Merck: Das steckt hinter dem milliardenschweren Springworks-Zukauf
Für Merck ist es die größte Übernahme in der Pharmasparte seit Jahren und soll das Wachstum des Unternehmens mittel- bis langfristig beschleunigen. Der Konzern hatte zuletzt mehrere Rückschläge in der Forschung verbucht. Zudem sind wichtige bisherige Umsatzbringer im Arzneigeschäft von Patentabläufen bedroht.
„Im Unternehmensbereich Healthcare schärfen wir mit dem Zukauf unsere Fokussierung auf seltene Tumore, beschleunigen das Wachstum und stärken unsere Präsenz in den USA“, sagte Merck-Chefin Belén Garijo.
Merck dürfte weitere Übernahmen anstreben
Für Garijo dürfte die Springworks-Übernahme ein Meilenstein in ihrer Zeit an der Spitze des Konzerns werden. Die könnte im kommenden Jahr enden: Die Merck-Chefin werde ihren auslaufenden Vertrag wohl nicht verlängern, wie das Handelsblatt vorige Woche unter Berufung auf mehreren Quellen aus dem Unternehmen berichtete. Danach erreiche Garijo 2026 die für die Merck-Führung geltende Altersgrenze von 65 Jahren.
Garijo kündigte an, dass Merck auch nach dem Springworks-Deal weitere Zukäufe stemmen könnte. Nach eigenen Angaben aus dem Jahr 2023 beziffert der Konzern seine Finanzkraft für Übernahmen auf zwölf bis 15 Milliarden Euro.
Weitere Übernahmen dürfte Merck vor allem im Life-Science-Geschäft anstreben. Die größte Konzernsparte agiert als Zulieferer für andere Pharmaunternehmen und Forscher in der Pharmaindustrie. Kleinste Sparte ist das Geschäft mit Elektronikmaterial.
Das Pharmageschäft (Healthcare) kam im vergangenen Jahr auf einen Umsatz von 8,4 Milliarden Euro. Laut den Pharmaexperten von Bloomberg Intelligence könnte die Springworks-Übernahme Merck bis 2030 einen zusätzlichen Umsatz von 1,5 Milliarden Euro einbringen.
So bewerten Analysten den Merck-Deal
Bankanalysten bewerten den Deal als positiv, aber auch notwendig. Bei Investoren stehe im Fokus, ob Merck das Umsatzwachstum im Healthcare-Geschäft beschleunigen könne, kommentierten die Analysten von Morgan Stanley. Der Springworks-Kauf werde dazu beitragen.
Die Merck-Aktie notierte am Vormittag mehr als ein Prozent höher bei 122,50 Euro. In diesem Jahr hat sie bisher 13 Prozent an Wert eingebüßt, was vor allem an den Sorgen hinsichtlich möglicher Pharma-Importzölle der USA lag.
Springworks mit Sitz in Stamford im US-Bundesstaat Connecticut ist auf Krebstherapien spezialisiert und hat in den USA bereits eine Zulassung für das Mittel Ogsiveo, das gegen seltene Tumorarten im Weichgewebe eingesetzt wird. Der Antrag auf Zulassung in der EU wird derzeit von der Europäischen Arzneimittel-Agentur geprüft. Mit einer Entscheidung wird bis Ende Juni gerechnet.
Mindestens drei weitere potenzielle Mittel hat Springworks in der Entwicklung. Das Biotech-Unternehmen sieht in dem Anschluss an Merck die Chancen, außerhalb der USA stärker Fuß zu fassen.
Die Analysten von JP Morgan trauen dem Mittel einen Spitzenumsatz von rund einer Milliarde Dollar zu. Zudem arbeitet Springworks an der bisher einzigen Therapie gegen Neurofibrome. Das sind Tumore, die aufgrund genetischer Störungen auf dem Nervengewebe wachsen. In den USA ist das Mittel zugelassen, in Europa wird eine Entscheidung in diesem Jahr erwartet.
Rückschläge für Merck in der Pharmaforschung
Die Pharmasparte von Merck steht vor einigen Herausforderungen. Zu den aktuell wachstumsstärksten Mitteln zählen zwei langjährige Produkte: das Darmkrebsmedikament Erbitux und das Multiple-Sklerose-Mittel Mavenclad. Bei Letzterem laufen ab kommendem Jahr erste Patente aus.
Ein potenzielles Nachfolgepräparat scheiterte Ende 2023 in der finalen Forschungsphase. Die Entwicklung eines weiteren Hoffnungsträgers gegen Kopf- und Halskrebs stellte Merck nach enttäuschenden Daten 2024 ein.
Die entstandene Lücke soll nun die Springworks-Übernahme schließen. Merck finanziert den Kauf mit eigenen Mitteln plus neue Schulden. Springworks hat laut Merck rund 500 Millionen Dollar auf der hohen Kante, sodass der Eigenkapitalwert des Unternehmens bei 3,9 Milliarden Dollar liegt.
Mit Material von Reuters
Erstpublikation: 28.04.2025, 08:32 Uhr.