Luftfahrt: Eskalation im Zollstreit – werden Flugzeuge deutlich teurer?
Frankfurt. Die neue Eskalation im Handelskonflikt alarmiert die Luftfahrtindustrie: Ende vergangener Woche erklärte US-Präsident Donald Trump, ab 1. August Zölle von 30 Prozent auf nahezu alle EU-Produkte erheben zu wollen. Mittlerweile hat die EU-Kommission reagiert und eine Liste mit möglichen Gegenzöllen erstellt. Auf der findet sich auch Boeing.
Zuvor hatte es noch so ausgesehen, als würde der Handelsstreit zwischen den USA und der EU weitgehend an der Branche auf beiden Seiten des Atlantiks vorbeigehen. Sowohl Vertreter der EU-Kommission als auch der US-Regierung hatten erklärt, die Branche wie bisher zollfrei zu halten. Aktuell ist von dieser Einigkeit nur noch wenig zu spüren.
Bei gegenseitigen Zöllen auf Flugzeuge und Teile werde es nur Verlierer geben, warnt Ourania Georgoutsakou, Managing Director beim europäischen Airlineverband A4E. „Das ist ein Risiko für die Arbeitsplätze, die Konnektivität und die Nachhaltigkeit.“ Noch bis zum 1. August kann verhandelt werden. Doch die Zeit drängt und es steht viel auf dem Spiel. Das sind die Fakten:
In der Luftfahrtindustrie sind die USA weitaus stärker von Exporten abhängig als Europa. US-Luftfahrtunternehmen exportierten 2023 Waren im Wert von 37 Milliarden Dollar nach Europa. Die europäischen Wettbewerber haben dagegen nur Produkte im Volumen von 18 Milliarden Dollar in die USA gebracht.
Eine Erklärung für das Ungleichgewicht: Boeing baut seine Jets nur in den USA. Von dort werden alle Fluggesellschaften beliefert. Dagegen hat der europäische Wettbewerber Airbus in allen großen Märkten Fertigungskapazitäten: in Europa, in China und in den USA. Airbus kann mögliche Zölle also besser verkraften.
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Dennoch würde ein Zollwettlauf auch Airbus empfindlich treffen. Die Lieferketten sind weltweit verteilt. Komponenten wie die Triebwerke passieren zum Beispiel bis zu ihrer Montage am Flügel zigmal Landesgrenzen. Wenn jedes Mal Zölle fällig werden, verteuert das die Motoren deutlich.
Wie hoch die konkreten Zollsätze, die die EU demnächst auf Flugzeuge von Boeing erheben könnte, sein werden, ist nicht bekannt. Die EU-Kommission will sich offensichtlich alle Optionen offenhalten. Klar ist aber: Die Preise eines neuen Jets würden deutlich steigen.
Wie stark, rechneten Experten im April aus, als der Handelsstreit mit ersten Ankündigungen des US-Präsidenten begann. Damals erließ Trump Zölle auf Metall und Aluminium in Höhe von 25 Prozent. Aengus Kelly, Chef des Leasingkonzerns Aercap, taxierte die Mehrkosten für eine einzelne Boeing 787 wenige Tage später auf etwa 40 Millionen Euro – bei einem Listenpreis von etwa 250 Millionen Euro.
Steffen Wenzel von der Unternehmensberatung H&Z machte im April gegenüber dem Handelsblatt folgende Rechnung auf: „Die Zölle von 25 Prozent gegen Kanada und Mexiko bedeuten allein für die Lieferkette von Boeing Mehrkosten von rund fünf Milliarden Euro.“
Dabei sind es nicht nur die Kosten, die die Airlines beunruhigen. In einer am Dienstag publizierten Erklärung warnt der europäische Verband A4E auch, dass der kritische Fluss von Ersatzteilen gestört werde. Auch Reparaturen, die das Fliegen sicher machten, seien betroffen. Schon jetzt klemmt die Lieferkette in der Luftfahrt, neue Jets können häufig nur verspätet übergeben werden. „Es gibt keine Gewinner, auf keiner Seite des Atlantiks“, heißt es in der Erklärung von A4E.
Flugzeugbau ist seit 1979 zollfrei
Die Branche hofft, dass alles am Ende so bleibt wie bisher. Durch ein multilaterales Abkommen ist die Branche weltweit seit 1979 von Zöllen befreit. Zwar musste die Luftfahrtindustrie seitdem immer wieder mal mit Zöllen leben. So eskalierte 2019 ein Streit vor der Welthandelsorganisation WTO um Subventionen für Airbus. Daraufhin verhängten die USA Strafzölle, im November 2020 reagierte die EU ihrerseits mit Strafzöllen.
Doch schon im März 2021 wurden diese gegenseitigen Zölle ausgesetzt – zunächst für vier Monate. Kurze Zeit später einigten sich beide Seiten darauf, diese Zölle längerfristig zu streichen.
Auch im aktuellen Handelskonflikt zwischen den USA und dem Rest der Welt zeigt sich immer wieder, wie heikel es ist, den Flugzeugbau einzubeziehen. So verhängte China Ende April ein Importverbot für Boeing-Flugzeuge und -Ersatzteile. Mitte Mai wurde dieses Verbot dann wieder aufgehoben. Ganz ohne Boeing kann auch der Luftverkehr in China nicht auskommen.
Weltweit gibt es nur zwei Hersteller von Passagierflugzeugen mit Platz für mehr als 100 Fluggäste: Airbus und Boeing. Airlinemanager – unabhängig davon, für welche nationale Fluggesellschaft sie arbeiten – wollen wählen können, wer ihnen die Jets liefert. Ein Monopol würde die Flugzeugpreise in die Höhe schnellen lassen. Und die Fluggesellschaften müssten vermutlich noch länger auf neues Gerät für ihre Flotte warten.