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LeserdebatteWie kommt die deutsche Stahlindustrie aus der Krise?

Und was bringt ein europäischer Stahlgipfel, so wie Olaf Scholz ihn kürzlich vorgeschlagen hatte? Darüber diskutiert die Handelsblatt-Leserschaft diese Woche. Eine Auswahl der Kommentare.Johanna Müller 12.12.2024 - 11:32 Uhr Artikel anhören
Hohe Produktionskosten, Umweltbedenken, Konkurrenzdruck: Der deutschen Stahlindustrie geht es nicht gut. Foto: dpa

Der deutschen Stahlindustrie geht es schlecht. Bundeskanzler Scholz hatte daher am Montag zu einem Stahlgipfel ins Kanzleramt geladen und verkündet, die Stahlbranche unterstützen zu wollen.
Vor diesem Hintergrund haben wir die Leserschaft gefragt: Welche Unterstützung braucht die deutsche Stahlindustrie?

Viele Leserinnen und Leser schreiben, die hohen Energiekosten in Deutschland seien das „Hauptproblem“. Ein Leser rät daher, einen „konkurrenzfähigen Industriestrompreis“ einzuführen – und zwar sofort. Ein anderer Leser schlägt vor, „bezahlbare Energiereserven für die Stahlindustrie zu gewinnen“, indem mehr Verkehr auf die Schiene verlagert würde.

Die Aussichten der grünen Neuausrichtung der Stahlindustrie mittels Wasserstoff bewerten die Leserinnen und Leser unterschiedlich. Ein Leser bezeichnet die Transformation hin zu grünem Stahl als „erforderlich“ und wünscht sich insbesondere hier Unterstützung vom Staat. Ein anderer Leser hält dagegen: Sollte die Stahlindustrie auf „Grünstahl umgerüstet werden“, erledige sich die Industrie in Deutschland selbst, schreibt er. Denn die Umrüstung sei teuer, und die dadurch entstehenden „höheren Stahlpreise“ ließen sich nicht auf Marktniveau einhegen. Für ihn sei daher die Voraussetzung für eine Zukunft der deutschen Stahlindustrie neben niedrigeren Energiekosten vor allem der „Verzicht auf grünen Stahl“.

Für unser Leserforum haben wir aus den Zuschriften eine Auswahl für Sie zusammengestellt.

Olaf Scholz, der Weltmeister im Ankündigen

„Braucht es einen Kanzler-Stahlgipfel? Nun, wenn wir uns die beeindruckenden und überaus nachhaltigen Ergebnisse der bisherigen Digitalgipfel, Wohnungsgipfel, Migrationsgipfel, Mobilitätsgipfel, Wirtschaftsgipfel, Industriegipfel, Gesundheitsgipfel, Bildungsgipfel und all der anderen Kanzlergipfel, die ich jetzt vergessen habe, vor Augen halten, dann ist die Antwort: nein.

Olaf Scholz ist und bleibt Ankündigungsweltmeister. In dieser Disziplin hat er es allerdings wirklich auf den Gipfel getrieben.“
Oliver Dange

Stellschraube Bahn

„Die Stahlindustrie braucht vor allem mehr Bahn. Warum? Mit der Elektrifizierung des Verkehrs wird es einen Verteilungskampf um elektrische Energie geben.

Die Straße zahlt immer höhere Energiepreise als die produzierende Industrie. Da hilft nur, möglichst viel Verkehr auf die bis zu zehnmal energieeffizientere Schiene zu verlagern, um bezahlbare Energiereserven für die Stahlindustrie zu gewinnen.“
Ralph Müller

Auf politische Krücken verzichten

„Die deutsche Stahlindustrie ist immer schon den Herausforderungen des Marktes ausgesetzt: Heute sind das die hohen Produktionsüberschüsse und die niedrigeren Energiekosten in anderen Ländern. Hauptproblem sind aber die besonders hohen Energiekosten in Deutschland.

