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Cylib-GründerinNeues Verfahren für Batterien macht sie zur Newcomerin des Jahres

Wertvolles Lithium wird vielfach zu unbrauchbarer Schlacke. Lilian Schwich fand einen Weg, das beim Recycling zu verhindern. Statt Chemikalien setzt sie vor allem auf ein einfaches Mittel.Hauke Schwiezer 20.12.2024 - 01:23 Uhr Artikel anhören
Lilian Schwich: Sie gründete ihr Unternehmen erst im September 2022. Foto: PR, Getty Images, Dpa

Berlin. Deutschland steht aktuell vor einer gewaltigen Herausforderung. Der Zugang zu Batteriematerialien ist mit von entscheidender Bedeutung auf dem Weg in eine nachhaltigere Gesellschaft. Aktuell kommen diese Rohstoffe zu 99 Prozent aus China. Gerade der Elektroautoindustrie drohen hohe Defizite bei der Lithiumversorgung, neben erheblichen Defiziten bei Nickel und Mangan.

„Die Kreislaufwirtschaft ist der Schlüssel zu einer nachhaltigen und unabhängigen Wirtschaft“, sagt denn auch Kim Höhne, geschäftsführende Gesellschafterin des Recycling-Unternehmens Lobbe Gruppe und Mitglied der Dr.-Johannes-Kirchhoff-Familienstiftung. „Besonders im Bereich des Batterierecyclings zeigt sich, wie wichtig innovative Ansätze sind, um nicht in signifikante Defizite von Batteriematerialien zu geraten.“

Doch während viele in dieser Rohstoffabhängigkeit ein unüberwindbares Problem sehen, hat Lilian Schwich eine Lösung. Sie studierte an der RWTH Aachen Technik-Kommunikation mit der Vertiefungsrichtung Werkstofftechnik. Anschließend machte sie einen Master in Werkstofftechnik im Hauptfach. Damit hätte die heute 35-Jährige die Möglichkeit gehabt, in unzähligen etablierten Unternehmen zu arbeiten.

Doch Lilian Schwich dachte und handelte größer. Bei der Forschung in der Batterierecycling-Gruppe am RWTH-Institut für Metallurgische Prozesstechnik und Metallrecycling (IME) entwickelte sie ein Verfahren, welches das Recycling von Lithium-Ionen-Batterien effizienter und nachhaltiger gestaltet. Die Gründung von Cylib im September 2022 gemeinsam mit Paul Sabarny und ihrem Ehemann Gideon Schwich war die logische Konsequenz.

„Lilian Schwich hat eine Vision: Eine echte Kreislaufwirtschaft für Batterien. Diese Idee verfolgt sie seit Jahren mutig und ausgesprochen willensstark“, sagt Johanna Tjaden-Schulte, Vorständin für Transformation und Innovation bei der NRW-Bank, die früh zu den Investoren des Aachener Start-ups zählte.

Lilian Schwich hat eine Vision: Eine echte Kreislaufwirtschaft für Batterien.
Johanna Tjaden-Schulte
Vorständin NRW-Bank

„Ich bewundere es, wie extrem fokussiert und unerschrocken Lilian Schwich ihren Weg geht“, sagt Tjaden-Schulte. Bereits kurz nach der Gründung sammelte sie mit Cylib 3,6 Millionen Euro Wagniskapital ein. Zu den Erstinvestoren zählen unter anderem der Münchener Wagniskapitalgeber Vsquared Ventures, der europäische Frühphaseninvestor Speedinvest sowie mehrere Angel-Investoren aus dem E-Mobilitäts-Sektor wie Lawrence Leuschner, Chef des E-Scooter Start-ups Tier, und Torge Thönnessen, Gründer des Batteriezellentwicklers Customcells.

Der Autor
Hauke Schwiezer

Doch was ist das Besondere an der Methode von Cylib? Bisherige Recyclingverfahren retten vor allem Kobalt und Nickel – die teuersten Metalle einer Batterie. Andere wichtige Rohstoffe wie Lithium und Grafit gingen bisher verloren, weil sie bei herkömmlichen Verfahren zu unbrauchbarer Schlacke wurden. Lilian Schwich und ihr Team stellten diese Vorgehensweise auf den Kopf.

