Ausbildung: Wie Teambuilding Ausbildungsabbrüche verhindert
Köln. Wer passende Auszubildende findet, hat lediglich ein Etappenziel erreicht. Denn nach dem Unterzeichnen des Vertrags besteht die Gefahr, dass sie die Lehrstelle wieder verlassen. Knapp 30 Prozent aller Ausbildungen in Deutschland werden mittlerweile vorzeitig ohne Abschluss beendet, wie eine Erhebung des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) zeigt. In zehn Prozent der Fälle erfolgt die Trennung noch während der Probezeit.
Vor allem die Frage nach den Gründen beschäftigt das BIBB – und die Antwort hängt vor allem davon ab, wen man fragt. Ausbilder bemängeln hohe Fehlzeiten, fehlendes Durchhaltevermögen und Überforderung.
Die Azubis selbst wiederum nennen laut BIBB überwiegend betriebliche Gründe – zum Beispiel, dass sie nicht ausreichend ausgebildet, sondern als günstige Arbeitskraft beschäftigt werden und unbezahlte Überstunden machen müssen. Auch Kommunikationsprobleme und Konflikte mit Ausbildern und Vorgesetzten werden genannt.
Ist es am Ende vor allem eine Geldfrage? Um Auszubildende zu motivieren, locken schließlich viele Unternehmen mit finanziellen Anreizen – etwa Boni bei guten Prüfungsleistungen. Karl-Friedrich Ossberger glaubt nicht daran. Der CEO des mittelständischen Maschinenbauers Ossberger im bayerischen Weißenburg versucht es mit einem nachhaltigen Ansatz.
„Wir fördern das soziale Miteinander, weil wir der Meinung sind, dass ein gutes Betriebsklima die beste Motivation ist“, sagt Ossberger. Vor allem sei wichtig, dass sich die Auszubildenden als Mitglieder der Betriebsfamilie sehen und auch als solche behandelt werden. „Wer gerne in seinem Job arbeitet, sich angenommen und respektiert fühlt, hat eine stärkere Verbundenheit mit seinem Ausbildungsbetrieb.“
Auch die Vergütung zählt
Mit seinem Konzept gehört Ossberger zu den besten Ausbildungsbetrieben des Landes. Zu dem Ergebnis kommt das Sozialwissenschaftliche Institut Schad (SWI), das in einer Erhebung für das Handelsblatt mehr als 2000 Unternehmen untersucht hat. Die Betriebe wurden unter anderem danach bewertet, wie viele ihrer Auszubildenden einen ausgezeichneten Abschluss machen, wie die Ausbildung vergütet wird und wie sie als Betriebe die Azubis integrieren und fördern.
Im SWI-Ranking erreicht Ossberger 93,1 Punkte und liegt damit weit vorn bei den Unternehmen mit 100 bis 500 Beschäftigten. Das Familienunternehmen in fünfter Generation ist spezialisiert auf die Bereiche Wasserkraft, Kunststofftechnik und Oberflächentechnik. Ausgebildet wird hier bislang zum Industriekaufmann und Industriemechaniker – im Herbst kommen die Berufe Mechatroniker und Immobilienkaufmann dazu. „Wir verfügen über viel Expertise und möchten diese an die Jugend weitergeben“, sagt CEO Ossberger.
Neben der praktischen Lehre greift der Maschinenbauer seinen Auszubildenden auch bei der Berufsschule unter die Arme – etwa mit zusätzlichem Unterricht im Betrieb und Unterstützung beim Lernen für Prüfungen. Aber auch bei Sorgen und Zweifeln möchte man für den Nachwuchs da sein. „Dank unserer flachen Hierarchien haben die Azubis ein enges Verhältnis zu ihren Ausbildern, die immer ein offenes Ohr für die jungen Kollegen haben“, sagt Ossberger. Dass junge Leute ihre Ausbildung abbrechen, sei bei ihnen die absolute Ausnahme.
