Asia Techonomics: Die Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit bei KI in China
Peking. China überholt uns mit seinen kostengünstigen Anwendungen Künstlicher Intelligenz (KI). Diese Wahrnehmung manifestiert sich seit dem Überraschungserfolg des chinesischen KI-Start-ups Deepseek offenbar bei manch westlichem Beobachter. Zumal chinesische Firmen sich gern mit Erfolgsmeldungen übertrumpfen, wie sie Deepseek und andere KI-Anwendungen einsetzen und integrieren.
Doch wie so oft in der Volksrepublik klafft eine eklatante Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit.
Die Vorzeigefabriken für intelligente Fertigung sind wohlgemerkt überaus beeindruckend. 421 solcher Pilotanlagen wurden vom Ministerium für Industrie und Informationstechnik bis dato genehmigt.
Ausgestattet mit fortschrittlicher KI und durch den Einsatz digitaler Zwillinge – virtuelle Nachbildungen von Systemen oder Prozessen – können die Produktionszeiten dort um bis zu 30 Prozent reduziert werden. Westliche Manager, insbesondere aus der Autoindustrie, sprechen anerkennend von „China Speed“.
Hände statt Roboter
Doch in den meisten der mehr als vier Millionen Fabriken in der Volksrepublik sieht die Wirklichkeit anders aus. Dort werden noch immer viele Hände benötigt, nicht selten von gering qualifizierten Wanderarbeitern, um Produkte massenhaft herzustellen.
Lediglich sechs Prozent der Fabriken in Chinas Fertigungsindustrie seien voll digitalisiert, zeigt eine aktuelle Analyse der Beratungsgesellschaft CP Global Insight im Auftrag der Pekinger Vertretung des Bundesverbands der deutschen Industrie (BDI). Etwa 60 Prozent der Werke sind es dagegen kaum oder gar nicht.
China gebe viel Geld für diese Pilotprojekte aus, sagt Erlend Ek, Partner der Beratungsgesellschaft CP Global Insight. Aber es gebe viele technische Hürden, dies in den vielen Millionen anderen Fabriken auszurollen. Das sei teuer. Hinzu komme: Die Erkenntnisse aus einem Werk seien nicht so einfach auf andere Fabriken übertragbar.
Keine Produktivitätsgewinne
Ek sieht derzeit „keine Produktivitätsgewinne in der chinesischen Industrie“. Er glaubt auch nicht, dass in der nahen Zukunft Menschen durch KI ersetzt werden. Chinas Wirtschaftsleistung hängt also weiterhin in weiten Teilen von der Fingerfertigkeit und Muskelkraft ihrer großen Arbeiterschaft ab. Noch immer ist das Land die Werkbank der Welt.
Dabei rächt sich, dass es der Staatsführung aller Anstrengungen zum Trotz bislang nicht gelungen ist, ein duales Ausbildungssystem nach deutschem Vorbild breit einzuführen. Wer es sich finanziell leisten kann, schickt seine Kinder auf die Uni.
Die Folge: China bildet am Markt vorbei aus. Auf Bürojobs erhalte er zahllose Bewerbungen, berichtet ein europäischer Unternehmenschef in China. Doch er suche händeringend qualifizierte Schweißer.
Extreme Gegensätze
Und wer einmal in China Handwerker im Haus hatte, kann ein (Klage-)Lied über mangelnde Fachkenntnisse singen. Natürlich hinkt ein Vergleich zwischen intelligenten Pilotfabriken und einfachen Handwerkern. Dennoch sind die Extreme, die zu Chinas Realitäten in der Arbeitswelt gehören, bemerkenswert.
Aktuelles Beispiel: Die tropfende Klimaanlage in der Wohnung „reparierte“ der gerufene Fachmann zunächst mit einem Stück Küchenrolle, das er ins Innere des Gerätes stopfte. Ein Sinnbild für die in China verbreitete „Cha bu duo“-Mentalität. In Bayern würde man das mit „passt scho“ übersetzen. Erst nach ausdrücklicher Aufforderung schraubte der Handwerker das Klimagerät auf und überprüfte die Abflüsse.
Die Szene erinnerte mich an den Rat einer Bekannten kurz nach meiner Ankunft in China: „Wenn ein Handwerker mit einer Silikonspritze ankommt, mach sofort die Tür wieder zu.“ Tatsächlich bestehen Reparaturen hierzulande oft darin, das Problem provisorisch mit Silikon zuzuspritzen oder einfach mit Farbe zu überpinseln. Dass es dann kurze Zeit später wieder aufbricht, meist noch schlimmer, ist halt so. „Mei banfa“, wie der Chinese dazu gern achselzuckend sagt.
Das Fazit? Das KI-Rennen, es hat gerade erst begonnen. Die beeindruckenden Erfolge in Chinas Pilotprojekten sollten die deutsche Industrie wachrütteln, aber nicht vor Ehrfurcht erstarren lassen. Ohnehin werden Deutschland und China mit ihrer starken industriellen Basis „wahrscheinlich die Grenzen der KI kennenlernen“, wenn der Hype an den Finanzmärkten sich lege, glaubt Erlend Ek.