Dax: Anleger verkaufen Aktien aus Reflex, nicht aus Überzeugung
Zunächst verlor der Leitindex Dax am Freitag 1,5 Prozent, nachdem US-Präsident Donald Trump angekündigt hatte, ab dem 1. Juni Zölle von 50 Prozent auf Waren aus der Europäischen Union einzuführen. Am Sonntag verlängerte er die Frist bis zum Inkrafttreten der Zölle auf den 9. Juli. Daraufhin holte der Dax die Verluste zum Handelsstart am Montag wieder auf.
Bei Anlegerinnen und Anlegern sorgt der Zollstreit für große Verunsicherung, wie die Handelsblatt-Umfrage Dax-Sentiment zeigt. Dafür werden jeden Freitagmorgen mehr als 9000 Privatanlegerinnen und -anleger nach ihrer aktuellen Markteinschätzung befragt. Die Antworten wertet Stephan Heibel, Geschäftsführer des Analysehauses AnimusX, aus und ergänzt sie um weitere Indikatoren.
Da Trump die Zölle für die EU-Staaten am Freitag um Viertel vor zwei deutscher Zeit ankündigte, ermöglicht die aktuelle Auswertung konkrete Einblicke, wie der Zollstreit auf die Anleger wirkt. Denn dadurch kann Heibel seine Auswertung zweiteilen und die Umfrageergebnisse vor und nach Trumps Ankündigung gezielt analysieren.
Dax: Anleger verfolgen Kursrally skeptisch
Zwei Drittel der Umfrageteilnehmer hatten zum Zeitpunkt der Zollankündigung bereits abgestimmt. Der Dax lag zu diesem Zeitpunkt zwar noch auf Rekordniveau, trotzdem hatte sich die Anlegerstimmung (Sentiment) im Wochenvergleich von 3,1 Punkten auf 1,3 Zähler abgekühlt. Vor zwei Wochen war die Stimmung mit mehr als vier Punkten noch extrem gut.
Nach der Zollankündigung verschlechterte sich das Sentiment auf minus 0,9 Punkte. Die Stimmung aller Umfrageteilnehmer sank damit auf 0,8 Punkte, wobei die größte Gruppe nun eine Topbildung beobachtet – also die letzte Phase eines Aufwärtstrends.
Ähnlich ist die Entwicklung bei der Selbstzufriedenheit. Sie wird gemessen, indem die Umfrageteilnehmer angeben, ob sie die jüngsten Kursentwicklungen erwartet haben. Das ermöglicht Rückschlüsse, ob sie richtig positioniert waren.
Obwohl der Dax am vergangenen Montag erstmals die Marke von 24.000 Punkten durchbrach und am Freitag auf seinem Tageshoch ein Wochenplus von 1,6 Prozent aufwies, war die Selbstzufriedenheit der Umfrageteilnehmer schon vor Trumps Zollankündigung von 2,8 Punkten auf 1,4 zurückgegangen. „Die bis dahin gute Performance im Dax löste also bei Anlegern weder Begeisterung noch Zufriedenheit aus“, stellt Heibel fest.
Nach 14 Uhr verschlechterte sich die Selbstzufriedenheit auf minus 0,4 Punkte. Insgesamt ging sie auf 1,2 Zähler zurück.
Bei der Zukunftserwartung war die Entwicklung gegenläufig. Vor 14 Uhr war sie auf minus 4,1 Punkte gefallen und damit extrem negativ. „Es ist sehr selten, dass es hier Extremwerte gibt, obwohl der Dax ein Allzeithoch erklimmt“, ordnet Heibel ein.
Zollstreit: Fristverlängerung relativiert aufkommende Ängste
Das erkläre auch die prompten Kursverluste des Dax nach der Zollnachricht, sagt Heibel: „Diese Skeptiker waren es, die reflexartig auf den Verkaufsknopf drückten, als die Hiobsbotschaft von Donald Trump über die EU-Zölle über den Ticker lief. Daraus können wir immerhin schließen, dass die Verkäufe und damit der Kurseinbruch nicht aus Überzeugung, sondern aus Angst erfolgten.“
Das wiederum erklärt die schnelle Kurserholung am Montag. Durch die Fristverlängerung bei den Zöllen und die Hoffnung auf ein Handelsabkommen relativierten sich die am Freitag aufgebauten Ängste.
Nach 14 Uhr verbesserten sich die Zukunftserwartungen auf minus 2,6 Punkte. Das ist aber nicht verwunderlich, da sich durch die fallenden Kurse am Nachmittag ein Teil der negativen Zukunftserwartung bereits materialisierte. Insgesamt gab die Zukunftserwartung dadurch von minus 2,8 Punkten auf minus 3,6 nach.
Die Investitionsbereitschaft verbesserte sich dagegen durch den Kursrücksetzer vom Freitag. Während sie sich vor 14 Uhr bei minus 0,6 Punkten befand, lag sie nach 14 Uhr bei plus 0,8 Punkten. Demnach war der Dax Anlegern auf seinem Rekordhoch zu teuer, nach dem Kursrücksetzer sahen die Umfrageteilnehmer hingegen tendenziell wieder eine Einstiegschance. Auch das erklärt die Kurserholung vom Montag.
Zeitübergreifend verschlechterte sich die Investitionsbereitschaft allerdings. Mit minus 0,3 Punkten ist sie erstmals seit Ende März negativ.
Vor diesem Hintergrund rät Heibel, die aktuelle Marktreaktion nicht überzubewerten: „Der Ausverkauf war eher ein Reflex und erfolgte nicht aus Überzeugung. Eine Beurteilung der realwirtschaftlichen und damit vielleicht auch der Aktienmarkt-Bedeutung der erneuten Zölle kann man aus der ersten Reaktion daher nicht ableiten.“
Auffällig sei jedoch die hohe Verunsicherung, sagt Heibel: „Die Zukunftserwartung für den Dax ist bei den Privatanlegern aktuell so negativ wie erst dreimal in den vergangenen 20 Jahren.“ Darauf folgte in der Vergangenheit beim Dax stets eine Seitwärtsbewegung.
Deutlicher ist die Anlegerstimmung dagegen beim Bitcoin. Sowohl Privatanleger als auch institutionelle Investoren, deren Stimmung über eine separate Umfrage von AnimusX ermittelt wird, sind angesichts der jüngsten Kursentwicklung euphorisch. Die älteste und wichtigste Kryptowährung erreichte in der vergangenen Woche einen neuen Höchststand von fast 112.000 Dollar.
Interesse von Privatanlegern am Bitcoin wächst
„Nur zweimal waren sich Privatanleger und institutionelle Anleger in ihrer guten Laune über die Bitcoin-Entwicklung so einig wie heute“, berichtet Heibel. „Diese gute Stimmung führte damals zu einer Fortsetzung der Rally um 49 Prozent in den folgenden sechs Monaten.“
Allerdings seien die Zukunftserwartungen von institutionellen Investoren – einem wichtigen Kurstreiber der aktuellen Rally – extrem negativ, sagt Heibel. Pessimistischer waren die Profianleger nur im Mai 2021. Darauf folgte ein Ausverkauf um 35 Prozent mit anschließender Kurserholung. In der Folge stand der Bitcoin sogar 30 Prozent höher.
„Für mich sieht es so aus, als stünden wir beim Bitcoin auf der Schwelle der breiten Akzeptanz“, sagt Heibel. „Da könnte es tatsächlich auf kurze Sicht nochmals einen heftigen Rücksetzer geben, bevor dann die Privatanleger die Bitcoin-Rally nochmals befeuern.“
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