Newsletter Shift: Markus Söder und seine Ideen gehören manchmal zu Recht ins All
Markus Söder ist ein Meister der Aufmerksamkeitsökonomie. Wie man fleischhaltige Thesen, Stammtisch-Polemik und großspurige Versprechen in der Presse platziert bekommt – das weiß er. Ein anscheinend besonders größenwahnsinniges Vorhaben, an das ich mich gut erinnern kann, war „Bavaria One“.
Es war 2018, als US-Präsident Donald Trump noch in seiner ersten Amtszeit plötzlich von einer Spaceforce sprach, einer Armee im All. Da kam Söder auf die Idee, auch für den blau-weißen Freistaat eine Duftmarke ins All setzen zu wollen. Er initiierte das Projekt „Bavaria One“, Bayerns Weg ins All. Bei der Vorstellung dieser Idee setzte der Ministerpräsident und Landesvater sein Konterfei auf ein Nasa-ähnliches Abzeichen. Alles so weit, so Söder halt.
Nun, sieben Jahre später, scheint die Idee von Bavaria One nicht mehr ganz so absurd. Isar Aerospace heißt ein Start-up, das in München sitzt und für die europäische Raumfahrtagentur ESA Raketen ins All schicken möchte. Ob Söder nun ein verkanntes Genie ist und was man aus dieser Geschichte lernen kann, hat mir mein Kollege Thomas Jahn, Leiter des Handelsblatt-Technologie-Teams, für unsere Rubrik „In Conversation“ erklärt.
In Conversation
Shift: Thomas, als Markus Söder einst „Bavaria One“ vorstellte, schien das vor allem ein Witz zu sein. Was hat sich seither verändert?
Thomas Jahn: Um ehrlich zu sein, ich habe das damals auch belächelt. Aber: Bayern hatte eine starke Basis in Luft- und Raumfahrt mit mehr als Hundert Jahren Forschung in dem Bereich. Die TU München spielt eine zentrale Rolle, wie auch das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Oberpfaffenhofen. Airbus Space and Defence und ein dichtes Netzwerk an Zulieferern sitzen in München. Die Startbedingungen hier waren also gut. Und heute zeigt sich: Das war kein PR-Gag, sondern der Startpunkt für den Aufstieg einer Branche, in der Bayern eine führende Rolle spielt.
„New Space“ – was heißt das konkret?
Viele denken an Mars- oder Mondmissionen. Tatsächlich geht es zunächst um den erdnahen Orbit, also Höhen von 500 bis 20.000 Kilometern. Dort entsteht gerade ein neuer Wirtschaftsraum für Satelliten. Starlink ist das bekannteste Beispiel, aber es geht um viel mehr: Im Ukrainekrieg wurde deutlich, wie unverzichtbar Satellitenaufklärung geworden ist. In der Klimaforschung helfen Daten, Waldbrände oder Dürren frühzeitig zu erkennen. Und in Zukunft reden wir sogar über private Raumstationen – als Labore oder vielleicht auch als Orte für Weltraumtourismus. Der Kern von New Space ist: Raumfahrt wird günstiger, schneller und privater.
In diesem Umfeld ist Isar Aerospace sehr präsent, um das sich ja Dein Artikel dreht. Was macht das Unternehmen besonders?
Isar Aerospace hat früh angefangen und auf ein simples, aber robustes Konzept gesetzt. Der erste Testflug dauerte jetzt zwar nur 30 Sekunden – für ein junges Raumfahrtunternehmen ist das dennoch ein guter Start. Inzwischen arbeiten sie am zweiten Raketenstart, der dritte Flug soll dann schon den Orbit erreichen. Das Bemerkenswerte: Obwohl Isar Aerospace noch am Tüfteln ist, sind Starts bis 2028 ausgebucht. Über 550 Millionen Euro Kapital haben die schon eingesammelt, und viele halten das Unternehmen für einen künftigen Börsenkandidaten. Damit ist Isar Aerospace heute eines der Aushängeschilder des europäischen New Space.
Hatte Bayern also den richtigen Riecher?
Ja. Bayern hat konsequent auf ein Ökosystem gesetzt: große Player wie Airbus, Universitäten und Start-ups. Die Staatsregierung hat Ausgründungen gefördert und gleichzeitig über den Bund Druck gemacht, dass die europäische Raumfahrtagentur ESA sich stärker für Start-ups öffnet. Frankreich hat lange versucht, neue Wettbewerber in dem Bereich kleinzuhalten – aber dieser Druck aus Deutschland hat etwas bewegt.
Kannst Du das konkreter machen?
2021 bekam Isar Aerospace zum Beispiel über das Deutsche Luft- und Raumfahrtzentrum einen staatlichen Auftrag über elf Millionen Euro. Das ist als Summe gesehen nicht viel. Aber das war ein wichtiges Signal auch gegenüber privaten Investoren. Diese Firma ist gut genug, um so eine Verantwortung zu übernehmen.
Was können andere Deep-Tech-Unternehmen von dieser Geschichte lernen?
Das Wichtigste ist: Nicht Subventionen helfen Start-ups am meisten, sondern Aufträge. Sogenannte Ankeraufträge sind effizienter und nachhaltiger. Mit dem ersten Auftrag über elf Millionen konnte Isar Aerospace eben andere Investoren überzeugen und damit Hunderte Arbeitsplätze schaffen. Das Prinzip gilt genauso für Quantencomputer oder andere Zukunftstechnologien.
Das zahlt sich aus?
Wenn der Staat früh Vertrauen zeigt und konkrete Projekte vergibt, können Unternehmen entstehen, die international mithalten können. Es ist ein Gewinn für den Staat, weil es günstiger und schneller gehen kann und die Wirtschaft gefördert wird. Es ist ein Gewinn für die Start-ups, weil sie sich so nicht von Förderung zu Förderung hangeln müssen. Und es ist auch ein Gewinn für die Forschenden, weil es einen Wettbewerb gibt und die beste Idee gewinnt.
Vielen Dank für das Gespräch, Thomas Jahn!
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Dieser Text ist zuerst am 1. September 2025 im Newsletter Handelsblatt Shift erschienen. Den Newsletter können Sie hier abonnieren.