Morning Briefing plus: Deutsche Identitätskrise
Liebe Leserinnen und Leser
willkommen zurück zu unserem Blick auf die wichtigsten Ereignisse der vergangenen Tage, womit wir bei meinem Kollegen Lazar Backovic wären, der gerade im Auto auf dem Weg in die Alpen saß, als ihn Informationen zu einer heißen Story erreichten. Es war Freitagabend vergangener Woche.
Es ging um die Maßnahmen, mit denen Konzernchef Oliver Blume das Unternehmen VW sanieren will – darunter auch das mögliche Aus von drei Werken in Deutschland. Das gab es noch nie in der langen Geschichte des Konzerns, der mit seinen 680.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern 332 Milliarden Euro Jahresumsatz erwirtschaftet, was dem Bruttoinlandsprodukt von Finnland oder Katar entspricht.
In diesem Konzern spielt sich seit Wochen ein Drama ab, das diese Woche einen weiteren Höhepunkt erreichte. Das war den Reportern bei der Recherche sofort klar.
Den Samstag über, während seiner lange geplanten Wandertour, führte Lazar Telefonate, schrieb Dutzende E-Mails und Nachrichten, während in Berlin auch Investigativreporter Martin Murphy an der Story arbeitete. Sonntag hatten sie schließlich genug Quellen, um ihre Recherche über die „Giftliste“ zu veröffentlichen, wie intern die Pläne genannt werden.
Die Story machte europaweit Schlagzeilen. Denn es geht hier nicht nur um die Krise des größten Industriekonzerns des Landes. Die Sache geht tiefer. VW ist tief mit der deutschen Identität verbunden. Kein Unternehmen steht so sehr für das deutsche Wirtschaftswunder wie Volkswagen. Für Aufstieg, Erfolg und technologische Exzellenz. All das steht auf einmal infrage.
Nun merkt sogar die Generation Golf, dass diese Zeit des scheinbar anstrengungslosen Wohlstands, in der es jeder Generation automatisch ein Stück besser ging als ihren Eltern, zu Ende ist.
Gelingt dem VW-Konzern der Umbau, kann das Unternehmen womöglich sogar zu alter Stärke zurückfinden. Scheitert er, wird VW zwar nicht untergehen. Aber das Unternehmen könnte einen Weg einschlagen wie etwa der Computerhersteller HP, der eng mit der Gründung des Silicon Valley verbunden war: Einst unvorstellbar groß und zudem Taktgeber einer ganzen Branche, heute nur noch irgendwie auch noch dabei, mit klobigen Computern, die Nutzer nur noch selten begeistern.
Was uns diese Woche sonst noch beschäftigt hat:
1. Deutschland hat gelernt, Außenseitern zu misstrauen, die das System verändern wollen. Politischer Aufstieg findet in der Bundesrepublik normalerweise innerhalb der Parteien statt. Innovationen sind uns dann am liebsten, wenn sie aus den Entwicklungsabteilungen von Volkswagen oder Siemens kommen und nicht von einem exzentrischen Start-up-Unternehmer. In den USA ist das anders. Und das ist genau das Problem: Europa tut sich schwer, die Härte zu verstehen, mit der in den USA Wahlkampf geführt wird. Dabei steht dahinter die gleiche Mentalität, mit der die USA zur Wirtschaftssupermacht aufgestiegen sind. Aber wie ist diese Härte eigentlich entstanden? Und was bedeutet das für die nächsten Jahre? Das ist das Thema unseres großen Reports zum Wochenende.
2. Egal wie die US-Wahl ausgeht: Sie wird die geopolitische Lage in den nächsten Jahren dramatisch verändern. Und das ist laut Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff eine „Katastrophe“ für Europa. Hier lesen Sie, welche ökonomischen Folgen eine zweite Trump-Präsidentschaft haben könnte – und warum auch Kamala Harris laut dem Ökonomen ungeeignet ist, die wirtschaftlichen Probleme der USA zu lösen.
3. Als intellektuelle Vorbereitung auf die US-Wahl möchte ich Ihnen noch ein weiteres Interview empfehlen, mit dem US-Politologen Francis Fukuyama. Er hält einen Wahlsieg Trumps für wahrscheinlich – und weder die USA noch Europa seien darauf vorbereitet. Er sagt:
4. Das Finanzministerium hat gestern einen bemerkenswerten Schritt getan. Es hat ein Grundsatzpapier für eine „Wirtschaftswende“ vorgelegt und stellt darin eine Reihe bislang unverhandelbarer Forderungen auf. Platzt an dem Papier jetzt die Koalition?
5. Anfang der Woche war Jens Spahn für einen Redaktionsbesuch in der Handelsblatt-Konferenz. Aus diesem Gespräch dürfen wir nicht zitieren. Doch viele der Fragen haben wir anschließend in meinem Podcast diskutiert. Wir sprachen über den Zustand Deutschlands, den anhaltenden Ampelstreit, Spahns Kanzler-Ambitionen und seine politischen Fehler. Mit Blick auf die Bundestagswahl 2025 formuliert er klar das Ziel: „Wir brauchen idealerweise über 40 Prozent.“
6. Es ist die zweitgrößte Akquisition der Firmengeschichte: Siemens übernimmt den US-Softwarespezialisten Altair Engineering für rund zehn Milliarden Dollar. Damit werden die Münchener immer mehr zu einem digitalen Technologiekonzern. Altair ist nämlich heute schon führend in Simulation, KI und Datenwissenschaft. Die Details lesen Sie in der Analyse unseres Siemens-Reporters Axel Hörner.
7. Wenn Sie zu den Menschen gehören, die das Gefühl haben, dass es bei den Preisen in Supermärkten seltsam zugeht, kann ich sagen: Sie haben recht. In einer aufwendigen Analyse hat unser Konsum-Team festgestellt, dass die Preise vieler Lebensmittel bei allen Händlern bundesweit auf den Cent genau gleich sind. Ihr Fazit: Das ist kein Zufall. Dahinter steckt ein System.
8. In den USA boomen sogenannte aktive ETFs, also aktiv gemanagte Anlagemöglichkeiten, die gleichzeitig über die Börse gehandelt werden. Während in den USA eine Rekordsumme von zehn Milliarden in diese neuen ETFs floss, sind sie in Europa noch relativ neu. Was steckt hinter dem Trend? Und sind sie wirklich besser als die passiven Fonds? Hier lesen Sie die Antworten.
9. Die meisten ETF-Besitzer setzen auf den MSCI World Index. Doch der sorgt bei vielen Anlegern für gemischte Gefühle. Denn US-Aktien haben in dem Index mittlerweile ein Gewicht von 72 Prozent. Doch es gibt durchaus interessante Alternativen.
Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende
Herzlich
Ihr
Sebastian Matthes