden, warnt Bundeskanzler Olaf Scholz auf der Asien-Pazifik-Konferenz. „Wir müssen offen sein, ohne naiv zu sein.“ Derisking bedeute nicht weniger Handel und Offenheit, sondern Diversifizierung durch Wachstum in anderen Märkten.
So sehen das auch die Unternehmen in Europa. Nicolo Salsano, Chief Executive Officer Europe bei Standard Chartered, betont: „Wenn wir über Derisking sprechen, dann geht es unseren Unternehmenskunden vor allem darum, neue Pfade für Wachstum zu finden.“ Indien sei da „mitten im Zentrum“, sagt Salsano dem Handelsblatt. Für manche Unternehmen wie Lufthansa sei das bevölkerungsreichste Land der Erde mittlerweile der größte Wachstumsmarkt, sagte Kanzler Scholz.
In der Praxis gelingt es der deutschen Wirtschaft allerdings nur langsam, sich aus der Abhängigkeit von China zu lösen. Im vergangenen Jahr nahm das Handelsvolumen mit Indien zwar um zwei Prozent zu, während es mit China um mehr als 15 Prozent einbrach. Doch in absoluten Zahlen hat das Geschäft mit China nach wie vor eine andere Dimension: Dem Handelsvolumen von mehr als 250 Milliarden Euro mit China stehen lediglich 30 Milliarden Euro in den Geschäften mit Indien gegenüber – immerhin aber ein neuer Rekord.
Die Verhältnisse ändern sich nur langsam
Auch bei Deutschlands Direktinvestitionen war zuletzt keine grundlegende Verschiebung der Kräfteverhältnisse zu beobachten. In Indien stiegen sie zwischen Ende 2020 und Ende 2022 (die aktuellsten vorliegenden Zahlen) um 24 Prozent auf knapp 24 Milliarden Euro. In China wuchsen sie im selben Zeitraum um 33 Prozent auf 122 Milliarden Euro.
Bei der Verschiebung von Lieferketten und Investitionen hat es Indien trotz seiner Größe schwer, sich gegen Konkurrenzstandorte in Asien durchzusetzen. Das zeigt auch eine neue Studie des Analysehauses Oxford Economics, die die Veränderung der US-Geschäftsbeziehungen in Asien untersuchte.
Demnach stieg Indiens Anteil an den US-Importen zwischen 2017 und dem vergangenen Jahr um 0,6 Prozentpunkte auf 2,7 Prozent, während der Anteil Chinas um acht Prozentpunkte zurückging und nun bei weniger als 14 Prozent liegt. Vietnam war demnach der größte Profiteur der Verschiebung: Der Anteil des südostasiatischen Landes an den US-Importen nahm in dem Zeitraum um 1,7 Prozentpunkte auf 3,7 Prozent zu.
Dahinter steht eine Reihe von Problemen, die es internationalen Konzernen schwer machen, in Indien zu expandieren – dazu gehören unter anderem hohe Zölle und vergleichsweise hohe Logistikkosten, mit denen Unternehmen aufgrund mangelhafter Infrastruktur konfrontiert sind.
Das neue Risikobewusstsein durch die Krisen und Kriege der vergangenen Jahre habe auch eine gute Seite, sagt Braun. Unternehmen seien sich der Risken jetzt viel bewusster, hätten mehr Transparenz über sie. „Diese Dynamik kann uns helfen, die Lieferketten in nun komplizierteren Zeiten zu managen.“