Nahost: Diese Männer sollen neue Eskalation im Nahen Osten verhindern
Washington, Istanbul. Wie beschädigt ist das iranische Atomprogramm wirklich? Darüber streiten sich auch mehr als eine Woche nach dem US-Angriff auf den Iran noch immer Experten. Das Pentagon sagt jetzt, es habe das Programm um „ein bis zwei Jahre“ zurückgeworfen, eine vorläufige Bestandsaufnahme der amerikanischen Geheimdienste hatte diesen Zeitraum lediglich auf einige Monate geschätzt. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam die Internationale Atomenergieagentur (IAEA).
Eines ist jedoch klar: Ohne Gespräche wird der Konflikt wieder ausbrechen. Im Iran sind immer noch zahlreiche Experten, die das nötige Know-how zum Bau der Bombe hätten. Zudem wird vermutet, dass Hunderte Kilogramm angereichertes Uran an einen sicheren Ort verbracht wurden.
US-Präsident Donald Trump hatte zuletzt erklärt, eine US-Delegation werde bereits in dieser Woche mit dem Iran über einen möglichen Deal sprechen. Solche Gespräche wurden bislang nicht offiziell bestätigt, der Iran hat jedoch seine Offenheit signalisiert. Gleichzeitig betonte Trump, dass er Verhandlungen nicht für „notwendig“ halte, da die US-Bombardements das iranische Atomprogramm angeblich „ausgelöscht“ hätten.
Doch Trump scheint sich auf alle Eventualitäten einzustellen: „Kann der Konflikt wieder aufflammen? Ich denke, irgendwann schon. Vielleicht sogar schon bald“, sagte der US-Präsident. Im Hintergrund arbeitet die US-Regierung deshalb intensiv daran, eine „Atomdiplomatie“ mit dem Iran wiederzubeleben.
Sollte das iranische Programm nicht vollständig gestoppt worden sein, könnte dies Israel oder die USA zu weiteren Angriffen veranlassen. Ein diplomatischer Prozess könnte dieses Risiko zumindest verringern. In dieser heiklen Phase ist entscheidend, wer mit wem spricht – und welche Interessen dabei im Vordergrund stehen.
Das Handelsblatt gibt einen Überblick über die wichtigsten Akteure im Dreieck USA, Iran, Israel:
1. Donald Trump: Der Krieg-und-Frieden-Präsident
Der US-Präsident ist stark involviert und war zeitweise sogar bereit, persönlich an Friedensverhandlungen zwischen Israel und dem Iran teilzunehmen. Seine permanenten öffentlichen Äußerungen auf seinem sozialen Netzwerk Truth Social beeinflussen zudem die Außenwirkung von Militärschlägen. Sie vermitteln den Eindruck, Trumps Gedanken und Pläne in Echtzeit verfolgen zu können.
Trump gilt eigentlich als Iran-Hardliner. Dennoch bemüht er sich nun, nach den US-Bombardements auf iranische Nuklearanlagen und einem Waffenstillstand zwischen Israel und dem Iran um eine diplomatische Annäherung.
Die nuklearen Anstrengungen Teherans, die durchaus wieder an Dynamik gewinnen könnten, kann Trump nicht ignorieren. „Der Iran darf keine Atomwaffe haben“, lautet sein Credo. Ein größerer, dauerhafter Krieg mit Beteiligung der USA liegt jedoch nicht in seinem Interesse. Zum Amtsantritt versprach Trump, seinen Erfolg daran zu messen, dass die USA nicht in Kriege hineingezogen werden.
Trump dürfte sich bewusst sein, dass ihn viele in der republikanischen Basis als „Friedenspräsidenten“ schätzen, der die USA aus kostspieligen Konflikten heraushalten möchte. Viele Republikaner haben ihn gewählt, weil er langfristigen Militäreinsätzen kritisch gegenübersteht.