Auf 120 Mitarbeiter kommen bei Ossberger zehn Auszubildende. Im September machen zwei ihren Abschluss und sieben neue Azubis starten. Zum gegenseitigen Kennenlernen dient ein spezielles Azubi-Event, das den neuen Lehrlingen das Ankommen und Integrieren im Team erleichtern soll. Solche Auftaktveranstaltungen sind ein wichtiger Bestandteil des sogenannten Onboardings, also des geplanten und begleiteten Einstiegs. Ein gutes Onboarding kann den Experten des BIBB zufolge dabei helfen, Ausbildungsabbrüche zu vermeiden.
Aber auch nach der Willkommensphase sollten Unternehmen ihre Lehrlinge weiter eng begleiten – zum Beispiel durch Mentoren oder persönliche Paten. Das gibt es zum Beispiel bei der Hilfswerk-Siedlung GmbH (HWS) in Berlin. „Jeder Auszubildende hat eine Ansprechperson für fachliche und persönliche Anliegen“, sagt Fabian Mayer, Ausbildungsbeauftragter bei der HWS.
vorzeitig beendet.
Quelle: BIBB
Das gemeinwohlorientierte Immobilienunternehmen der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) verwaltet nach eigenen Angaben rund 10.000 Wohnungen, Einfamilienhäuser und kirchliche Liegenschaften in Berlin, Brandenburg, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern und bildet zum Immobilienkaufmann aus. Seit zehn Jahren gibt es zusätzlich regelmäßig einen Praxisplatz für duale Studenten im Fach BWL/Immobilienwirtschaft. Mit 93,1 Punkten im Ranking zeichnet das SWI die HWS als einen der besten Ausbilder Deutschlands bei den kleinen Unternehmen aus.
Ein Pate hat alles im Blick
Aktuell hat die HWS zwei duale Studenten und zwei Auszubildende – ein dritter startet im Herbst. Damit die Lehrlinge sich jederzeit an ihre Ausbildungspaten wenden können, plant die HWS die Arbeitsplätze im Büro so ein, dass sie sich in unmittelbarer Nähe befinden. Der Azubipate ist aber nicht nur Ansprechpartner bei Fragen, sondern „der Pate behält auch die Ausbildungsziele im Blick“, sagt Fabian Mayer.
Einmal pro Quartal gebe es außerdem ein abteilungsunabhängiges Gespräch mit ihm als Ausbildungsbeauftragtem zur Gesamtentwicklung der Azubis. Mit ihren Fragen, Sorgen oder Zukunftsüberlegungen können sich die Auszubildenden außerdem an eine firmeninterne Mentorin wenden.
Seit 2009 gehört ein eigenes Forstgebiet zum Unternehmensportfolio. Dort veranstaltet die HWS mehrmals im Jahr Waldtage als Teamevent. „Unsere Mitarbeitenden bekommen die Möglichkeit, einen etwas anderen Arbeitstag abseits des Büros zu erleben“, sagt Fabian Mayer. „Gleichzeitig bekommt unser Förster Unterstützung bei seinen Aufgaben.“ Auch andere Teamaktivitäten wie Yogastunden und Stand-up-Paddling stehen auf dem Programm. Und: Einmal im Monat lädt das Unternehmen alle gut 40 Mitarbeitenden, Azubis und dual Studierenden zum gemeinsamen Essen ein. „Das stärkt unser Miteinander und gibt allen die Chance, sich abteilungsübergreifend auszutauschen“, sagt Mayer. Eine Möglichkeit auch für Azubis, in einem ungezwungeneren Rahmen als im Büro mit den Chefs ins Gespräch zu kommen.
„Wir wollen alle Perspektiven im Unternehmen einbeziehen und den größten gemeinsamen Nenner finden“, sagt Mayer. Er ist überzeugt: „Zufriedene Mitarbeitende sind auch motivierte Mitarbeitende. Das zahlt am Ende auch auf das Unternehmensergebnis ein.“ Die Philosophie scheint sich auszuzahlen: Die Ausbildungsplätze bei der HWS seien beliebt. Probleme bei der Nachwuchssuche? Mayer winkt ab. Habe man keine.