Mitarbeiter-Fürsorge: Wie Firmen bei der Pflege von Angehörigen unterstützen können
Köln. Die Situation war dramatisch, die erste Lösung beinahe banal. Ganz unerwartet wurde die Mutter einer Produktionsmitarbeiterin des Elektrotechnikspezialisten Mennekes pflegebedürftig. Die Ratlosigkeit war groß: Wie sollte sie die Versorgung daheim trotz des Schichtbetriebs sicherstellen? Und was, wenn ihre Mutter ganz kurzfristig ihre Hilfe benötigt?
Im Austausch mit ihren Vorgesetzten entstand ein Plan, um das Problem zu lösen. Die Mitarbeiterin durfte kurzfristig Schichten tauschen – und sie konnte das Smartphone mit an den Arbeitsplatz nehmen, um jederzeit erreichbar zu sein. Auch andere Kolleginnen und Kollegen, die zu Hause Pflegeaufgaben übernehmen mussten, haben bei Mennekes Unterstützung erhalten. „Wir finden da eine gemeinsame Regelung“, sagt Nicole Streit, die das betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM) bei dem Weltmarktführer für Industriesteckvorrichtungen im sauerländischen Kirchhundem koordiniert.
Die Zahl der pflegebedürftigen Menschen steigt. Ende 2023 benötigten hierzulande fast sechs Millionen Personen Unterstützung: Eltern, Partner oder Kinder mit einer gesundheitlichen Einschränkung. 86 Prozent von ihnen leben zu Hause. Häufig übernehmen erwerbstätige Angehörige die Pflege parallel zum Beruf. Für viele bedeutet das eine hohe Belastung.
Mehr als 80 Prozent der Pflegenden bis 65 Jahre sind berufstätig, hat das Wissenschaftliche Institut der AOK vergangenes Jahr in einer Studie ermittelt. Ein großer Teil von ihnen hat die Zahl der Arbeitsstunden verringert. „Wir sehen, dass viele Menschen ihre Arbeitsstelle aufgeben oder auf Teilzeit reduzieren, weil sie privat Pflegeverantwortung tragen. Andere werden unter dem Druck selbst krank“, sagt Greta Ollertz. „In Zeiten, in denen die Fachkräftesicherung wichtiger wird, ist das fatal für die Arbeitgeber.“ Ollertz leitet das Programm „Vereinbarkeit Beruf & Pflege“, das vom NRW-Arbeitsministerium und den Pflegekassen finanziert wird und aktuell etwa 500 Partnerunternehmen dabei helfen will, betroffene Beschäftigte zu unterstützen.
Unternehmen erweitern ihre Angebote an pflegende Beschäftigte – auch aus Fürsorge für die Mitarbeitenden. „Wenn es um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf geht, umfasst das weit mehr als die Bedürfnisse junger Eltern – eben auch die Unterstützung von Mitarbeitenden, die Angehörige pflegen, spielt eine wichtige Rolle“, sagt Mennekes-Koordinatorin Streit. Doch es geht auch darum, die Arbeitsabläufe im Betrieb zu stabilisieren – besonders wenn die Zahl der Kündigungen oder Teilzeitgesuche in der Personalabteilung steigt, weil Mitarbeitende durch die Pflege daheim an ihre Belastungsgrenze stoßen.
Finanzielle Sorgen drohen
Grundsätzlich haben Beschäftigte, die sich um pflegebedürftige nahe Angehörige kümmern, einen rechtlichen Anspruch auf berufliche Entlastung. Ihnen stehen pro Jahr zehn Tage Pflegefreistellung zu, in dieser Zeit zahlt die zuständige Pflegekasse etwa 90 Prozent des ausgefallenen Nettoverdienstes. In einigen Tarifverträgen sind zudem in den vergangenen Jahren zusätzliche Tage festgeschrieben worden, die Beschäftigte für die Kinderbetreuung oder die Pflege von Angehörigen einsetzen können. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, bis zu sechs Monate Pflegezeit zu beantragen – die ist dann allerdings unbezahlt. Zur psychischen Belastung kommen so schnell finanzielle Sorgen hinzu.
Für Firmen, die pflegende Mitarbeitende entlasten wollen, geht es zunächst häufig darum, das Thema zu enttabuisieren. „Man kriegt eine Windeltorte zur Geburt des Kindes“, sagt Ollertz, „aber von der demenzkranken Mutter erzählt man eher nichts im Betrieb.“ Ein klares Bekenntnis aus der Unternehmensführung, dass Pflege und damit verbundene Einschränkungen besprochen werden dürfen, ist daher eine wichtige Voraussetzung.