Die sind von der Ampelregierung mit ihrer links-grünen Energiepolitik zu verantworten. Olaf Scholz fordert nun ‚verlässliche Strompreise‘ als Hilfe.
Wie soll das bei einem Fortschreiten der Energiewende funktionieren? Wind und Sonne sind wegen ihrer niedrigen Energiedichten und hohen Ausfallzeiten die teuersten Energieträger.

Versprochene weitere Hilfen für die Stahlindustrie stehen unter dem Vorbehalt der neuen Regierung. Wenn die Stahlproduktion mit hohen Investitionen auf ‚Grünstahl‘ umgerüstet werden soll, dann erledigt sich die Stahlproduktion in Deutschland von selbst.
Hatte man nämlich vor Kurzem noch die Vorstellung, man könnte die dann dreifach höheren Stahlpreise durch Klimaschutzverträge auf Marktniveau einhegen, so muss man jetzt auf diese politische Krücke verzichten.

Voraussetzungen für eine zukünftige deutsche Stahlindustrie sind also nur der Verzicht auf ‚grünen‘ Stahl und niedrigere Energiekosten durch ein Moratorium der Energiewende.“
Hans-Joachim Böhme

Wasserstoff ist eine Lösung

„Die Stahlindustrie in Deutschland braucht sofort Sicherheit mittels eines konkurrenzfähigen Industriestrompreises. Die Politik muss weiterhin klare Bekenntnisse und einen Infrastruktur-Fahrplan zu CO2-optimierten Energiequellen, insbesondere Wasserstoff, vorlegen.

Ein europäischer Stahlgipfel kann helfen, länderübergreifende Energielösungen voranzutreiben und Technologien in Herstellung, Transport und Lagerung von Wasserstoff zu teilen.“
Louis Toplak

Die Kosten der Unsicherheit

„Die Stahlindustrie ist aus volkswirtschaftlicher Sicht eine besonders wichtige Branche, da viele Industriezweige deren Produkte benötigen und eine große Abhängigkeit von ausländischen Lieferanten vermieden werden sollte.

Die aktuell erforderliche Neuausrichtung der Stahlindustrie erfordert einen finanziellen Aufwand, der über die Möglichkeiten der einzelnen Stahlfirmen hinausgeht, das heißt, die aktuelle Misere ist nicht primär auf Managementfehler, sondern auf die hohen Kosten und Unsicherheiten zurückzuführen, die mit der Abschreibung der vorhandenen Produktionsanlagen und der Umstellung auf die Wasserstoff-Technologie verbunden sind.

Für die Anwendung dieser Technologie sind noch viele Voraussetzungen zu erfüllen, die außerhalb der Zuständigkeit der Stahlindustrie liegen. Der Staat sollte in diesem Fall unterstützend eingreifen, eventuell auch nach einer organisatorischen Bereinigung des gesamten Stahlbereichs, die verhindert, dass die gleiche Technologie an mehreren Stellen gefördert werden muss, eine unmittelbare finanzielle Firmenbeteiligung in Betracht ziehen.“
Hjalmar Kuntz

Maßnahmen auf europäischer Ebene

„Die deutsche Stahlindustrie muss aus strategischen Gründen erhalten bleiben, da sie die Grundlage für die Wertschöpfung des verarbeitenden Gewerbes in Deutschland bildet und bereits heute in Relation zur Weltproduktion emissionsarmen Stahl produziert.

Die notwendigen Maßnahmen wurden bereits auf dem Gipfeltreffen klar definiert: wettbewerbsfähige Energiepreise, effektive Anti-Dumping- und Anti-Carbon-Leakage-Mechanismen sowie die Förderung von Investitionen. Jetzt gilt es, diese Maßnahmen auf europäischer Ebene konsequent umzusetzen.

Bisher werden die deutschen Dekarbonisierungsprojekte als ‚Important Projects of Common Interest‘ (Ipcei) mit einer Capex-Förderung unterstützt. Die Unternehmen benötigen jedoch auch Opex-Unterstützung, da Investitionen in die Dekarbonisierung derzeit keinen eigenständigen Business-Case darstellen.“
Daniel Biedrawa

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