Krise in Südkorea: „Wir werden eine sehr gefährliche Zeit durchleben“
Tokio. Südkorea befindet sich in einer schweren politischen Krise, nachdem Präsident Yoon Suk-yeol Anfang Dezember überraschend das Kriegsrecht verhängt hat. Das Parlament hat inzwischen beschlossen, den Präsidenten des Amtes zu entheben. Der frühere Generalleutnant Chun In-bum, der für Einsätze im Irak und in Afghanistan ausgezeichnet wurde und das Kommando für Südkoreas Spezialeinheiten leitete, warnt im Gespräch mit dem Handelsblatt vor weiterem Chaos. Bis das Verfassungsgericht endgültig über die Absetzung Yoons entscheidet, werde er versuchen, sich zu wehren.
Die Krise offenbart laut Chun tieferliegende Probleme der südkoreanischen Demokratie: eine scharfe politische Spaltung, bei der „keine Seite mehr Kompromisse sucht“. Die instabile innenpolitische Lage könnte auch Nordkorea zu Provokationen ermutigen.
Hinzu kommt die zunehmende Zusammenarbeit von Pjöngjang und Moskau. Am Dienstag teilte ein hochrangiger Beamter des US-Militärs mit, dass bereits mehrere Hundert nordkoreanische Soldaten bei Kämpfen gegen die ukrainische Armee in der russischen Region Kursk getötet und verwundet worden seien. In Südkorea besteht die Sorge, dass Nordkorea von Russland im Gegenzug für die Ausleihung von Soldaten kritische Militärtechnologie erhält. „Wir Koreaner werden in den nächsten sechs bis zwölf Monaten eine sehr gefährliche Zeit durchleben“, meint der General.
Lesen Sie hier das gesamte Interview:
Herr Chun, das südkoreanische Parlament hat beschlossen, Präsident Yoon Suk-yeol wegen der Verhängung des Kriegsrechts des Amts zu entheben. Wird dieser Schritt die Spannungen beruhigen?
Wenn er die Entmachtung oder die damit verbundenen Vorwürfe nicht akzeptiert, was er anscheinend nicht tun wird, ist das eine echte Gefahr. Er wird versuchen, seine Unterstützer zu mobilisieren, die vielleicht zehn bis 15 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Dies könnte zu einer längeren Phase des Chaos und der Verwirrung in Südkorea führen.
Welche Auswirkungen wird diese Krise auf das Militär und die Moral der Soldaten haben?
Die vorherrschenden Kräfte kamen von unseren Spezialeinheiten. Diese Männer sind Profis, keine Wehrpflichtigen. Ihre Moral, Würde und Ehre der Spezialeinheiten wurde beschädigt. Die Hälfte ihrer Kommandeure wurde inzwischen suspendiert, verhaftet oder es wird gegen sie ermittelt. Zu allem Überfluss haben einige dieser Kommandeure in der Öffentlichkeit geweint. Das macht keinen guten Eindruck.
Hat dies auch Auswirkungen auf die Einsatzbereitschaft der südkoreanischen Streitkräfte im Falle eines Notfalls an der Grenze zu Nordkorea?
Ich denke, sie halten die Stellung. Die Armee selbst, die für den Schutz der Grenzen zu Nordkorea verantwortlich ist, scheint sich sehr auf ihre Mission zu konzentrieren. Außerdem scheint Nordkorea sich Zeit zu nehmen, um herauszufinden, was hier vor sich geht. Die dortige Führung hält sich bisher bedeckt.
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War die Erklärung gerechtfertigt, wie Präsident Yoon immer noch behauptet?
Das ist eine sehr heikle Frage. Obwohl dies die elfte Verhängung des Kriegsrechts in der koreanischen Gesellschaft ist, liegt das letzte Mal 45 Jahre zurück. Zu dieser Zeit gab es in Korea viele soziale Unruhen. Gibt es jetzt soziale Unruhe? Ja. Ist die Lage gewalttätig? Nein. Leben wir in einer Diktatur? Nein. Können wir also unter demokratischen Grundsätzen das Kriegsrecht verhängen? Das ist wirklich eine Grenzüberschreitung.
Was waren dann die Gründe für diese Eskalation?
Wir Koreaner müssen tief in uns gehen. Es geht nicht nur um einen dummen Präsidenten und ein paar dumme Berater, mit unserem System stimmt etwas nicht. Wir erleben eine scharfe Spaltung, in der keine Seite mehr Kompromisse sucht. Die Opposition ist sicher nicht unschuldig.
Können Sie Ihre Meinung erläutern?