Sie entwickelten ein Verfahren, das den Recyclingprozess neu denkt: Mit mechanischen und wasserbasierten Verfahren gelingt es Cylib, mehr als 90 Prozent der Materialien einer Batterie zurückzugewinnen – umweltschonend, kosteneffizient und von höchster Qualität.

Kim Höhne, geschäftsführende Gesellschafterin der Lobbe Gruppe, betont die Bedeutung dieser Innovation: „Lilian Schwich hat früh erkannt, dass sich durch den Einsatz von Wasser und weniger Chemikalien nicht nur Kobalt und Nickel effizient zurückgewinnen lassen, sondern auch andere wertvolle Materialien wie Lithium und Grafit schonend abtrennen. Dieser Ansatz schont Ressourcen, reduziert Kosten und ist umweltfreundlicher als alles bisher Dagewesene.“

Europas Abhängigkeit von China reduzieren

Mit ihrer Arbeit adressiert Cylib nicht nur die ökologischen, sondern auch die geopolitischen Herausforderungen unserer Zeit: Europas Abhängigkeit von China wird durch effizienteres Recycling reduziert. Das Potenzial dieser Technologie ist enorm. Während heute noch vergleichsweise geringe Mengen Altbatterien recycelt werden, zeigt die Zukunft ein anderes Bild. Studien des Fraunhofer-Instituts prognostizieren, dass die jährlich zu recycelnde Menge in Europa von aktuell 50 Kilotonnen auf 420 Kilotonnen bis 2030 steigen wird – und bis 2040 sogar auf 2,1 Millionen Tonnen.

Der Boom der Elektromobilität macht Recycling zu einer Schlüsseltechnologie der nächsten Jahrzehnte. Europas Industrie braucht sichere Rohstoffkreisläufe, um nicht in neue Abhängigkeiten zu geraten. „Ich finde es großartig, wenn junge Gründer und vor allem Gründerinnen sich an große, technisch geprägte Herausforderungen trauen“, sagt Daria Saharova, Venture-Capital-Investorin des World Fund, die Lilian Schwich gut kennt. „Doch Lilian traut sich eben nicht nur an große Themen, sie ist auch ausgesprochen konsequent, diese erfolgreich zur Marktreife und Skalierung zu bringen. Trotz des großen Erfolgs bleibt sie dabei stets bodenständig, offen und herzlich“, sagt Saharova.

Auch Bosch und Porsche sind bei Cylib eingestiegen Die charismatische Persönlichkeit Lilian Schwichs sowie ihre hohe Kompetenz – ebenso wie die ihres Team – blieben nicht lange unentdeckt. Spätestens seitdem im September 2023 eine Pilotanlage in Aachen gestartet wurde, um Projekte mit Automobilherstellern, Zulieferern und Raffinerien umzusetzen, gilt Cylib als eines der hoffnungsvollsten deutschen Start-ups. Auch Bosch, Porsche und der World Fund sind inzwischen mit mehr als 55 Millionen Euro bei Cylib eingestiegen. Eine EU-Regelung dürfte den Markt zusätzlich ankurbeln.

Die Verordnung schreibt Herstellern von Stromspeichern vor, einen bestimmten Anteil von recycelten Materialien zu verwenden. Cylibs Einfluss geht sogar über die Technologie hinaus. Das Unternehmen steht sinnbildlich für eine Welt, in der Rohstoffe nicht mehr verbrannt, sondern zurück in den Kreislauf geführt werden. Für eine Welt, in der Europa unabhängiger und resilienter wird. Und für eine Welt, in der Nachhaltigkeit und wirtschaftlicher Erfolg kein Widerspruch mehr sind.

