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Morning BriefingDer Goldmarkt und die tektonische Verschiebung des Weltfinanzsystems

Teresa Stiens 13.12.2024 - 06:20 Uhr
Handelsblatt Morning Briefing

Die Rally am Goldmarkt gibt Analysten Rätsel auf

13.12.2024
Abspielen 07:45

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

es ist etwas faul auf dem Goldmarkt – gewaltig faul. Einerseits jagt das Edelmetall derzeit von Rekordhoch zu Rekordhoch. Auf Sicht von zwölf Monaten hat sich Gold um rund 40 Prozent verteuert. Doch die Hintergründe der Rally geben Analysten Rätsel auf.

Händler haben momentan eher ruhige Arbeitstage und viele Kennzahlen deuten eher auf einen niedrigeren Preis hin. Woher also kommt der Goldboom? Es scheint, als würde derzeit zwar viel Gold gehandelt, aber nur sehr wenig davon physisch bewegt. Ross Norman, Herausgeber des Branchenmagazins „Metals Daily“, sagt:

Das ist die sonderbarste und undurchsichtigste Rally, die ich je gesehen habe.

Wer treibt den mysteriösen Boom und zu welchem Zweck? Meine Kollegen Judith Henke und Jakob Blume haben sich auf Spurensuche begeben. Eine der Spuren führt in die Vergangenheit, in die 1970er-Jahre, als sich das Edelmetall noch stärker verteuerte als momentan.

Die Inflation in den USA schnellte damals wegen der Aufhebung der Goldbindung des Dollars in die Höhe. Eine fundamentale Veränderung des Währungssystems, die sich auch in der aktuellen Lage andeuten könnte.

Die Entwicklungen auf dem Goldmarkt werfen Fragen auf. Foto: Deutsche Bundesbank

Viel spricht dafür, dass das Währungssystem derzeit ähnlich einschneidende Veränderungen durchmacht. Denn der Dollar als wichtigstes Tauschmittel der Weltwirtschaft steht an gleich mehreren Fronten unter Druck. So hat der Ukrainekrieg gezeigt, dass es für Regime dieser Welt riskant ist, ihr Vermögen in Fremdwährung zu halten – etwa Dollar oder Euro. Devisen, zu denen Russland wegen der westlichen Sanktionen jetzt keinen Zugang mehr hat – zu seinem Gold hingegen schon.

Die fulminante Recherche meiner Kollegen kommt zu dem Ergebnis, dass wir vor nicht weniger als einer „tektonischen Verschiebung im Weltfinanzsystem“ stehen. Wer diese Verschiebung verstehen will, dem sei der heutige Freitagstitel wärmstens empfohlen.

Es ist ein politischer Flächenbrand, der sich gerade in vielen Staaten ausbreitet, die einst unter sowjetischem Einfluss standen. In der Ukraine brennt es seit Jahren lichterloh, Belarus hat die aufkommenden Flammen auf brutalste Weise erstickt, gerade ist der Funken auf Georgien übergesprungen.

Die Brände entstehen durch Reibung zwischen pro-europäischen und pro-russischen Kräften, letztere befeuert vom Regime in Moskau.

Die Polizei blockiert Demonstranten vor dem Parlament während einer Protestkundgebung in Tiflis. Foto: Pavel Bednyakov/AP/dpa

Meine Kollegin Mareike Müller, Korrespondentin für Russland, Ukraine und Osteuropa, war in Tiflis und berichtet von dort über die Proteste der Georgierinnen und Georgier. Sie zeichnet in ihrer sehr lesenswerten Reportage das Bild eines Volkes, das den jetzigen Moment für zentral erachtet, um über die Zukunft des Landes zu bestimmen. Eine Demonstrantin sagt:

Entweder wir gewinnen jetzt, oder wir bekommen Probleme, die nicht mehr in ein paar Monaten oder Jahren zu lösen sind.

Die Proteste hatten begonnen, als die Regierungspartei „Georgischer Traum“ angekündigt hatte, den EU-Beitrittsprozess auszusetzen. Es könnte der georgische Maidan-Moment sein, bei dem allerdings noch vollkommen unklar ist, in welche Richtung er das Land leiten wird.

Wie geht es in Syrien weiter? Eine Frage, bei deren Beantwortung nicht nur die syrische Bevölkerung und die neuen Machthaber mitreden werden, sondern auch die Großmächte der Region: der Iran, Israel, die Türkei. Der frühere Nahostexperte des Bundesnachrichtendienstes (BND), Gerhard Conrad, analysiert im Handelsblatt-Interview die aktuelle Situation und mögliche Szenarien für Syrien und den gesamten Nahen Osten. Conrad schätzt:

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass der Iran auf eine Strategie des hybriden Kriegs gegen ein neues syrisches System umschwenkt.

Doch auch im Iran selbst könnte es unruhig werden. „Die nicht-islamistischen, antitheokratischen Kräfte im Iran werden sich jedenfalls ermutigt fühlen“, so Conrad. Dass die Türkei in der Region an Bedeutung gewinnt, könnte ein Vorbote sein, für die Konstruktion eines neo-osmanischen Reichs.

Gerhard Conrad schätzt die Lage im Nahen Osten ein. Foto: IMAGO/teutopress

Auch wenn es bis dahin noch ein weiter Weg wäre, konstatiert der ehemalige Nachrichtendienstler: An der Vorstellung, ein „islamisch geprägtes Bündnis muslimischer Staaten unter türkischer Führung“ aufzubauen, habe sich bis heute nichts geändert.

Die große Frage in der Technologiewelt lautet: Frisst die Künstliche Intelligenz (KI) das Geld auf, das ihr gegeben wird? Oder wird sie es schaffen, es zu vermehren? Es ist eine teure Frage, auf die sich viele Investoren eine lukrative Antwort erhoffen.

Doch momentan lahmt der Boom mit KI an vielen Stellen. Denn die Technologie stagniert. Firmen wie OpenAI und Anthropic, Google und Microsoft gelingt es derzeit nicht, die Leistungsfähigkeit ihrer Sprachmodelle signifikant zu steigern – trotz der enormen Investitionen.

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Doch es gibt weiterhin die Optimisten, die der Technologie viel Geld zuschustern, in der Hoffnung, dass sie es irgendwann zurückzahlt. Der Ausbau der Infrastruktur dauere einige Jahre, parallel verlaufe die Einführung neuer Technologien in Unternehmen etwas verzögert, sagt etwa Tony Kim, Fondsmanager beim weltgrößten Vermögensverwalter Blackrock. Dann aber werde die Technologie „die Investitionslandschaft völlig umkrempeln“.

Es grüßt Sie herzlich
Ihre

Teresa Stiens
Redakteurin Handelsblatt

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