Stimmt es, dass die oppositionelle Demokratische Partei mit ihrer Mehrheit in der Nationalversammlung einseitige Maßnahmen ergreift, um die Regierung zu blockieren, wie Präsident Yoon meint? Ja. Es grenzt an eine Diktatur. Statt den Dialog zu suchen, habe sie Yoon seit ihrem Sieg bei den Parlamentswahlen im April zunehmend blockiert, 24 Amtsenthebungsverfahren gegen Regierungsmitglieder angestrengt und kurz vor Yoons Putschversuch sogar einen abgespeckten Haushalt ohne Gespräche mit der Regierung durchgedrückt. Aber das ist kein Grund, das Kriegsrecht zu verhängen. Man löst keine politischen Probleme mit militärischen Mitteln.
Präsident Yoon hat nicht einmal den Oberkommandierenden der US-Streitkräfte in Südkorea vorab informiert. Was bedeutet diese Krise für das Bündnis mit den USA?
Das Bündnis wird dadurch mit Sicherheit belastet werden. Wir werden das Vertrauen, das wir hatten, wieder aufbauen müssen. Eine der Herausforderungen besteht darin, dass wir möglicherweise eine neue Regierung unter der Führung von Herrn Trump haben, die einer südkoreanischen Regierung unter der Führung von Progressiven gegenübersteht, die einige wirklich verrückte Ideen haben, die ich absolut ablehne.
Können Sie Beispiele für diese Ideen nennen?
Sie denken, es ist besser, rot zu sein als tot. Ich wäre lieber tot als rot. Es könnte also zu einem Konflikt dieser Werte kommen.
Aber beim letzten Mal haben sich der progressive Präsident Moon und Präsident Trump doch relativ gut verstanden, oder nicht?
Sie haben nur nicht öffentlich gestritten.
Ein weiteres geopolitisch wichtiges Thema ist das Verhältnis zwischen Japan und Korea. Yoon hatte den Streit über Japans Eroberungsgeschichte nach hinten gedrängt, um die Beziehungen zu verbessern.
Die Verbesserungen der Beziehungen zwischen Korea und den USA sowie zwischen Korea und Japan, insbesondere die trilaterale Zusammenarbeit der drei Länder, ist eine Initiative Yoons, die ich wirklich unterstütze. Dies stärkt die Position Südkoreas in Asien. Ich bin wirklich besorgt, dass insbesondere der Teil zwischen Korea und Japan durch diesen ganzen Vorfall Schaden nehmen wird.
Warum?
Ein progressiver Präsident könnte versuchen, die Beziehungen zu untergraben, wie es Yoons Vorgänger Moon getan hat. Allerdings hätten die Japaner viel mehr tun können, um Yoon zu helfen. Er musste für seine Annäherung an Japan viel einstecken, bekam aber nicht viel dafür.
Wie sehen Sie die Zukunft der innerkoreanischen Beziehungen und die Auswirkungen auf Ostasien?
Wir machen uns Sorgen um Nordkorea, aber nicht nur um Nordkorea – auch um China und in geringerem Maße um Russland. Wir Koreaner werden in den nächsten sechs bis zwölf Monaten eine sehr gefährliche Zeit durchleben. Wenn die Progressiven wieder an die Macht kommen, weiß ich nicht, was passieren wird. Aber die Koreaner haben die letzten 5000 Jahre überlebt, und hoffentlich überleben wir auch dieses Mal. Allerdings bietet diese Instabilität nicht nur unseren Feinden Chancen, sondern auch unseren Freunden.
Was meinen Sie damit?
Unsere Freunde müssen erkennen, dass es in ihrem Interesse liegt, ein gesundes Korea zu haben – Japan ganz sicher, Deutschland ganz sicher und auch andere europäische Länder sowie die Vereinigten Staaten. Die Europäer kriegen gerade einen Vorgeschmack auf Nordkorea, das seine Waffen, Munition und jetzt auch Menschen in den Krieg in der Ukraine schickt. Wer hätte das gedacht?
Wie wird sich dieser Bund mit Russland auswirken?
Nordkorea wird dadurch derzeit gestärkt. Und obwohl wir hoffen, dass es nur von kurzer Dauer sein wird, glaube ich es nicht. Selbst wenn der Krieg in ein paar Monaten endet, wird die Beziehung Nordkoreas zu Russland meiner Meinung nach weiter bestehen bleiben. Das bedeutet, dass die EU direkt oder indirekt von den Entwicklungen auf der koreanischen Halbinsel betroffen sein wird.
Wie können Deutschland und Europa in dieser Situation helfen?
Wir sind eine Demokratie im Aufbau. Geben Sie uns eine Chance und versuchen Sie, mehr über uns zu erfahren. Ich glaube nicht, dass wir jetzt schon deutsche Leopard-Panzer brauchen, aber wir brauchen auf jeden Fall mehr Europäer, die etwas über Korea, Japan, China, Taiwan und den Rest Asiens verstehen und uns politisch unterstützen. Wenn man die Probleme in dieser Region zusammenzählt, wird einem klar, dass dies hier Probleme für die Welt sind – und auch für Europa.