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RüstungFerngesteuerte Kakerlaken als Bio-Roboter

Swarm Biotactics aus Kassel sammelt zehn Millionen Euro bei internationalen Investoren ein. Rucksäcke mit Sensoren sollen Kakerlaken-Schwärme für Aufklärungsgänge steuern.Nadine Schimroszik 24.06.2025 - 00:01 Uhr Artikel anhören
Kakerlake auf Mission: Der Sensor auf dem Rücken soll das Insekt steuern. Foto: Swarm Biotactics

Berlin. Die Kasseler Firma Swarm Biotactics will aus Kakerlaken ferngesteuerte Miniroboter machen. „Wir kreieren eine ganz neue Art von Robotern“, kündigt Firmenchef Stefan Wilhelm im Gespräch mit dem Handelsblatt an.

Im Kern geht es darum, die lebenden Insekten mithilfe von KI-Sensoren in Schwärmen zu steuern und sie für Aufklärungsgänge für Verteidigungs- oder auch Rettungsmissionen einzusetzen – in bisher schwer zugänglichen Gebieten. Denkbar ist ein Einsatz in entlegenen Gegenden und verschütteten Häusern.

An diese Idee glauben inzwischen immer mehr Investoren: Das im vergangenen Jahr gegründete Start-up erhält nun zehn Millionen Euro, um seine Forschung auszubauen und erste Pilotprojekte zu konkretisieren.

Das Kapital kommt von einem Konsortium internationaler Geldgeber. Mit dabei sind Vertex Ventures aus den USA und Possible Ventures aus München sowie der Kölner Investor Capnamic, der unter anderem an Jungfirmen wie Staffbase aus Chemnitz und Ocell aus München beteiligt ist. Capnamic ist bereits seit dem vergangenen Jahr bei Swarm investiert.

Capnamic-Mitgründer Olaf Jacobi begründet sein Engagement: „Das Timing ist sehr gut.“ Bedingt durch die sicherheitspolitische Lage gebe es ein großes Interesse an Innovationen in der Rüstungsbranche.

Lamprecht: Swarm kann größer werden als Dedrone

Jacobi war nach eigener Aussage auch deshalb früh mit dabei, weil er Chairman Jörg Lamprecht sehr gut kennt. Beide hatten zusammen das Technologie-Start-up Cobian gegründet und 2004 in die USA verkauft.

Später finanzierte Jacobi als einer der ersten Investoren die Drohnenabwehrfirma Dedrone von Lamprecht, die dieser im vergangenen Jahr für 500 Millionen Euro an Axon aus den USA verkaufte. Beide Deals machen Lamprecht zu einem der erfolgreichsten Gründer Deutschlands.

Lamprecht glaubt nun daran, dass Swarm Biotactics sogar größer als Dedrone werden kann. „Wir reden über eine komplett neue Robotik-Kategorie“, sagt er. Swarm läute ein neues Zeitalter ein, in dem Biologie und Informatik miteinander verschmölzen. Diese sogenannten „Biobots“ könnten überall dort agieren, wo normale Roboter versagten.

Soldat mit einem Koffer: Die neuen Bio-Roboter sollen von dort aus ausschwärmen. Foto: Swarm Biotactics

Als „Biobots“ bezeichnet man Roboter unterschiedlicher Größenordnungen, die zu einem gewissen Teil biologischer Natur sind. Bisher haben sich vor allem Wissenschaftler mit der Erforschung dieses Bereichs beschäftigt.

Swarm Biotactics ist nach Informationen von Firmenchef Wilhelm die erste Firma weltweit, die daraus ein Geschäft machen will. Entsprechend zurückhaltend ist der frühere Telekom-Manager mit konkreteren Informationen, vor allem zur Nutzung.

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„Da wir an sicherheitskritischer Technologie arbeiten, bitten wir um Verständnis, dass wir zu einzelnen operativen Details aktuell keine Auskunft geben“, heißt es. So lässt Wilhelm bisher denn auch völlig offen, was genau in dem Labor in Kassel passiert und wozu die Kakerlaken bereits in der Lage sind.

Investor Jacobi vergleicht die Herausforderungen, mit denen sich Swarm konfrontiert sieht, mit denen von anderen Start-ups, die sich mit innovativen Zukunftstechnologien auseinandersetzen. „Es muss ihnen gelingen, eine sehr komplexe Technologie in ein solides Produkt zu konvertieren“, sagt Jacobi.

Verschiedene Einsätze für die Verteidigung

Wilhelm plant nun, mithilfe des neuen Kapitals Pilotprojekte voranzutreiben. Die ferngesteuerten Kakerlaken seien dort im Vorteil, wo konventionelle Systeme versagten, sagt er.

Der Cyber Innovation Hub der Bundeswehr ist schon hellhörig geworden. Dessen Leiter Sven Weizenegger sagt: „In Zusammenarbeit mit der Bundeswehr evaluieren wir gegenwärtig potenzielle Einsatzszenarien und bereiten erste Feldtests vor.“ Es würden innovative Technologien benötigt, die eine sichere, ressourcenschonende und diskrete Aufklärung ermöglichten.

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Bei den Tests könnten die Insekten in Koffern an alle möglichen Orte gebracht werden – auch per Drohne, bevor sie ausschwärmen. Dafür werden die Kakerlaken mit Minirucksäcken ausgestattet, in denen sich die gesamte Sensorik wie auch Kameras befinden.

Über neuronale Schnittstellen werden die Insekten in Schwärmen oder einzeln gesteuert und können zum Beispiel Gebäude scannen und Personen lokalisieren. Wenn es gerade nichts zu tun gibt, soll die Verbindung gekappt werden können, sodass die Kakerlaken wieder selbstständig unterwegs sein und etwa fressen können.

Swarm Biotactics: Kakerlaken aus der Ferne gesteuert? Foto: Swarm Biotactics
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Die neue Finanzierungsrunde für Swarm Biotactics bestätigt einen Trend, der schon länger anhält: Es fließt deutlich mehr Geld in Verteidigungs-Start-ups aus Deutschland. Laut dem Datendienst Pitchbook sind die Investitionen im vergangenen Jahr um 76 Prozent in die Höhe geschossen.

In diesem Jahr hat sich die Tendenz noch mal deutlich beschleunigt. So sammelte die KI-Robotik-Firma Arx Robotics bereits 31 Millionen Euro ein, der Drohnenhersteller Quantum Systems sogar 160 Millionen Euro. Übertroffen wurde dies von der KI-Rüstungsfirma Helsing, die in der vergangenen Woche 600 Millionen Euro von Investoren erhielt und damit zum wertvollsten Start-up Deutschlands aufstieg.

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