DHL-Partner: Politiker spekulieren über russischen Anschlag auf DHL-Flug
Berlin, Düsseldorf, Riga. Der Absturz einer Frachtmaschine im litauischen Vilnius weckt Befürchtungen, es könnte sich um einen russischen Sabotageakt gehandelt haben. Die Boeing 737 der spanischen Swiftair war im Auftrag der Express-Sparte des Dax-Konzerns DHL in Leipzig gestartet und am frühen Montagmorgen knapp neben einem Wohngebäude abgestürzt. Nach derzeitigem Kenntnisstand ist ein Mitglied der Besatzung ums Leben gekommen.
Am Rande eines G7-Treffens im italienischen Fiuggi schloss Bundesaußenministerin Annalena Baerbock (Grüne) einen russischen Sabotage-Akt nicht aus. „Alleine, dass wir gemeinsam mit unseren litauischen und spanischen Partnern uns jetzt ernsthaft fragen müssen, ob das ein Unfall war oder nach letzter Woche erneut ein hybrider Vorfall, zeigt, in was für volatilen Zeiten wir auch mitten in Europa bei uns gerade leben“, sagte Baerbock. Die deutschen Behörden arbeiteten mit den litauischen Kollegen bei der Aufklärung „engstens zusammen, um das aufzuklären“.
Man könne jedenfalls nicht einfach davon ausgehen, dass die Ursache ein technischer Defekt gewesen sei, „sondern wir hatten zuletzt in Europa mehrfach hybride Angriffe gesehen“, sagte Baerbock auch mit Blick auf die Kappung zweiter Datenkabel in der Ostsee vergangene Woche. Dies zeige, „wie wichtig der Schutz unserer kritischen Infrastruktur ist“.
Der Vize-Vorsitzende des Geheimdienste-Kontrollgremiums des Bundestages, Roderich Kiesewetter (CDU), ging sogar noch weiter: „Auch wenn es aktuell noch nicht aufgeklärt ist, es ist zumindest wahrscheinlich, dass es sich um eine russische Sabotage und somit Terror handeln könnte, da Nachrichtendienste und Partner eindringlich davor gewarnt haben“, sagte er dem Handelsblatt. „Dies sollte möglichst rasch aufgeklärt werden.“
Ähnlich äußerte sich der Vorsitzende des Gremiums, Konstantin von Notz (Grüne): „Es ist dringend notwendig, die genauen Hintergründe des Absturzes auch in Kooperation mit unseren Verbündeten entschlossen aufzuklären“, sagte er dem Handelsblatt. „Seit Monaten erleben wir immer wieder sehr ernstzunehmende Angriffe auf unsere Demokratie und ihre Lebensadern.“ Mittlerweile gebe es beinahe täglich Spionage- und Sabotageaktionen.
Wie es aus dem Nato-Staat Litauen hieß, hat die Polizei in Zusammenarbeit mit der Generalstaatsanwaltschaft eine Voruntersuchung zu allen Umständen des Unfalls eingeleitet. Eine parallele Untersuchung werde von einer spezialisierten Einheit innerhalb des Justizministeriums durchgeführt.
„Ich fordere alle auf, Vertrauen in die Fähigkeit der Ermittlungsbehörden zu haben, innerhalb eines optimalen Zeitrahmens eine gründliche und professionelle Untersuchung durchzuführen“, sagte die litauische Premierminister Ingrida Šimonytė. „Nur diese Untersuchungen werden die wahren Ursachen des Vorfalls aufdecken – Spekulationen und Vermutungen werden nicht zur Wahrheitsfindung beitragen“, so Šimonytė. Auch DHL betonte in einem Statement, dass die Ursache des Unfalls noch unbekannt sei.
Teile der Bundesregierung hatten sich zunächst zurückhaltend gezeigt. Deutsche Behörden, darunter die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung, beteiligten sich an den Ermittlungen, sagte ein Sprecher des Bundesverkehrsministeriums am Montagvormittag: „Zur Unglücksursache können noch keine Aussagen getroffen werden.“ Ob es sich um einen Unfall handele oder ob eine andere Ursache zum Absturz geführt habe, sei Gegenstand der aktuellen Ermittlungen.
In den vergangenen Monaten hatte es mehrere sogenannte hybride Angriffe auf Ziele in Europa gegeben, hinter denen Moskau als Drahtzieher vermutet wird. Bruno Kahl, Chef des deutschen Auslandsgeheimdienstes BND, sieht einen „umfassenden Einsatz hybrider Methoden und Mittel durch Russland“.
Zu hybriden Angriffe gehören unter anderem Anschläge oder Hackerangriffe auf staatliche Institutionen, kritische Infrastruktur, aber auch Desinformationskampagnen. Die Angreifer wollen dabei nicht nur physischen Schaden richten. Ziel ist es auch, die betroffenen Gesellschaften zu destabilisieren und die öffentliche Meinung zu beeinflussen.
Kern dieser „Strategie der Nadelstiche“, wie sie zuweilen in Sicherheitskreisen genannt wird: Aktionen erfolgen verdeckt und werden aktiv verschleiert werden. Die Angreifer wollen zwar, dass Unsicherheit geschürt wird, erschweren aber eine Reaktion der betroffenen Staaten, weil die Aktionen nicht eindeutig zugeordnet werden können.
Die aktuellen Ereignisse wecken Erinnerungen an einen Fall, in dem ebenfalls DHL im Visier von Angreifern stand. So soll im Juli im DHL-Logistikzentrum Leipzig ein aus dem Baltikum verschicktes Paket Feuer gefangen haben, das einen Brandsatz enthielt. Das Paket hatte einen ganzen Frachtcontainer in Brand gesetzt. In Sicherheitskreisen wurde davon ausgegangen, dass der Vorfall im Zusammenhang mit zunehmenden Fällen mutmaßlich russischer Sabotage steht.