2. Steve Witkoff und Marco Rubio: Die Chef-Diplomaten
Bevor Israel den Iran am 13. Juni bombardierte, fanden im Sultanat Oman hochrangige Gespräche zwischen den USA und dem Iran statt. Ziel war ein neues Atomabkommen, nachdem Trump vor sieben Jahren das unter Barack Obama ausgehandelte Abkommen aufgekündigt hatte.
In diesen Gesprächen übernahm Trumps Sondergesandter Steve Witkoff die Führung. Nach dem jüngsten Waffenstillstand zwischen Israel und dem Iran äußerte Witkoff die Hoffnung, dass „die Zeichen für eine Wiederaufnahme der Verhandlungen“ gut stehen. „Ich habe den starken Eindruck, dass der Iran bereit dafür ist.“
Der 68-jährige Immobilieninvestor ist ein enger Freund von Trump, auch seine Söhne sind mit Trumps Söhnen geschäftlich und persönlich verbunden. Witkoff ist nicht nur Sondergesandter für den Nahen Osten, sondern leitet auch die Waffenstillstandsgespräche im Ukrainekrieg. Er strebt an, dass der Iran seine nuklearen Aktivitäten vollständig einstellt im Gegenzug für die Aufhebung von US-Sanktionen. Der Iran hat bislang gefordert, dass die Anreicherung von Uran zumindest für zivile Zwecke möglich sein muss, was die USA ablehnen.
Auch Marco Rubio ist eng in den Prozess eingebunden. Er fungiert derzeit sowohl als US-Außenminister als auch als Nationaler Sicherheitsberater. Rubio gilt als Iran-Hardliner und ist bekannt für seine scharfen Äußerungen in Richtung Teheran. Das Duo Witkoff/Rubio agiert nach dem Prinzip „good cop, bad cop“.
Im Vergleich zu Witkoff vertritt Rubio eine härtere Linie, wie zuletzt bei der gemeinsamen Pressekonferenz mit Trump auf dem Nato-Gipfel. Wenn der Iran erneute Militärschläge vermeiden wolle, führe kein Weg an direkten Gesprächen mit den USA vorbei, erklärte er.
3. Pete Hegseth und Dan Caine: Die Drohkulissen-Männer
Auch diese beiden Männer agieren unterschiedlich und erfüllen verschiedene Rollen. Verteidigungsminister Pete Hegseth gilt als Trumps Rampensau. Zu Terminen im Weißen Haus erscheint er mit verspiegelter Sonnenbrille, bei Kabinettstreffen lässt er markige Sätze fallen.
Seine erste Pressekonferenz nach dem israelisch-iranischen Waffenstillstand begann Hegseth mit einer Tirade gegen US-Medien, die aus seiner Sicht eine „Schmierenkampagne“ führten, um den Erfolg der US-Operation zu schmälern. Viele Fragen, etwa ob der Iran noch immer über angereichertes Uran verfüge, ließ er unbeantwortet.
General Dan Caine, der Vorsitzende der Vereinigten Stabschefs, setzte die „Operation Midnight Hammer“ um, wie die US-Bombardements auf iranische Nuklearanlagen genannt wurden, und schickte die B-2-Stealth-Bomber in den Iran. Der frühere Kampfjetpilot, dessen passionierter Flugstil ihm den Spitznamen „Razin“ („wilder Typ“) einbrachte, ist nicht für Wutausbrüche wie die von Hegseth bekannt.
Er spricht jedoch mit Begeisterung und Stolz darüber, wie seine 30.000 Pfund schweren bunkerbrechenden Bomben unterirdische Komplexe mit Zentrifugen zerstören können. Allein seine Präsenz und Erfahrung signalisieren dem Iran, dass er bereit ist, weitere Bomber loszuschicken, sollte der Befehl von oben kommen.
4. Ajatollah Ali Chamenei: Irans höchste Autorität
Die höchste Autorität im Iran ist Revolutionsführer Ajatollah Ali Chamenei. Er regiert jedoch nicht wie ein Diktator, auch wenn er im Westen bisweilen als solcher wahrgenommen wird.
