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NahostIsrael könnte Angriffe noch stärker ausweiten

Der Konflikt zwischen Israel und Iran hat sich verschärft. Die Sorge vor einem möglichen Flächenbrand in der Nahost-Region wächst. Das sind die wichtigsten Fragen und Antworten.Judith Henke, Silke Kersting, Dietmar Neuerer und Inga Rogg 15.06.2025 - 18:21 Uhr Artikel anhören
Rauchschwaden über einem Raffineriegelände in Teheran: Der Krieg zwischen Israel und dem Iran nimmt an Intensität immer weiter zu. Foto: AFP

Düsseldorf, Berlin, Istanbul. Der Krieg zwischen Israel und Iran verschärft sich weiter. Am Sonntag setzte Israel seine Luftangriffe auf Ziele in der iranischen Hauptstadt Teheran fort. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) erklärte vor seinem Abflug zum Treffen der sieben wichtigsten Industrienationen (G7) in Kanada, Israel habe „das Recht, seine Existenz und die Sicherheit seiner Bürger zu verteidigen“.

Für ihn sei klar, dass der Iran keine Nuklearwaffen besitzen dürfe, betonte Merz. Dies wäre eine existenzielle Bedrohung Israels, des Nahen Ostens und der internationalen Staatengemeinschaft.

Israel wirft Teheran die Entwicklung einer Atombombe vor. Am Vormittag hatte der deutsche Außenminister Johann Wadephul (CDU) mit seinem israelischen Kollegen Gideon Saar telefoniert. Das Außenministerium in Jerusalem teilte mit, Saar habe erklärt, dass der Einsatz im Iran fortgesetzt werde und noch wichtige Ziele zu erreichen seien.

Lesen Sie hier die Antworten auf die wichtigsten Fragen:

Was passiert gerade zwischen Israel und Iran?

Israel hatte am Freitag überraschend den Iran angegriffen. Nach eigenen Angaben will die israelische Regierung damit die atomare Bewaffnung des Iran verhindern. Die Armee bezeichnet den Angriff als „Präventivschlag“.

Der Iran hat sein Atomprogramm in den letzten Jahren massiv ausgebaut und verfügt heute über so viel angereichertes Spaltmaterial, dass es theoretisch für den Bau von zehn Nuklearsprengköpfen reichen würde. Diese Bedrohung müsse ausgeschaltet werden, bevor es zu spät sei, sagen Armee und Regierung.

Der Iran reagierte mit Gegenangriffen. Einen Großteil der iranischen Raketen hat die israelische Armee abgefangen – mit Unterstützung von amerikanischen Truppen in der Region. Israel verfügt über einen mehrfach gestaffelten Abwehrschirm gegen Luftangriffe. Trotzdem schlugen mehrere Raketen ein. Im Großraum von Tel Aviv wurden mehrere Wohnblöcke zerstört. Auch in Teheran wurden mehrere Wohnblöcke durch Luftangriffe zerstört.

Im Iran soll es durch die Angriffe mindestens 150 Tote und mehrere Hundert Verletzte gegeben haben. In Israel wurden nach offiziellen Angaben 13 Personen getötet und mehr als 370 verletzt.

Was sind die wichtigsten Ziele der Angriffe?

Israel hat nach eigenen Angaben im Iran Dutzende von Zielen angegriffen. Der Iran bestätigte, dass die Nuklearanlage Natans, eine der wichtigsten Urananreicherungsanlagen, mehrfach getroffen worden ist.

Insgesamt seien „in weniger als drei Tagen 170 Ziele und mehr als 720 Komponenten der militärischen Infrastruktur“ getroffen worden, teilten die Streitkräfte am Sonntag mit. Irans Revolutionsgarden meldeten den Tod sechs weiterer Generäle. Damit erhöht sich die Zahl der Todesopfer unter der Militärführung auf mindestens 12. Unter ihnen waren auch der Kommandeur der mächtigen Revolutionsgarden, Hossein Salami, und der Generalstabschef Mohammed Bagheri.