Grünen-Politiker Von Notz verwies auf eine Anhörung der Präsidenten der Nachrichtendienste des Bundes im Parlamentarischen Kontrollgremium am 14. Oktober. Seinerzeit wurden Vorfälle am Flughafen Leipzig thematisiert. „Dort kam es zu sehr relevanten und ernstzunehmenden Sabotageversuchen im Luftfrachtbereich der DHL“, sagte von Notz. Der damalige Verfassungsschutzchef Thomas Haldenwang „hat diese explizit erwähnt und vor weiteren Anschlägen gewarnt“.
Verdachtsfälle gab es zuletzt reichlich
- Über kritischen Industrieanlagen Schleswig-Holstein wurden Drohnen gesichtet, bei denen es sich um russisches Militärgerät gehandelt haben könnte. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts auf „Agententätigkeit zu Sabotagezwecken“.
- Vergangene Woche erst beschädigte das chinesische Frachtschiff Yi Peng 3 ein Unterseekabel zwischen Rostock und Helsinki. Sowohl Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) als auch die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) sagten, dass es sich hierbei nicht um Zufälle gehandelt haben werde und man davon ausgehen müsse, es sei Sabotage und eine hybride Aktion gewesen.
- Den Eindruck bestärkt die scheidende EU-Kommissarin für Inneres, Ylva Johansson. Sie stellte im Gespräch mit dem Handelsblatt eine Verbindung zwischen den zerstörten Ostseekabeln und russischen Saboteuren her: „Wir haben mehrere Angriffe in der EU von russischen Agenten in der EU erlebt, die nachweislich von Russland durchgeführt wurden oder bei denen der Verdacht besteht, dass sie von Russland durchgeführt wurden.“ Es gebe also eine Verbindung.
- Bereits im Jahr 2023 hatte das chinesische Containerschiff „Newnew Polarbear“eine Gaspipeline zwischen Finnland und Estland beschädigt. Bei seiner Fahrt war es von russischen Eisbrechern begleitet worden.
- Ein Brand im Berliner Werk des Rüstungskonzerns Diehl-Gruppe hat in diesem Sommer Spekulationen ausgelöst, es könnten russische Angreifer dahinterstecken. Diehl stellt unter anderem das Flugabwehrsystem Iris-T her, das die Bundesregierung der Ukraine zur Verfügung gestellt hat. Im Juli ließen Medienberichte aufhorchen, nach denen Russland offenbar einen Anschlag auf Rheinmetall-Chef Armin Papperger geplant haben soll.
Entsprechend sorgt der Vorfall in Litauen für erhöhte Aufmerksamkeit. Die Swiftwair-Boeing befand sich bereits im Landeanflug auf den Flughafen in Vilnius, als das Unglück geschah. Etwa 1,7 Kilometer vor der Landebahn schlug die Maschine auf. Angeblich soll die Crew eine Notlandung begonnen haben.
So nah am Flughafen zeichnen üblicherweise Sicherheitskameras alles auf. Vom betreffenden Flug QY5960 von Swiftair sind Aufnahmen, die zum Beispiel eine Explosion zeigen könnten, bislang nicht publik geworden.
Dagegen gibt es auf dem Flugunfall-Portal Aviation Herald eine Aufzeichnung, die den Absturz zeigt. Dort ist ein weitgehend normaler Anflug zu sehen. Allerdings scheint der Jet kurz vor dem Aufprall deutlich schneller zu sinken als üblich. Eine weitere Auffälligkeit: Kurz vor dem Absturz reagierten die Piloten nicht mehr auf Funksprüche des Towers.
Das Flugzeug habe versucht zu landen und die Landebahn nicht erreicht, schilderte der litauische Polizeichef Arunas Paulauskas den Hergang. Bei ihm heißt es: Der Absturz sei „höchstwahrscheinlich auf einen technischen Fehler oder ein menschliches Versagen zurückzuführen“. Zugleich sagte er auf die Nachfrage, ob es sich auch um einen Terroranschlag gehandelt haben könnte, ein solches Szenario sei nicht auszuschließen: „Dies ist eine der Versionen des Absturzes, die untersucht und überprüft werden müssen. Es liegt noch viel Arbeit vor uns.“
Bei dem Flugzeug handelt es sich um eine betagte Boeing 737-400. Sie wurde bereits 1993 gebaut – als Passagierflugzeug. 2015 wurde sie zu einem Frachter umgerüstet und von Swiftair erworben.
Menschliches Versagen kann bei dem Unglück tatsächlich nicht ausgeschlossen werden: So könnten die Piloten Daten falsch eingegeben haben, etwa weil sie übermüdet waren. Zudem gab es in der Vergangenheit Notlandungen wegen zu wenig Treibstoff.
Theoretisch könnten auch schädliche Abgase in das Cockpit gelangt sein, die die Cockpitbesatzung außer Gefecht gesetzt haben. Es besteht zudem die Möglichkeit, dass manipulierte Daten für den Landeanflug zum Absturz geführt haben. Schon seit längerem berichten Piloten davon, dass etwa die GPS-Navigationsdaten bewusst gefälscht werden – das sogenannte Spoofing und Jamming. Es ist zu einem ernsten Problem in der Luftfahrt geworden.
Doch noch sind das alles Spekulationen. Erst die Flugschreiber werden Aufschluss darüber geben können, was das Unglück verursachte. Deren Auswertung dürfte aber einige Tage dauern.