Zuwanderung: Massive Defizite bei Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse
Berlin. Das Beschäftigungswachstum in Deutschland geht fast ausschließlich auf Zuwanderer zurück, doch bei der Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse gibt es nach einer Studie des Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) noch massive Defizite.
Praktisch hat nur rund jedes sechste Unternehmen in Deutschland damit bisher überhaupt Erfahrungen machen können – und die waren in gut der Hälfte der Fälle negativ. Betroffene Firmen kritisieren vor allem einen langsamen und intransparenten Anerkennungsprozess.
Die Erhebung des IW, die im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums entstand, liegt dem Handelsblatt exklusiv vor. Repräsentativ ausgewählte Personalverantwortliche aus 815 Unternehmen wurden im Rahmen der Studie befragt.
Nur gut 17 Prozent der Unternehmen in Deutschland haben eigene Erfahrungen mit der Anerkennung ausländischer Qualifikationen gesammelt. Doch von den übrigen Firmen zeigt ungefähr jede dritte Interesse an dem Thema. Denn qualifizierte Arbeitskräfte aus dem Ausland können helfen, Fachkräftelücken zu schließen und offene Stellen zu besetzen.
Die Zahl der Anerkennungsbescheide über ausländische Abschlüsse hat sich innerhalb von sechs Jahren mehr als verdoppelt – von 32.166 im Jahr 2017 auf 67.536 im Jahr 2023, wie aus Daten des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) hervorgeht. Die meisten Anträge gingen zuletzt für Pflegepersonal, Ärzte, Ingenieure, Lehrer, Erzieher und Physiotherapeuten ein.
Die Auflistung zeigt schon, dass die meisten Anerkennungen in den sogenannten reglementierten Berufen beantragt werden, für die strenge Zugangsvoraussetzungen gelten. Ein Großteil der Anträge im Jahr 2023 wurde für Türkinnen und Türken gestellt, gefolgt von Bürgern aus Bosnien-Herzegowina, der Ukraine, Tunesien und Syrien.
2014 entfielen 45 Prozent der Anträge auf Berufsqualifikationen, die in Drittstaaten außerhalb Europas erworben wurden. Dieser Anteil ist bis 2023 auf 83 Prozent gestiegen. In diesen Zahlen spiegelt sich wider, dass die Nettozuwanderung aus EU-Ländern nach Deutschland schon seit längerer Zeit rückläufig ist.
Von den Firmen, die bereits praktische Erfahrungen mit der Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse haben, äußern sich gut 39 Prozent positiv. Dabei geht es meist um die Anerkennung der Abschlüsse bereits eingestellter ausländischer Mitarbeiter.
Fast 52 Prozent der Unternehmen berichten über negative Erfahrungen. Dabei geht es aber laut den Studienautoren häufig um Fälle, bei denen ausländische Interessenten noch gar nicht eingewandert und eingestellt sind. Laut BIBB wurden im Jahr 2023 gut vier von zehn Anerkennungsanträgen aus dem Ausland gestellt.
Die negativen Erfahrungen, von denen die Personalverantwortlichen in der IW-Befragung berichten, können also auch durch andere Faktoren wie eine schleppende Visavergabe oder noch nicht ausgestellte Zertifikate im Heimatland beeinflusst sein.
Die Unternehmen, die sich um die Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse bemühen, machen dies vor allem aus Wertschätzung gegenüber ihren ausländischen Beschäftigten oder Bewerbern – oder um sie an das Unternehmen zu binden. Oft führt aber – wie im Fall der reglementierten Berufe – auch kein Weg an einer Anerkennung vorbei, weil sonst gar keine Einstellung möglich ist.
Unternehmen vermissen Beratungsangebote
Gut zwei Drittel der Betriebe, die Erfahrung mit Anerkennungsverfahren haben, bilden ausländische Mitarbeiter weiter, damit ihr Berufsabschluss als gleichwertig mit einem deutschen anerkannt wird.
Wenn es um Verbesserungswünsche geht, so fehlt es den Firmen schon an klar strukturierten und leicht zugänglichen Informations- und Beratungsangeboten. Bisher informieren sie sich meist bei den Berufskammern und der Bundesagentur für Arbeit (BA).
Die Unternehmen wünschen sich aber auch einen schnelleren, transparenteren und digitalisierteren Anerkennungsprozess. So könnte etwa Künstliche Intelligenz (KI) bei der Dokumentenprüfung helfen. Gut die Hälfte der Unternehmen hätte gerne auch finanzielle Förderung, wenn es um die Steigerung der Attraktivität der beruflichen Anerkennung geht.
Die von der Ampelkoalition angestoßene Novelle des Fachkräfteeinwanderungsgesetzes bewerten die vom IW befragten Personalverantwortlichen überwiegend positiv. Allerdings ist das Gesetz erst seit Anfang Juni 2024 voll in Kraft, sodass noch nicht viele Praxiserfahrungen vorliegen.
Rund drei Viertel der Unternehmen begrüßen aber die sogenannte Anerkennungspartnerschaft, die es ausländischen Fachkräften ermöglicht, schon während des Anerkennungsverfahrens im Unternehmen zu arbeiten.
Gut 61 Prozent der Firmen sehen die Möglichkeit positiv, Zuwanderer mit anerkanntem Berufsabschluss auch außerhalb ihres angestammten Berufsfelds beschäftigen zu können. Dass bei ausreichendem Gehalt und viel Berufserfahrung die Anerkennung der ausländischen Qualifikation vor der Einreise entfallen kann, findet immerhin noch knapp die Hälfte der Befragten gut.