Mit Cylib hat Lilian Schwich nicht nur ein Unternehmen gegründet, sondern eine Vision Realität werden lassen. Sie zeigt uns, wie technologische Innovation die Grundlage für eine nachhaltige Gesellschaft schaffen kann. Während viele von der Kreislaufwirtschaft reden, hat sie die Spielregeln neu definiert – mit einer Lösung, die ökologisch, wirtschaftlich und geopolitisch von entscheidender Bedeutung ist. Corinna Tappe, mit 32 Jahren die wohl jüngste Geschäftsführerin eines Greentech-Hubs in Deutschland, begeistert an Lilian Schwich noch ein weiterer Aspekt.

„Junge Menschen richten ihr Verhalten am stärksten nach ihren Vorbildern aus. Deutschland hat keine nennenswerten, zukunftsfähigen Bodenschätze, sodass geistiges Kapital und innovative Gründungen immer wichtiger werden. Lilian Schwich ist mit ihrem Gespür für wirklich große Themen und Märkte, ihrem Mut, ihrer Durchsetzungsfähigkeit und ihrer so gewinnenden Persönlichkeit ein ideales Vorbild für junge Menschen. Drücken wir ihr und unserem Land die Daumen, dass sie eine noch bedeutendere Gamechangerin wird.“

Wer noch auffiel: Nicht aufzuhalten

Fabian Habicht und Nina Heine, Sohaila Ouffata, Friderike Bruchmann, Larissa Leitner und Annika von Mutius: Sie sind die Platzierten in der Kategorie „Newcomer des Jahres“. Foto: HB

Larissa Leitner und Annika von Mutius (Empion)

„Als wir uns vergangenes Jahr fragten, wie 2024 wohl werden würde, sagten wir: spektakulär!“, erzählt Annika von Mutius. Und so kam es ihrer eigenen Einschätzung nach auch. Ihr Personalmanagement-Start-up Empion hat das deutlich ältere Technologie- und Beratungsunternehmen Zalvus gekauft.

Eine der „besten Entscheidungen des Jahres“, sagt die 31-Jährige. So könne es auch weitergehen. Von Mutius hat Empion 2022 zusammen mit Larissa Leitner gegründet. Empion bietet ein automatisiertes Headhunting-System an, das Talente und Unternehmen, vor allem Mittelständler, auf Basis von Unternehmenskultur, Persönlichkeit und Fähigkeiten zusammenbringt.

Larissa Leitner und Annika von Mutius: Sie haben 2022 Empion gegründet. Foto: Empion, Getty Images

Wie beim Dating geht es darum, das bestmögliche Match zu finden. Die schwierige Konjunkturlage in Deutschland bekam auch Empion zuletzt zu spüren. Dadurch hätten sich die Vertriebszyklen verlängert, erklärt die promovierte Mathematikerin von Mutius, die seit Kurzem auch dem Vorstand des KI-Bundesverbands an gehört. Die Krise hält die Gründerinnen aber nicht davon ab, sich hohe Ziele zu setzen: 2025 soll sich der Umsatz vervielfachen.

Autorin: Nadine Schimroszik

Fabian Habicht und Nina Heine (Shit2Power)

Für das kommende Jahr haben sich Fabian Habicht und Nina Heine viel vorgenommen: Die Gründer von Shit2Power wollen ihre erste große Pilotanlage bauen, in der Klärschlamm in Energie verwandelt wird. Zudem will das 2023 gegründete Start-up aus Berlin eine erste größere Finanzierungsrunde schaffen. Bisher finanziert sich Shit2Power vor allem über Förderprogramme und Business-Angels. Mit der RAG-Stiftung aus Essen ist aber auch schon ein prominenter Investor gefunden.

Fabian Habicht und Nina Heine: Zusammen haben sie Shit2Power gegründet. Foto: Shit to power (2), Getty Images

Laut Bundesumweltamt gibt es bisher kaum Lösungen, um aus Klärschlamm Energie zu gewinnen. Die Vision von Shit2Power ist es, die eigens entwickelten Containeranlagen direkt neben Kläranlagen zu installieren. In denen soll der Klärschlamm in ein Synthesegas verwandelt werden, das wiederum von einem Blockheizkraftwerk genutzt werden soll.

