Morning Briefing: Der letzte Lichtblick der deutschen Konjunktur trübt sich ein
Die deutsche Wirtschaft muss Arbeitsplätze abbauen
Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,
wer in den vergangenen Monaten besorgt auf die Vitalzeichen der deutschen Wirtschaft geschaut hat, dem blieb über lange Zeit immerhin noch ein Lichtblick: Wenigstens die Arbeitslosenquote blieb niedrig. Doch auch dieser Lichtblick scheint sich langsam einzutrüben.
Eine Befragung des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) hat ergeben: Vier von zehn deutschen Unternehmen wollen im neuen Jahr Stellen abbauen. 38 Prozent der Firmen planen, ihre Belegschaft zu reduzieren. Als Grund nennen die Unternehmen die schlechten wirtschaftlichen Aussichten. Nur ein Fünftel der Befragten geht optimistisch ins neue Jahr.
Laut IW war nur während der Finanzkrise 2008 der Pessimismus in der deutschen Wirtschaft größer. So erreicht die Krise jetzt auch den Arbeitsmarkt. Die IW-Ökonomen sprechen von einer Trendwende. „Der seit 2005 anhaltende Beschäftigungsaufbau in Deutschland ist zu Ende.“
Und als ob diese Aussichten nicht schon trübe genug wären, gibt ein weiterer Indikator Grund zur Sorge. Dass die Kurzarbeit nicht im gleichen Ausmaß zunimmt wie die Jobverluste, deutet darauf hin, dass es sich nicht nur um eine kurzfristige Konjunkturschwäche handelt. Das Fazit von Stefan Kooths, Konjunkturchef des Kiel Instituts für Weltwirtschaft (IfW), lautet:
In Baden-Württemberg lassen sich die Risse im deutschen Arbeitsmarkt schon jetzt aus der Nähe betrachten. Bosch plant einen drastischen konzernweiten Abbau von mehr als 12.000 Stellen. Rund 5500 davon will das Technologieunternehmen in der Kernsparte Automobiltechnik streichen. Die Stuttgarter IG-Metall-Geschäftsführerin Liane Papaioannou wurde deshalb jetzt deutlich:
Die Arbeitgeberseite hingegen sprach von Überkapazitäten beim Personal, die Boschs Wettbewerbsfähigkeit gefährdeten. Die Beschäftigten hatten vorgeschlagen, die Effizienz zu erhöhen – unter anderem durch Künstliche Intelligenz, Weiterbildung und eine Innovationsoffensive. Doch die Vorschläge konnten den drohenden Personalabbau bisher offenbar nicht verhindern.
Die Liste der Regierungen, mit denen Milliardär und Tesla-Chef Elon Musk noch keinen Streit begonnen hat, wird immer kürzer. Mit Brasilien liegt Musk im Clinch, die australische Regierung bezeichnete er als „Faschisten“, Bundeskanzler Olaf Scholz nannte er einen „Narr“ und mit der EU-Kommission hat sich der reichste Mann der Welt auch schon angelegt.
Aktuelles Ziel seiner Tiraden ist das Vereinigte Königreich und die Regierung rund um Labourchef Keir Starmer. In London wird sogar gemunkelt, dass Musk die Partei von Rechtspopulist Nigel Farage mit einer Großspende von 100 Millionen Dollar unterstützen will.
Starmer und die anderen Regierungschefs stehen vor einem großen Dilemma. Denn Musk wird in der kommenden Amtszeit von Donald Trump eine wichtige Rolle in dessen Kabinett bekommen. Starmer versucht nun zu retten, was zu retten ist und schmeichelt dem Pöbler von der anderen Seite des Atlantiks. Er freue sich darauf, mit Donald Trump und dessen Team zusammenzuarbeiten, sagte der Premier.
Die nächsten Wochen und Monate werden zeigen, ob Musk mehr wird beeinflussen können als nur den Ton der Regierungschefs – oder ob es ihm auch gelingt, die Regulierung seiner Plattform X in seiner neuen Position zu verhindern.
Nicht nur Regierungschefs, auch Unternehmen, versuchen sich gerade darauf vorzubereiten, was wohl auf sie zukommen wird, wenn die Regierung Trump II erst einmal im Amt ist. Ähnlich wie die Politiker wirken die Unternehmen dabei eher hilflos als planvoll. Export-orientierte Unternehmen versuchen gerade einfach, ihre Ware möglichst noch vor der Amtseinführung am 20. Januar über den Atlantik zu bekommen. Denn danach könnten ihnen hohe Einfuhrzölle drohen.
Ein niederländischer Produzent von Lkw-Teilen wirbt mit bis zu sieben Prozent Rabatt für amerikanische Kunden – solange sie vor dem Tag der Amtseinführung bestellen. Einer der größten europäischen Anbieter von Baukränen und Baggern hat angefangen zu hamstern und baut seit Wochen seine Lagerbestände in den USA massiv auf.
Doch diese Strategien werden die Unternehmen höchstens über die ersten paar Monate des neuen Jahres retten. Und das eifrige Verschiffen der Waren hat teure Nebenwirkungen: Denn die Transportkosten auf See sind durch die hohe Nachfrage nach Frachtkapazität enorm gestiegen.
Wenn eine Aktie um 450 Prozent steigt, ist die Frage angebracht, was sich dahinter verbirgt: Genie oder Wahnsinn? Im Fall der Aktie des amerikanischen Softwareunternehmens Microstrategy ist es wohl eine Mischung aus beidem.
Michael Saylor gelang es vor vier Jahren mit einem Geniestreich, sein Unternehmen vor dem Aus zu retten. Er legte die Barbestände, 250 Millionen Dollar, in Bitcoin an. Mit Erfolg: In diesem Jahr ist die Microstrategy Aktie stärker gestiegen als jede Aktie im wichtigen S&P-500-Index.
Seit seinem Geniestreich ist Saylor allerdings einer Obsession für die Kryptowährung verfallen, die droht in Wahnsinn abzugleiten. In den vergangenen vier Jahren hat er Bitcoin im Wert von rund 41 Milliarden Dollar angehäuft.
Der Chef kennt die Risiken seiner Unternehmung selbst: „Ein signifikanter Rückgang des Marktwerts von Bitcoin könnte erhebliche negative Auswirkungen auf unsere finanzielle Lage haben“. Doch das hält ihn nicht davon ab, wahnsinnige (oder geniale?) Ziele auszugeben: Saylor strebt eine höhere Marktbewertung an als der Technologieriese Microsoft. Der Weg dahin? … geht natürlich über Bitcoin.
Zum Abschluss bleiben wir noch kurz beim wichtigen Thema Genie und Wahnsinn. Alle Wörter einer fremden Sprache auswendig zu lernen, ohne ihre Bedeutung zu kennen, fällt sicherlich in die Kategorie „Wahnsinn“. Mit diesem Wissen dann die Scrabble-Weltmeisterschaft in dieser Sprache zu gewinnen, wiederum eindeutig in die Kategorie „Genie“.
Dieser Geniestreich ist dem Neuseeländer Nigel Richards gelungen – schon zum wiederholten Mal. 2015 und 2018 gewann er die französischen Meisterschaften, jetzt auch die spanischen. In den Sprachen verständigen kann er sich nicht, er kennt eben „einfach nur“ all ihre Wörter auswendig.
Ich wünsche Ihnen einen guten Tag, an dem Sie Ihr Gedächtnis nicht im Stich lässt.
Es grüßt Sie herzlich
Ihre
Teresa Stiens
Redakteurin Handelsblatt