Einen Schritt weiter gehen Unternehmen, die interne Ansprechpartner für Fragen rund um die Pflege installieren. Bei Mennekes haben sich beispielsweise neben der BGM-Verantwortlichen Streit auch noch der Betriebsratsvorsitzende und dessen Stellvertreterin zu „Pflege-Guides“ weiterbilden lassen. Die drei stehen bereit, wenn Mitarbeitende mit entsprechenden Themen konfrontiert sind: Der Vater muss nach einem Schlaganfall dauerhaft zu Hause betreut werden, die Mutter ist für einige Tage zwischen Krankenhausaufenthalt und Reha ohne Betreuung, die Oma muss in eine Pflegeeinrichtung umziehen.
Die Guides stehen auch kurzfristig zur Seite. „Es sind durchaus belastende Situationen für unsere Fachkräfte, die sie nicht an der Stempeluhr zurücklassen“, sagt Streit. Im Austausch mit Vorgesetzten und der Personalabteilung werden dann etwa Schichtpläne angepasst, Homeoffice-Möglichkeiten erweitert, Freistellungen ermöglicht. Projektleiterin Ollertz berichtet beispielsweise vom Fall einer Beschäftigten in einem Partnerunternehmen, die sich immer wieder mittwochs krankmeldete, weil da der ambulante Pflegedienst nicht zur Angehörigen kam. „Solange niemand wusste, warum das passierte, hat das die Kollegen natürlich unzufrieden gemacht“, sagt sie. Verständnis entsteht erst, wenn die Probleme auch benannt werden.
Auch bei Aufgaben, die in die Zeit nach Dienstschluss fallen, können Unternehmen zur Seite stehen. Sie vermitteln Beschäftigte an die notwendigen Fachstellen: Wo findet sich eine umfassende Beratung zu rechtlichen und finanziellen Ansprüchen? Wer hilft dabei, einen Antrag für die Pflegegrad-Einstufung auszufüllen? Welcher ambulante Pflegedienst hätte kurzfristig noch Kapazitäten?
Die Pflege-Guides, die in NRW etwa im Rahmen des Landesprogramms geschult werden, kennen die wichtigsten Kontaktstellen in ihrer Region und sind im engen Austausch untereinander. Die Idee: „Je schneller eine betroffene Person eine Entlastung spürt, desto schneller kann sie oder er wieder an Arbeit denken“, sagt Ollertz.
Firmen können noch ein Stück weit über dieses Angebotsspektrum hinausgehen. Dafür kooperieren sie beispielsweise mit Dienstleistern, die sich auf den Bereich der sogenannten „Eldercare“ spezialisiert haben. Die Spanne reicht dabei bis hin zur Kurzzeitpflege, die der Arbeitgeber stundenweise mitfinanziert.
Die Hallesche Krankenversicherung hat beispielsweise vor vier Jahren eine betriebliche Pflegelösung eingeführt, die diesen Bereich abdeckt. Betroffenen Beschäftigten von versicherten Firmen steht ein Berater der Hilfsorganisation Malteser zur Seite, der bei der Organisation rund um einen Pflegefall unterstützt. Zudem verfügen Berater über ein monatliches Pflegebudget, das etwa für zusätzliche Betreuungsstunden oder hochwertigere Hilfsmittel eingesetzt werden kann. „So kümmert sich jemand darum – und gleichzeitig muss man finanziell nicht selbst in Vorleistung gehen“, sagt Produktmanager Robert Gladis.
Einsatz schafft Loyalität
Mit einem solchen Bündel an Unterstützung sichern Unternehmen sich nicht nur kurzfristig die Arbeitskraft der pflegenden Beschäftigten, sondern auch deren langfristige Loyalität. „Diese Fürsorge spricht sich unmittelbar auf der Arbeitnehmerseite herum und hat eine besondere Wirkung auf die Mitarbeiterbindung und Arbeitgeber‧attraktivität“, sagt Gladis.
Unternehmen müssen ihr Angebot an Pflegende stetig bekannt machen. Es gilt, die gesamte Belegschaft zu sensibilisieren. Dabei ist Hartnäckigkeit gefordert. „Die Leute, die gerade nicht pflegen, die hören in diesen Momenten oft gar nicht zu“, sagt Koordinatorin Ollertz. Beim Elektrotechnikspezialisten Mennekes will die BGM-Verantwortliche Streit dem vorbeugen. Kürzlich erst lud sie zu einem Vortrag rund um das Thema Pflege ein.