US-Wahl 2024: Weshalb die Einwanderungspolitik der USA verlogen ist
Es ist Mittwochabend vergangener Woche in Palo Alto, dem Zentrum des Silicon Valley. Ich bin bei der Veranstaltung eines Wagniskapitalgebers, bei der junge Gründer aus dem Ausland erfahren sollen, wie sie dauerhaft im Land bleiben können. Es gibt Pizza, Wasser und Cola; die Luft ist schlecht. Die meisten Teilnehmer stammen offenbar aus Asien.
Rauf aus Usbekistan etwa. Er hat ein Roboter-Start-up gegründet und will sich in Kalifornien eine Zukunft aufbauen. Die Veranstalter versprechen den jungen Männern und Frauen, sie im Zweifel formal als Mitarbeiter einzustellen, um ihren Aufenthalt zu sichern. Denn vielen von ihnen droht die Ausweisung, sollten sie ihren Job oder Studentenstatus und damit ihr Visum verlieren. Voraussetzung ist natürlich, dass ihr Start-up ein Investment erhält.
Dazu gehören sie dann noch lange nicht. „Wenn du hier nicht geboren bist, bleibst du bis zum Tod ein Immigrant“, sagt der Organisator.
Die USA pflegen ein paradoxes Verhältnis zum Thema Einwanderung. Das wird auch während des laufenden Wahlkampfs immer wieder offensichtlich.
Einerseits verfügt das Land über ein komplexes und strenges offizielles System, das selbst gebildeten Migranten mit guten Einkommen erst nach jahrelanger Wartezeit einen verlässlichen Aufenthalt sichert. Darauf zählen sollte man nicht.
Unsere französischen Nachbarn in San Francisco bemühen sich zum Beispiel gerade darum. Sie klagen über Zehntausende Dollar, die sie der Prozess kostet, was auch ich nicht recht nachvollziehen kann. Während spezialisierte Anwälte profitieren, bleibt der Nutzen für die Gesellschaft mindestens unklar.
Einstweilen muss die Familie weiter bangen. Trotz Jobs und exzellenter Ausbildung.
Andererseits zählen die USA jüngsten Daten des Department of Homeland Security zufolge mittlerweile über elf Millionen „unautorisierte“ Einwanderer. Sie sind illegal ins Land gekommen und können trotzdem bleiben. Ein Zustand, der zwar beklagt, aber von den zuständigen Institutionen de facto weitestgehend toleriert wird. Die Wirtschaft profitiert davon: Experten schätzen, dass Branchen wie die Landwirtschaft ohne diese oft schlecht bezahlten Arbeitskräfte zusammenbrechen würden.
» Lesen Sie auch: Wenn die Kita 4000 Dollar im Monat kostet
Es ist vor allem Donald Trump, der das Unbehagen über die illegale Einwanderung im Rahmen seiner Kampagne ausnutzt. Mit teils grotesken wie rassistischen Unterstellungen teilt er gegen Migranten ebenso aus wie gegen die angeblich laxe Politik seiner Rivalin Kamala Harris. Er droht mit Massendeportationen und einer Elektrifizierung der Grenzmauer.
In Palo Alto ist von diesem feindseligen Klima noch nichts zu spüren. Der Sog des Silicon Valley, das hochqualifizierte Arbeitskräfte aus der ganzen Welt anzieht, ist auch kurz vor einer möglichen zweiten Amtszeit Trumps ungebrochen. Dessen Reden, scheint es hier, finden in einem anderen Land statt.
Gründer Rauf sagt, dass er den Wahlkampf kaum verfolge. Er könne ohnehin nichts daran ändern. „Ich konzentriere mich voll und ganz auf meine Produkte“, sagt er.
Daily US-Election Insight – die tägliche Kolumne der US-Korrespondentinnen und -Korrespondenten des Handelsblatts mit persönlichen Eindrücken aus dem amerikanischen Wahlkampf.