Harvard: Trump hilft China, obwohl er das Gegenteil erreichen will
Shanghai. Die Regierung von US-Präsident Donald Trump will mit dem Ausschluss ausländischer Studierender von der Elite-Universität Harvard gezielt chinesische Studierende treffen. „Diese Regierung zieht Harvard zur Rechenschaft, weil die Universität Gewalt und Antisemitismus fördert und mit der Kommunistischen Partei Chinas auf ihrem Campus zusammenarbeitet“, erklärte Heimatschutzministerin Kristi Noem. Eine Bundesrichterin stoppte das Vorhaben am Freitag allerdings vorerst.
Bereits vor einigen Tagen hatten Abgeordnete der Universität in einem Brandbrief vorgeworfen, mit chinesischen Militärs zu kooperieren und damit die nationale Sicherheit zu gefährden.
Der Ausschluss von Studierenden aus dem Ausland dürfte das Verhältnis der beiden größten Volkswirtschaften weiter verschlechtern. Zwischenzeitlich hatte die Trump-Regierung Zölle von bis zu 145 Prozent auf chinesische Importe verhängt. Im Handelskrieg musste Trump jedoch zurückrudern, und China und die USA reduzierten ihre Zölle für eine Schonfrist von 90 Tagen.
Doch der Kulturkampf an den Universitäten dürfte nun eskalieren und sich für die USA als nachteilig erweisen. Trumps eigentliches Ziel, Chinas Aufstieg zu schwächen, indem chinesische Studierende und Forscher von US-Wissen abgeschnitten werden, könnte sich sogar ins Gegenteil verkehren. Denn das Vorgehen des US-Präsidenten spielt den chinesischen Propagandisten in die Hände, die mit antiamerikanischen Ressentiments auf Talentsuche für ihre Wirtschaft gehen.
Chinas Regierung reagierte am Freitag auf die Ankündigung der USA, ausländische Studierende in Harvard ausschließen zu wollen, und verwahrte sich gegen die „Politisierung“ der Bildungszusammenarbeit. Mao Ning, die Sprecherin des Außenministeriums, warnte die USA, ein solches Vorgehen würde dem „eigenen Image und ihrer internationalen Glaubwürdigkeit“ schaden.
Mao betonte, dass die Volksrepublik die „legitimen Rechte und Interessen chinesischer Studenten und Wissenschaftler im Ausland entschlossen schützen werde“. Damit wiederholte die Regierung im Wesentlichen aber frühere, ähnlich klingende Drohungen.
Laut der „New York Times“ liegt der Ausländeranteil unter den Studierenden in Harvard bei etwa 27 Prozent. Dem Shanghaier Finanzportal „Yicai“ zufolge besitzen 20 Prozent die chinesische Staatsangehörigkeit und wären somit deutlich in der Mehrheit unter den Ausländern.
Für viele Chinesinnen und Chinesen, die es sich leisten können, ist ein Studienaufenthalt in den USA die erste Wahl. Familien schauen in dieser Beziehung eher in Richtung Amerika als nach Europa, zumal die Vereinigten Staaten im Tech-Bereich und bei der Künstlichen Intelligenz weltweit – vor China – führend sind.
Doch das Verhalten der Trump-Regierung, die antichinesische Stimmung in der US-Politik – übrigens auch unter Demokraten und nicht nur unter Republikanern – sowie neue Zulassungsbeschränkungen verschlechtern zusehends das Verhältnis der beiden Gesellschaften und geben nationalistischen und antiamerikanischen Stimmen im kommunistisch regierten China deutlichen Auftrieb. So finden amerikakritische Videos auf Chinas wichtigstem Messenger „WeChat“, aus dem viele ihre Nachrichten beziehen und den fast jeder Chinese auf seinem Smartphone installiert hat, Verbreitung.
In diesen Videos werden Obdachlose in US-Städten oder Drogenopfer gezeigt. In einigen Beiträgen werden versiffte US-U-Bahnstationen gezeigt und mit dem sarkastischen Hinweis versehen: „Entwickeltes Land, USA“. Demgegenüber stehen topmoderne und saubere Metrostationen in China mit dem ebenso sarkastisch gemeinten Hinweis: „Entwicklungsland“.
Dieses Narrativ stellt die USA als Land im Niedergang dar, während China als kommende Weltmacht Nummer eins gesehen wird, mit besserer Infrastruktur und angenehmeren Lebensbedingungen. Das ist zwar ein Zerrbild, aber ein wirkmächtiges: Im Wettbewerb um Fachkräfte und Talente in den Bereichen Künstliche Intelligenz, Batterie- und Autotechnik könnten solche Erzählungen der chinesischen Wirtschaft helfen, die die US-Regierung mit Exportkontrollen und Embargos eigentlich schwächen will.
Chinas Tech-Szene rüstet kräftig auf
Laut einem Bericht der Chicagoer Denkfabrik Paulson Institute von 2023 hat fast die Hälfte der weltweit führenden KI-Forscher in China studiert, doch das Gros arbeitet nach wie vor bei US-amerikanischen Tech-Firmen, unter anderem im Silicon Valley.
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„Die neue Strategie in Amerika hat dazu geführt, dass sich einige Einwanderer nicht mehr wohlfühlen“, sagte Victor Huang, einer der Gründer des Unternehmens, diese Woche dem Handelsblatt. „Ich denke, dass es sehr gut für uns ist, mehr und mehr Talente aus der ganzen Welt und aus den USA zu gewinnen.“
Immer wichtiger werden auch chinesische Headhunter, die gezielt nach Chinesen mit Hochschulabschluss in den USA oder Europa suchen. „Ich denke, dass die Unsicherheit, Instabilität und Unvorhersehbarkeit des normalen Lebens in den USA China dabei helfen, Studenten aus den USA anzuziehen“, sagte Nicole Xu, Headhunterin bei der Shanghaier Agentur True Talents China, dem Handelsblatt am Freitag. Die Agentur hilft Tech-Unternehmen dabei, Talente aus dem Ausland anzuwerben – oder auch abzuwerben.
Das ist allerdings nicht immer leicht. Das schwach ausgeprägte Sozialsystem in China ist für Rückkehrer schwierig, und oftmals verdienen Entwickler bei chinesischen Firmen nur die Hälfte ihrer Kollegen im Silicon Valley.
Hinzu kommt das politische System Chinas, das autoritär regiert wird und weniger Freiheiten zulässt als der amerikanische Lebensstil. Nicht alles, was auf „WeChat“ zu sehen ist, ist falsch – aber viele Videos zeichnen ein einseitiges Bild der USA, das geprägt ist von Armut und Gewalt, auf den Straßen und in den Schulen. China wird hingegen als sicheres Land präsentiert.
Das ist in dieser Gegenüberstellung neu und bedeutsam, denn bislang galt die USA als fortgeschrittenes Sehnsuchtsziel für viele Chinesen. Deshalb war die Talentsuche der chinesischen Staats- und Parteiführung, die bereits 2009 in einem Regierungsdokument gefordert wurde, bisher nicht sonderlich erfolgreich. Der Triumph des KI-Start-ups Deepseek im Januar hat das Image der chinesischen Tech-Szene jedoch weltweit verbessert.
In Verbindung mit Trumps aggressiver Anti-China-Rhetorik könnte dies dazu führen, dass sich Talente wieder für ein Leben in China entscheiden, um die dortige Tech-Szene zu stärken. Das aber dürfte nicht Trumps Ziel gewesen sein.