Beschäftigung: Arbeitsmarkt braucht Zuwanderer – auch wenn sie es in der Konjunkturflaute schwerer haben
Die Beschäftigungsquote von Geflüchteten steigt, liegt aber immer noch deutlich unter jener der ausländischen Bevölkerung insgesamt.
Foto: imago/Rainer WeisflogBerlin. Für seine Äußerung, Geflüchtete ließen sich die Zähne machen, während Einheimische vergeblich auf Zahnarzttermine warteten, hat CDU-Chef Friedrich Merz viel Kritik eingesteckt. Innenministerin Nancy Faeser (SPD) warf Merz „erbärmlichen Populismus“ vor, Grünen-Chefin Ricarda Lang schrieb auf dem Kurznachrichtendienst X, der CDU-Chef schüre Hass.
Doch der Ampelkoalition muss auch klar sein: Wenn sie die irreguläre Migration nicht in den Griff bekommt, könnte sich auch die Einstellung zur Einwanderung insgesamt verändern – auch gegenüber jenen Menschen, die die Bundesregierung mit dem neuen Fachkräfteeinwanderungsgesetz gerne ins Land holen würde.
Das zeigt sich schon im aktuellen ARD-Deutschlandtrend, den das Meinungsforschungsinstitut Infratest dimap erhebt. Bei der Frage, ob Deutschland durch die Zuwanderung eher Vorteile oder Nachteile hat, sagen mittlerweile 64 Prozent der Bürger, dass sie eher Nachteile sehen. Das sind zehn Prozentpunkte mehr als im Mai.
Nur für 27 Prozent überwiegen die Vorteile – sechs Punkte weniger als im Mai.
Mit Blick auf den Arbeitsmarkt und die demografische Entwicklung ist diese Einstellung problematisch. Denn die Beschäftigung in Deutschland sei zuletzt fast ausschließlich dank der Zuwanderung gewachsen, sagte Daniel Terzenbach aus dem Vorstand der Bundesagentur für Arbeit (BA) am Freitag bei der Präsentation der aktuellen Arbeitsmarktzahlen.
Zahl der Bevölkerung im Erwerbsalter sinkt im Osten besonders stark
Dies zeigen differenzierte Daten zur Beschäftigung, die erst mit etwas Zeitverzug vorliegen. So ist die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten mit deutschem Pass im Juli gegenüber dem Vorjahresmonat um 86.000 zurückgegangen, während sie bei den Ausländern um 325.000 stieg. Dabei stammte nur ein Viertel der Zuwanderer aus dem europäischen Wirtschaftsraum einschließlich der Schweiz, der Rest aus Drittstaaten.
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In den ostdeutschen Ländern gebe es nur noch ein sehr bescheidenes oder gar kein Beschäftigungswachstum mehr, was auch mit der demografischen Entwicklung zu tun habe, sagte Terzenbach. Wie bedeutsam die Zuwanderung auch, aber nicht nur für Ostdeutschland ist, zeigen Vorausberechnungen des Statistischen Bundesamtes.
Demnach wird die Zahl der Menschen im Erwerbsalter dort in den kommenden 20 Jahren von 7,2 Millionen um 560.000 bis 1,2 Millionen zurückgehen. Die pessimistischere Variante geht dabei für den Zeitraum von 2020 bis 2070 von durchschnittlich 180.000 Zuwanderern pro Jahr aus, die optimistischere von 400.000.
In Westdeutschland dürfte die Zahl der Menschen im Erwerbsalter bis 2043 von 44,2 Millionen bei niedrigen Migrationszahlen um 4,7 Millionen Personen und im optimistischeren Wanderungsszenario um 680.000 Personen abnehmen.
„Selbst bei vergleichsweise hoher Zuwanderung, wie wir sie aktuell beobachten, können die damit verbundenen Verluste im Hinblick auf die künftige Entwicklung der Bevölkerung im Erwerbsalter nicht kompensiert werden“, sagt Bettina Sommer, Demografieexpertin beim Statistischen Bundesamt.
In der Konjunkturflaute verlieren Beschäftigte ohne deutschen Pass oft zuerst ihren Job
Allerdings sind es in konjunkturellen Schwächephasen oft die Menschen ohne deutschen Pass, die zuerst ihre Arbeit verlieren oder gar nicht erst einen Job finden. So ist die Zahl der ausländischen Arbeitslosen im September gegenüber dem Vorjahresmonat um 8,3 Prozent gestiegen. Bei den Menschen mit deutschem Pass lag das Plus nur bei 4,2 Prozent.
Auch die Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten könnte unter dem Konjunkturabschwung leiden. Zwar seien mehr als eine halbe Million Menschen aus den Hauptherkunftsländern von Asylbewerbern inzwischen sozialversicherungspflichtig beschäftigt, sagte BA-Vorstand Terzenbach.
Und nach dem jüngsten Zuwanderungsmonitor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) ist die Beschäftigung von Geflüchteten zuletzt sogar stärker gestiegen als bei den ausländischen Staatsangehörigen insgesamt.
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Doch lag die Beschäftigungsquote von Menschen aus den Asylherkunftsländern im Mai mit 41,8 Prozent immer noch deutlich unter jener der Ausländer insgesamt (53,9 Prozent). Vor allem bei den Frauen gebe es hier noch Nachholbedarf, sagte Terzenbach.
Angesichts der Konjunkturflaute werde es aber aktuell für alle Arbeitsuchenden schwieriger, eine Beschäftigung zu finden, betonte der BA-Vorstand. Das gelte natürlich aber besonders für Personen, die weniger gut Deutsch sprächen oder keine formale Qualifikation mitbrächten.