Newsletter Shift: Wie uns mehr Mitarbeiter-Engagement voranbringen könnte
Lieben Sie das, was Sie bei der Arbeit tun?
Wenn ja: Herzlichen Glückwunsch! Denn dann sind Sie wahrscheinlich eine sehr engagierte Mitarbeiterin, ein sehr engagierter Mitarbeiter. Sie tragen dazu bei, Ihr Unternehmen (oder zumindest Ihre Projekte) gut voranzubringen. Und dadurch vielleicht auch ein bisschen unsere wirtschaftliche Entwicklung.
Wie ich darauf komme? Nun, für diese Shift-Ausgabe habe ich mit einem Mann gesprochen, der sich nach meinem Thema „bessere Management-Ausbildung“ in der vorletzten Ausgabe per E-Mail mit einem inspirierenden Aufsatz gemeldet hat: Peter Steidl ist der Ansicht, dass emotionales Engagement von Beschäftigten ganz zentral für die Frage ist, ob es mit Deutschland vorangeht.
„Jemand, der nicht engagiert ist, macht nur das, was er wirklich machen muss, und nichts darüber hinaus“, sagt Steidl, strategischer Berater und Neuromarketing-Experte bei einer Marken-Agentur in Hannover. Solche Beschäftigten seien „nicht generell gegen ihre Firma eingestellt“, lieferten aber auch keine Verbesserungsvorschläge für ihren Arbeitsbereich.
Welche Folgen hat dieser „Dienst nach Vorschrift“? Das fehlende Engagement mache es einem Unternehmen schwer, sich zu transformieren, erläutert Steidl. „Ohne Engagement gibt es keine rasche und durchgreifende Transformation, und ohne diese gibt es kein langfristiges Wachstum.“
Deutschland sei von diesem Problem besonders stark betroffen, weil das Land so erfolgreich war. „Und weil es eben so viele Unternehmen gibt, die gewachsen sind und sich nicht verändert haben, weil sie auf einem Erfolgspfad waren“, sagt Steidl.
Was also tun? Der gebürtige Österreicher, studierte Wirtschaftswissenschaftler und langjährige Hochschuldozent appelliert an Unternehmen, intensiv darüber nachzudenken, wie sie ihre Beschäftigten besser einbinden und resilienter machen können. Das wirke sich auf Produktivität, Effizienz und Umsatz aus.
Ziel müsse sein, dass die Mitarbeitenden sagen: „Okay, mein Betrieb steht vor einer wirklich schwierigen Aufgabe und wird jahrelang durch eine Transformation gehen, die auch für mich nicht leicht sein wird. Aber jetzt werde ich schauen: Wo kann ich was verbessern, wo kann ich etwas beitragen, wie kann ich meinen Arbeitsplatz, mein Team so umgestalten oder motivieren, dass wir wirklich einen Beitrag leisten?“
Wo ist das gelungen? Als ein Vorbild nennt Steidl den US-amerikanischen Aluminiumhersteller Alcoa und dessen CEO Paul O’Neill (1987 bis 1999). Der habe die Beschäftigten mit einem Thema gewonnen, mit dem sie sich identifizieren konnten, als er vor der Aufgabe stand, das angeschlagene Unternehmen wieder in die Gewinnzone zu führen: Arbeitssicherheit.
Begeistert hätten Beschäftigte daraufhin die Produktionsprozesse überprüft, um Unfallrisiken zu verringern, und dabei Wege gefunden, die Produktion zu rationalisieren. Dadurch seien auch die Kosten gesunken und die Produktivität gestiegen.
Welches Beispiel gibt es noch? Vom Autohersteller Volkswagen kennt Steidl unter anderem das Think-Blue-Factory-Programm: Beschäftigte an der Produktionslinie können über ein digitales Portal Verbesserungsideen einreichen. Mehr als 12.000 Vorschläge seien seit 2022 umgesetzt worden, darunter ein KI-gesteuertes Qualitätskontrollsystem, das die Fehlerquote um 27 Prozent senkte. Um einfallsreiche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an sich zu binden, gewähre VW jenen, deren Ideen helfen, die Kosten zu senken, Aktienanteile.
Wie sehen Sie das? Was halten Sie von Peter Steidls Ideen? Könnte mehr Mitarbeiter-Engagement tatsächlich dazu beitragen, unsere Wirtschaft wieder auf Trab zu bringen? Und: Welche anderen Ideen haben Sie? Welche spannenden Projekte könnten wir in diesem Newsletter vorstellen? Schreiben Sie uns an newsletter@handelsblatt.com!
Dieser Text ist zuerst am 10. März 2025 im Newsletter Handelsblatt Shift erschienen. Diesen und weitere Newsletter können Sie hier abonnieren.