Im Iran gibt es verschiedene Machtzentren: Einige sind gewählt, andere von Chamenei eingesetzt, hinzu kommen Institutionen wie die mächtigen Revolutionswächter, die eigene Interessen verfolgen, oft auch wirtschaftliche. Die Fäden laufen bei Chamenei als faktischem Staatsoberhaupt zusammen. Doch häufig gehen seinen Entscheidungen intensive Beratungen voraus, bei denen sich alle Seiten Gehör verschaffen können.
Der Präsident, Masud Pezeshkian, bestimmt den wirtschaftlichen Kurs des Iran. Die desolate wirtschaftliche Lage des Landes treibt Zehntausende Iranerinnen und Iraner immer wieder auf die Straße.
Um eine Lockerung der harten Sanktionen zu erreichen, setzte sich das moderate Lager um Pezeshkian für indirekte Verhandlungen mit den USA über ein neues Abkommen ein. Die Entscheidung liegt in solchen strategischen Fragen jedoch nicht beim Präsidenten.
Nach dem israelisch-amerikanischen Angriff haben die Hardliner und die Moderaten ihre Reihen geschlossen. Gemeinsam haben sie ein Gesetz verabschiedet, das die Ausweisung der IAEA-Inspekteure aus dem Iran vorsieht.
Das Gesetz fordert Garantien, dass der Iran nicht erneut angegriffen wird und das Leben seiner Atomphysiker sicher ist. Zudem besteht Teheran auf der Urananreicherung. Dabei beruft sich das Regime auf den Atomwaffensperrvertrag. Erst wenn das Regime diese Sicherheiten erhält, will es wieder mit der IAEA kooperieren.
5. Abbas Araghtschi und Majid Takht-Ravanchi: Die iranischen Unterhändler
Auch Außenminister Abbas Araghtschi steht hinter dem Gesetz. Er hatte die Federführung in den vom Oman vermittelten Gesprächen.
Der 62-Jährige, der fließend Englisch spricht und an der University of Kent promoviert hat, ist ein erfahrener Diplomat. Er trat ein Jahr nach dem Ende des Irak-Iran-Kriegs, der ihn stark prägte, 1989 in den diplomatischen Dienst ein und hat seitdem viele Ämter bekleidet.
Das gilt auch für seinen Stellvertreter Majid Takht-Ravanchi, der ebenfalls eine zentrale Rolle spielen wird, falls es zu Verhandlungen kommt. Der 66-Jährige, der in den USA und in Bern studiert hat, ist innerhalb der Islamischen Republik der erfahrenste Verhandler.
Wie Araghtschi war Takht-Ravanchi an den direkten Verhandlungen mit den USA und weiteren Staaten zwischen 2013 und 2015 beteiligt.
6. Benjamin Netanjahu: Der Unberechenbare
Benjamin Netanjahu ist der am längsten amtierende Ministerpräsident Israels. Neben der Verhinderung eines palästinensischen Staates hat er den Kampf gegen den Iran zu seiner Lebensaufgabe gemacht.
Mit dramatischen Worten gab Netanjahu am 13. Juni den Befehl zum Angriff auf den Iran. Mit dem „Präventivschlag“ solle ein weiterer Holocaust verhindert werden, sagte der Regierungschef. Erst nach einem Machtwort von Trump hat er sich dem Waffenstillstand gebeugt.
Dass Netanjahu einen neuen, kostspieligen Krieg anzettelt, scheint derzeit eher unwahrscheinlich. Er könnte jedoch eine Verhandlungslösung hintertreiben – einerseits mit Anschlägen im Iran oder dank seiner guten Beziehungen zu den Iran-Hardlinern unter den US-Republikanern.
Das Atomabkommen von 2015 nannte Netanjahu einen „historischen Fehler“, weil es nicht verhindere, dass der Iran eines Tages Atomwaffen baue. Trump drängte er zum Ausstieg aus dem Abkommen. Von da an verfolgte der US-Präsident den Kurs des „maximalen Drucks“ und verhängte eine Sanktion nach der anderen.