Kommentar: Drei Strategien gegen den Biotech-Vormarsch Chinas

Die Geschichte wiederholt sich: Einst zeigte Deutschland China, wie man Autos baut. Heute schaut Deutschland nach China, wenn es um neue Technologien und Software geht.
Dasselbe geschieht jetzt im Pharmabereich. Früher galt China als billiger Produktionsstandort vor allem für sogenannte Generika also Nachahmermedikamente von Arzneien, deren Patentschutz ausgelaufen ist. Doch das ändert sich:
- Im Jahr 2024 hat China erstmals die USA in der Krebsforschung überholt,
- bei einem Drittel der für die Branche so wichtigen Lizenzdeals ist ein chinesisches Biotech das Ziel,
- und auch die Zahl der klinischen Studien, die chinesische Pharmaunternehmen initiieren, nimmt stetig zu.
Deutschland hat seinen Status als Apotheke der Welt längst verloren. Mit China als neuem Innovationsturbo wächst der Druck. Und das in einer der wichtigsten Zukunftsbranchen, die Europa noch hat.
Für Deutschland ist die Pharmabranche eine Leitindustrie. Allein seit 2023 haben große Pharmaunternehmen mehr als sieben Milliarden Euro in Deutschland investiert. In der Biotechnologie wird die Zukunft der Medizin entwickelt: Mit Genscheren, mRNA-Impfstoffen und neuartigen Chemotherapien.
Damit das in Deutschland und Europa auch in Zukunft so bleibt, muss sich einiges ändern. Denn allzu oft scheitern spannende Ansätze an Bürokratie, Vorschriften – und zu wenig Risikokapital.
1. Kollaboration statt Grabenkämpfe
In den USA gibt es Boston, in China Suzhou – und in Deutschland Berlin, München, Heidelberg, NRW, Ulm, Sachsen, Hamburg ... Hierzulande bauen die Universitäten ihre eigenen Biotech-Hubs auf, anstatt ein gemeinsames Zentrum zu bilden.
Das ist problematisch: Ein Biotech-Cluster lebt von einer kritischen Masse – die in Deutschland nirgends erreicht ist.
In Frankreich oder Großbritannien sieht das etwas geordneter aus. Aber: Um Europa insgesamt voranzubringen, brauchen wir eine europäische Zusammenarbeit.
2. Mehr Risikokapital muss her
Es gibt zu wenig Geld für den europäischen Biotechnologiesektor. Es gibt eine Handvoll Risikokapitalgeber, die die Industrie und die Wissenschaft dahinter kennen, und einige Family-Offices.
Für große Investoren ist die Branche jedoch oft zu unüberschaubar – das Marktpotenzial einer App lässt sich natürlich leichter abschätzen als das einer neuen, biologisch komplexen Technologie.
Zwar gab es in der Finanzierung nach der Coronapandemie einen kurzen Schub. Doch zuletzt ist die Biotech-Finanzierung in Deutschland wieder eingebrochen.
3. Bürokratie zurückfahren
Allein in Deutschland gibt es 52 Ethikkommissionen, die über die Durchführung klinischer Studien entscheiden. Wer hier forschen und entwickeln will, braucht vor allem eines: Geduld. Und bekommt oft Absagen.
Auch der Marktzugang ist gemächlich: Die Zulassung neuer Therapien dauert in Europa durchschnittlich gut drei Jahre länger als in den USA. Wertvolle Zeit, in der die Patente der Pharmafirmen nach und nach ablaufen, was die Gewinnaussichten schmälert.
Dann muss man sich mit den einzelnen europäischen Ländern absprechen, um tatsächlich auf den Markt zu kommen. In den USA und China ist das zentral geregelt. Aber damit Pharmaunternehmen in Europa forschen und entwickeln und innovativ bleiben, muss auch der Markt stimmen.
Noch hat Europa eine Chance aufzuholen. Doch die Zeit drängt. Wenn sich nicht bald etwas ändert, verlieren wir unsere Stellung in der Biotechnologie.