Newsletter Shift: Warum ein Herzforscher dankbar für das deutsche Regelwerk ist
Berlin. Vielleicht kennen Sie diese Redensart über das Verhältnis Amerikas und Europas zu Innovationen: „The US innovates. Europe regulates.“ Sprich: Die USA sind findungsreich, und Europa befasst sich lieber damit, was eine neue Erfindung darf und was nicht. Aber ist diese – vermeintlich innovationsbremsende – Regulierungsfreude grundsätzlich negativ zu betrachten?
Ein Gegenbeispiel dazu liefert der Pharmakologe Wolfram Zimmermann, der dieses Jahr Aufsehen erregte mit einer Studie in der Fachzeitschrift Nature. Dort berichteten er und seine Kolleginnen und Kolleginnen, wie sie mit im Labor gezüchteten Bindegewebe- und Herzmuskelzellen neues Herzmuskelgewebe kreiert haben.
Dieses Gewebe lässt sich auf das Herz von herzkranken Menschen wie ein Pflaster aufbringen, damit das Herz wieder leistungsfähiger wird. Der Ansatz ist revolutionär – und er wäre ohne Regulatorik nicht Wirklichkeit geworden.
Ganz konkret lobt Zimmermann die für die Zulassung in Deutschland zuständigen Oberbundesbehörde: „Ich muss sagen, dass die Kolleginnen und Kollegen vom Paul-Ehrlich-Institut uns sehr geholfen haben, den von uns entwickelten Ansatz mit der gebotenen Sorgfalt in den Menschen zu überführen.“
Denn nach Versuchen bei Ratten, Mäusen und Schweinen war die Frage offen: Wie lässt sich prüfen, ob das Herzpflaster auch bei Menschen sicher und wirksam funktioniert?
Nach vielen Besprechungen mit Fachleuten im Paul-Ehrlich-Institut beschloss Zimmermann, den Rhesus-Affen als entscheidendes Modelltier zu nehmen. Und auch hier überzeugte das Konzept. Möglich sei das aber nur gewesen, weil er aus Göttingen viel Unterstützung erhielt.
„Das mit der Wissenschaftsstadt Göttingen ist nicht nur so daher gesagt. Die Kolleginnen und Kollegen vom Primatenzentrum, von der Universitätsklinik und vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation – alle haben uns geholfen. Darum stehen wir jetzt dort, wo wir stehen“, sagt Zimmermann.
Zwar habe das alles lange gedauert. Im Grunde habe er seit mehr als 30 Jahren, seit seiner Zeit als Doktorand, kontinuierlich an dem Herzpflaster geforscht. Es habe Zeit gebraucht, bis es die Methode von Ratten über Affen zum Menschen schaffte.
Aber die Regulatorik sei für ihn und seine Forschung nicht der einzige Faktor gewesen. „Natürlich hätte ich auch ins Ausland gehen können“, sagt Zimmermann, jedoch: „Die Unterstützung und das Vertrauen, dass mir als Forscher in Deutschland entgegengebracht wurde, haben mich immer daran glauben lassen, die Herausforderung bei der Übertragung unsere Ergebnisse vom Labor in die Klinik in Deutschland mit meinem Team meistern zu können.“
Das Forschungsministerium förderte ihn, und er bekam die Möglichkeit zur Ausgründung – das habe finanziell geholfen, sein Projekt so weit zu bringen. Die vielen Beschwerden, die in Deutschland oft über Regularien zu hören sind, findet Zimmermann oft zu platt.
Erfolg funktioniere vor allem über die richtige Ansprache und das Miteinander. Man müsse nicht prinzipiell an alle Regelwerke die „Kettensäge“ legen.
Und was denken Sie? Ist die Geschichte vom Herzpflaster eine Ausnahme oder ein weiterer Beleg für die Vorzüge des europäischen Wegs beim Thema Innovationen? Schreiben Sie uns an newsletter@handelsblatt.com.
Bleiben Sie optimistisch!
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