Grundsätzlich und im Kleinen haben Heine, die die Geschäftsidee hatte, und Habicht, der Ingenieur, bereits nachgewiesen, dass die Technologie funktioniert: „Mit einfachsten Mitteln – Baumarktteilen – haben wir 2021 einen ersten Prototyp gebaut und gezeigt, dass wir ein brennbares Gas aus Klärschlamm erzeugen können.“

Autorin: Nadine Schimroszik

Friderike Bruchmann (XO Life)

„Monatlich stellen Menschen bei Google 400 Millionen gesundheitsbezogene Suchanfragen", sagte Friderike Bruchmann. Das Informationsbedürfnis sei sehr hoch. Mit ihrer Plattform XO Life will die Gründerin dafür sorgen, dass Patienten nicht mehr auf Dr. Google angewiesen sind. Über XO Life können Pharma- und Medizinproduktehersteller mit ihren Patienten in Kontakt treten, zugleich werden Behandlungen unter Einbindung von Experten begleitet. Patienten tragen beispielsweise ein, wie es ihnen während einer Therapie ergeht, ob sie Schmerzen haben und wann sie das Gefühl haben, dass es ihnen besser geht.

Inzwischen ist XO Life sechs Jahre alt. Im August erhielt die Firma von Investoren wie Sandwater VC, Grazia Equity und Bayern Kapital sieben Millionen Euro für das weitere Wachstum. Es läuft also gut für XO Life. „Aktuell schaffen viele Pharmahersteller einzelne Produktindikations-Apps wieder ab und setzen stattdessen auf unsere Plattform", erklärte die 34-Jährige, die XO Life parallel zu ihrer Promotion ins Leben rief. Am Anfang sei sie für ihre Idee ganz schön belächelt worden.

Friderike Bruchmann: Sie ist die Gründerin von XO Life. Foto: XO Life, Getty Images

Dabei ist Bruchmann überzeugt, dass sich der Plattformgedanke durchsetzt: „Das macht Sinn. Menschen haben schließlich nicht nur eine Krankheit und nehmen auch nicht nur ein Medikament.“

Inzwischen ist das Team von XO Life auf 40 Mitarbeiter angewachsen, die alle im Homeoffice arbeiten. Damit der Zusammenhalt trotzdem groß ist, gibt es mindestens zwei gemeinsame Reise im Jahr. Das ist laut der 34-Jährigen auch deswegen möglich, weil man ansonsten keine Miete zahlt. Erst im Dezember ging es zum Spitzingsee im Süden Bayerns

Autorin: Nadine Schimroszik.

Sohaila Ouffata (African Tech Vision)

Fast zehn Jahre lang war Sohaila Ouffata als Geschäftsführerin von BMW i Ventures, dem Wagniskapitalableger des Münchener Autokonzerns. In dieser Zeit war sie nicht nur für Finanzierungsrunden wie in das Auto-Start-up Deepdrive zuständig, sondern baute sich auch ein Netzwerk in der Szene auf. Das nutzt die 41-Jährige nun für die von ihr 2019 gegründete Initiative „The African Tech Vision“. Ihr Ziel ist es, eine „Brücke zwischen westlichen und afrikanischen Märkten aufzubauen“.

Sohaila Ouffata: Sie will mit ihrer Initiative „The African Tech Vision“ eine Brücke zwischen Afrika und Europa bauen. Foto: BMW, Getty Images

Bisher unterstützt sie mit der Initiative panafrikanische Frauen, die gründen wollen und kein Geld bekommen. Am letzten virtuellen Programm nahmen 25 Gründerinnen aus elf Ländern teil. Einige Erfolgsgeschichten hat „African Tech Vision“ bereits hervorgebracht. Dazu gehören die kenianische Plattform Ustawi Africa und das Fintech Hervest aus Nigeria.

Ouffattas Eltern kommen aus Marokko – und dorthin zieht es die Unternehmerin, Scout24-Aufsichtsrätin und Investorin in Climate-Tech inzwischen immer wieder. Dort soll bald ein Standort für „African Tech Vision“ entstehen, damit sich die Leute auch vor Ort austauschen können.

Autorin: Nadine Schimroszik

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