Wie stabil ist das Regime in Teheran?

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu will nicht nur die militärische Bedrohung durch den Iran beseitigen, sondern auch einen Regimewechsel erreichen. In einem Video hat er die Iraner zum Aufstand aufgerufen.

Die Unzufriedenheit unter den Iranern ist groß. Experten mahnen jedoch zur Vorsicht mit voreiligen Prognosen. Niemand solle das jetzige Regime unterschätzen, sagt Ezgi Uzun-Teker, Iran-Expertin an der Istanbuler Yeditepe-Universität.

Dabei spiele dem Regime die Spaltung der Opposition in die Hände. „Es gibt eine Vielzahl von Akteuren“, so die Expertin. „Aber es gibt niemanden, der als einigende politische Figur für all die unzufriedenen Menschen fungieren könnte.“

Israel hatte die Urananreicherungsanlage Natans bei seinem Eröffnungsschlag gegen den Iran am Freitag beschädigt. Seitdem sind nach Kenntnis der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) keine weiteren Schäden entstanden.

Falls es auf längere Sicht zu einem Machtwechsel kommen sollte, könnte dieser anders ausfallen, als es sich Netanjahu und viele Iraner wünschen.

Statt einem Regimewechsel könne es sogar zu einer Militärdiktatur der Revolutionsgarden kommen, sagt Simon Wolfgang Fuchs, Iran-Experte an der Hebrew University in Jerusalem.

Besteht die Gefahr eines Flächenbrandes im Nahen Osten?

Vieles hängt vom weiteren Verlauf des Kriegs ab. Der israelische Angriff wurde auch möglich, weil zwei wichtige Gegner entweder massiv geschwächt wurden oder nicht mehr existieren. Die Hisbollah im Libanon hat nach dem Krieg im vergangenen Jahr einen Großteil ihres gefährlichen Raktenarsenals verloren.

In Syrien stürzten Rebellen im Dezember den Despoten Bashar Assad. Das ermöglicht es Israel jetzt, den syrischen Luftraum zu nutzen, womit sich die Flugzeit in Richtung des Iran extrem verkürzt.

Der Iran hat zwar mit einer Schließung der Straße von Hormus gedroht. Da diese für den Ölhandel wichtig ist, würde es die Golfstaaten treffen. Damit wären sämtliche Bemühungen um eine Annäherung allen voran an Saudi-Arabien dahin.

Die Lage könnte sich ändern, wenn die USA in den Konflikt hineingezogen werden. Derzeit bemüht sich der Iran aber darum, dies zu verhindern. So sind die angedrohten Angriffe auf amerikanische Basen bisher ausgeblieben.

Wie wirkt sich der Konflikt auf die Sicherheitslage in westlichen Ländern aus?

Mit der Eskalation der Lage könnte die Gefahr von islamistisch motivierten Anschlägen steigen. Es müsse davon ausgegangen werden, dass der Iran seine bekannten Netzwerke nutzen werde, um mit Terroranschlägen gegen jüdische beziehungsweise israelische Einrichtungen aktiv zu werden, sagte Thüringens Verfassungsschutzpräsident Stephan Kramer dem Handelsblatt.

Gefahren gehen laut Kramer von sogenannten Proxys aus, von Teheran eingesetzten Terrorgruppen. „Denkbar ist auch, dass der Iran inländische Islamisten benutzt, um Anschläge zu verüben“, sagte er. „Es soll mit dem Terror ein Klima der Angst in den westlichen Heimatländern befördert und schließlich damit auch die Solidarität mit Israel geschwächt werden.“

Welche Folgen haben die Entwicklungen auf die Energiepreise?

Israel hat am Wochenende eine iranische Gasverarbeitungsanlage am weltgrößten Gasfeld South Pars angegriffen; auch eine Offshore-Plattform wurde abgeschaltet. Die Gasproduktion dort dient vor allem dem iranischen Eigenbedarf. Experten befürchten weitere Angriffe auf Irans Energieinfrastruktur.

