Inflation: Teuerung in Euro-Zone fällt unter EZB-Ziel
Frankfurt. Die Ausgangslage für den Zinsentscheid der Europäischen Zentralbank (EZB) am Donnerstag ist klar: Die Leitzinsen werden aller Voraussicht nach zum achten Mal seit Juni 2024 sinken. Im Zuge dessen dürften die Notenbanker auch ihre internen Prognosen zu Wirtschaftswachstum und Inflation absenken.
Aktuellen Inflationsdaten zufolge ist das angebracht. Denn der Preisdruck im Euro-Raum nimmt stärker ab als gedacht. Im Mai sind die Verbraucherpreise in der Euro-Zone laut dem Statistikamt Eurostat auf Jahressicht nur noch um 1,9 Prozent gestiegen – langsamer als im Frühjahr und knapp unter dem EZB-Ziel von glatt zwei Prozent.
Das ist der niedrigste Wert seit September 2024. Besonders deutlich ist – nach dem preistreibenden Ostereffekt aus dem April – die Inflation für Dienstleistungen gefallen: von 4,0 auf 3,2 Prozent. Die viel beachtete Kerninflationsrate ohne schwankungsanfällige Energie- und Lebensmittelpreise sank von 2,7 auf 2,3 Prozent.
Volkswirte hatten mit einem nicht ganz so starken Rückgang gerechnet. Somit dürften die jetzigen Daten die Notenbanker bestärken, die Leitzinsen weiter abzusenken. An den Märkten herrscht seit geraumer Zeit Konsens, dass der einschlägige Einlagensatz für Banken am Donnerstag von 2,25 auf 2,0 Prozent sinken wird.
Damit steht der achte Schritt nach unten an, seit die Euro-Wächter um Notenbankchefin Christine Lagarde vor einem Jahr die Zinswende bei einem Leitzins von 4,0 Prozent begannen. Die meisten Ökonomen und Marktteilnehmer rechnen bald mit einem Leitzinsniveau von unter zwei Prozent.
Mehr Kredit vergeben
Die Zinswende entfaltet zwar Wirkung, doch vielen Notenbankern ist sie noch zu zaghaft. Vor dem Hintergrund der geldpolitischen Lockerung haben Banken ihre Spar- und Kreditzinsen abgesenkt. Dadurch sind Konsum und Investitionen auf Pump günstiger und gefragter als in der Hochzinsphase.
Die Kreditvergabe ist laut EZB sukzessive auf zuletzt 1,9 Prozent bei privaten Haushalten und 2,6 Prozent bei Unternehmen gewachsen. Im Frühjahr 2024 stagnierte die Kreditvergabe noch fast.
Die Arbeitslosenquote in der Euro-Zone fiel im April nach Angaben von Eurostat von revidiert 6,3 auf 6,2 Prozent. Knapp 10,7 Millionen Menschen waren ohne Job, 207.000 weniger als im März und 343.000 weniger als vor einem Jahr. Insgesamt lässt sich daraus eine verhaltene konjunkturelle Dynamik ableiten.
Unter Ökonomen ist umstritten, wie die Euro-Notenbanker in dieser Situation handeln sollten. Auch im EZB-Schattenrat, in dem Ökonominnen und Volkswirte mit dem Handelsblatt regelmäßig über die Zinspolitik debattieren, gehen die Meinungen über den angemessenen Kurs auseinander.
Schwelender Handelskonflikt belastet Märkte
„Die EZB hat nicht mehr viel Spielraum, die Zinsen weiter abzusenken“, sagte Sonsoles Castillo Delgado, Analystin der spanischen Bank BBVA. Für Konstantin Veit von der Allianz-Tochter Pimco wäre die EZB gut beraten, das Zinsniveau vorerst bei zwei Prozent zu belassen, solange sich nicht eindeutig eine Rezession abzeichnet.
Sylvain Broyer von der Ratingagentur S&P Global und Jan Viebig vom Vermögensverwalter Oddo BHF halten die Geldpolitik bereits für moderat expansiv. In diesem Fall sind die Zinsen so niedrig, dass sie die Wirtschaft anschieben. Das ist umstritten und wohl nicht die Mehrheitsmeinung im Entscheidungsgremium, dem EZB-Rat.
Auch im EZB-Schattenrat des Handelsblatts gibt es gegenteilige Meinungen. Für Jari Stehn, Europa-Chefvolkswirt der US-Bank Goldman Sachs, sollte die EZB den Einlagensatz bereits im Juli nochmals auf 1,75 Prozent absenken. Stehn befürchtet, dass es USA und EU nicht gelingen wird, ihren Handelskrieg zu befrieden. Das werde Konjunktur und Inflation noch weiter dämpfen.
Silke Tober vom gewerkschaftsnahen Wirtschaftsforschungsinstitut IMK sieht die Geldpolitik auch nach einer weiteren Zinssenkung am Donnerstag im neutralen Bereich. Sie rechnet damit, dass die EZB die Geldpolitik bis Ende 2026 expansiv ausrichten und dafür die Leitzinsen noch ein Stück weiter absenken wird.
Frederik Ducrozet vom Vermögensverwalter Pictet rechnet damit, kaum Neues zum Zinskurs zu erfahren. Angesichts der hohen Unsicherheit sei es sinnvoll, den Märkten überhaupt kein Signal zu geben, was im Juli passieren könnte.