Der Iran fördert rund 3,3 Millionen Barrel pro Tag, davon exportiert er 1,7 Millionen Barrel. Iranische Ölexporte sind zwar von den USA sanktioniert, doch China umgeht diese Sanktionen und ist daher der Hauptabnehmer für Öl aus dem Iran.

Aktuell kostet ein Barrel der Rohölsorte-Brent rund 74 US-Dollar und somit knapp zehn US-Dollar mehr als vor den Angriffen. In der Vergangenheit ist der Ölpreis, nachdem er wegen Entwicklungen im Nahen Osten gestiegen ist, stets wieder auf sein vorheriges Niveau abgesackt. Sollten aber Ölinfrastruktur zerstört oder Sanktionen verschärft werden, könnte er auch längerfristig auf dem aktuellen Level bleiben.

Experten, etwa von der Deutschen Bank und JP Morgan, warnen vor einem Extremszenario, in dem der Ölpreis deutlich über 100 US-Dollar pro Barrel steigen könnte: einer Blockade der Straße von Hormus durch den Iran. Durch die Meerenge werden und 20  Prozent des weltweiten Öls und 15 Prozent des Flüssiggases transportiert.

Wie reagiert die internationale Gemeinschaft?

Die ursprünglich für Sonntag angesetzten Atomgespräche zwischen den USA und dem Iran sagte der Iran als Reaktion auf die israelischen Angriffe ab. US-Präsident Donald Trump erklärte auf seinem Kurznachrichtendienst Truth Social, es werde bald einen Frieden zwischen Israel und dem Iran geben. Derzeit würden viele Gespräche geführt, teilte er mit, ohne Einzelheiten zu nennen.

Falls der Iran die USA in irgendeiner Weise angreife, werde das Land mit der Macht des US-Militärs „in einem noch nie dagewesenen Ausmaß“ konfrontiert werden, erklärte der US-Präsident auf Truth Social. Die USA hätten nichts mit dem nächtlichen Angriff Israels auf den Iran zu tun, teilte Trump weiter mit.

Der deutsche Außenminister Johann Wadephul (CDU) erklärte, es gebe durchaus eine Chance, dass wieder verhandelt werde. Er forderte Teheran auf, sich zum Atomwaffensperrvertrag zu bekennen sowie Abstand von einer nuklearen Bewaffnung und einem Programm zur Entwicklung ballistischer Raketen zu nehmen, die Israel und auch Europa bedrohen könnten.

Was könnte als Nächstes passieren?

Die Lage könnte weiter eskalieren – mit neuen, größeren Raketenangriffen. Darauf deuten Angaben eines israelischen Militärvertreters hin. Demnach hat Israel noch eine umfangreiche Liste von Angriffszielen im Iran.

Ein Eingreifen der Hisbollah oder der Huthi-Miliz im Jemen, die mit dem Iran verbündet sind, ist zwar möglich. Die militärischen Vorteile für Teheran dürften aber nach Einschätzung von Experten sehr begrenzt sein.

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„Weder Hisbollah noch Hamas, geschweige denn die kleineren Gruppen können als Streitkräfte noch viel ausrichten“, sagte der frühere Chef des Leitungsstabs des Bundesnachrichtendienstes (BND), Gerhard Conrad, der Zeitung „Jüdische Allgemeine“. „Es wird also entscheidend auf die verbliebene militärische Schlagkraft des Irans selbst ankommen und auf seinen Willen, diese einzusetzen“, sagte Conrad.

Für einen Waffenstillstand, vermittelt etwa über die Vereinten Nationen oder regionale Akteure, fehlen aktuell die Signale. Die EU-Chefdiplomatin Kaja Kallas betonte indes auf der Plattform X: „Nur Diplomatie kann zu einer dauerhaften Lösung führen.“ Die EU sei bereit, zu unterstützen.

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