Pharmaindustrie: Roche drängt auf Milliardenmarkt für Abnehm-Mittel
Die Schweizer peilen die Zulassung und Vermarktung frühestens im Jahr 2028 an. Roche drängt dann auf einen Markt, der bereits jetzt mit Anbietern wie Novo Nordisk und Eli Lilly schwer umkämpft ist. Dennoch hoffen Investoren auf Milliardenumsätze für Roche, Analysten bleiben dagegen vorsichtig.
Die Abnehmspritze von Roche funktioniert nach dem gleichen Prinzip wie die der Konkurrenten: Das Mittel imitiert das appetithemmende Hormon GLP-1 und führt nach Unternehmensangaben zu erheblichen Gewichtsverlusten. Genaue Studienergebnisse hat Roche nicht mitgeteilt.
Phase-3-Studien sind die letzte und entscheidende Hürde, die ein Medikament vor einer Zulassung nehmen muss. Dabei wird ein Mittel an einer hohen Zahl von Patienten getestet und soll seine Wirksamkeit beweisen.
Die Erwartungen sind hoch: Das Mittel soll mindestens so wirksam sein wie die bereits auf dem Markt erhältliche Abnehmspritze Mounjaro des US-Pharmakonzerns Eli Lilly – bei zugleich moderaten Nebenwirkungen, wie Übelkeit oder Erbrechen, sagte Roche-Chef Thomas Schinecker. Eli Lilly dominiert derzeit den Markt für Abnehmspitzen und hat den Vorreiter Novo Nordisk aus Dänemark hinter sich gelassen.
Ob der Markteinstieg der Roche-Spritze gelingt, bleibt offen. Nur etwa die Hälfte aller Wirkstoffkandidaten übersteht die letzte klinische Phase, zeigen Daten des Branchenverbands BIO.
Der Wettlauf um Medikamente gegen Übergewicht steht derzeit im Fokus von Anlegern der Pharmabranche. Mit dem GLP-1-Medikament will Roche von einem Markt profitieren, der bis 2030 laut Analystenschätzungen ein jährliches Umsatzvolumen von 150 Milliarden Dollar erreichen könnte.
Bis 2030 könnten etwa eine Milliarde Menschen weltweit übergewichtig sein, zeigt eine Statistik des World Obesity Council. Obesity ist der englische Begriff für Fettleibigkeit und Fettsucht, im Deutschen werden diese Erkrankungen unter Adipositas zusammengefasst.
Roche baut seine Position im Abnehm- und Diabetesmarkt auch mit Zukäufen aus. 2023 übernahmen die Schweizer das US-Biotech-Unternehmen Carmot Therapeutics für mehr als drei Milliarden Dollar und erhielten so Zugang zu Wirkstoffkandidaten für Spritzen wie auch für Pillen.
Neues Mittel zum Erhalt der Muskelmasse
Vorige Woche übernahm Roche zudem die US-Biotech-Firma 89bio für bis zu 3,5 Milliarden Dollar. Sie ist spezialisiert auf die Behandlung von Fettlebererkrankungen, die durch Übergewicht verursacht werden können.
Mit insgesamt drei potenziellen Medikamenten gegen Fettleibigkeit im Portfolio rechnet Roche zusammen mit einem jährlichen Umsatzpotenzial von mehr als 3,6 Milliarden Dollar. Pharmaanalyst der Schweizer Bank Vontobel, Stefan Schneider, schätzt allein den möglichen jährlichen Spitzenumsatz der Roche-Abnehmspritze auf bis zu 2,5 Milliarden Dollar – bei einer Erfolgswahrscheinlichkeit von 60 Prozent.
Das Mittel mit dem Namen CT-388 gilt bei Anlegern als Eintrittskarte für Roche in den Milliardenmarkt. Als der Konzern im Mai 2024 erste Studiendaten veröffentlichte, zog die Aktie um 4,5 Prozent an. Den Daten zufolge haben Patienten unter CT-388 binnen 24 Wochen rund 18,8 Prozent ihres Körpergewichts verloren.
Gegenüber etablierten Mitteln will sich Roche auch mit einer Kombinationstherapie absetzen. Dabei wird die Abnehmspritze zugleich mit einem Mittel verabreicht, mit dem die Muskelmasse während der Therapie besser erhalten bleibt. Ein solches sogenanntes Amylin-Analog hat der Konzern zuletzt vom dänischen Unternehmen Zealand Pharma für 3,5 Milliarden Dollar erworben.
Roche unterstreicht zudem mit personellen Entscheidungen seine Ambitionen im Kampf gegen Fettleibigkeit. Anfang des Jahres wechselte Morten Lammert, zuvor Manager von Novo Nordisk, zu Roche und übernahm die Leitung des Bereichs Herz-Kreislauf, Nieren und Stoffwechsel. Dort ist auch die Forschung zu Abnehmmitteln eingegliedert.
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Die Ausbaupläne von Roche kommen zu einer Zeit, in der Zweifel am starken Marktwachstum steigen. Das zeigt sich vor allem an der Börse mit starken Kursreaktionen bei News der Anbieter. So zuletzt bei Novo Nordisk: Der Aktienkurs des dänischen Konzerns geriet stark unter Druck, nachdem das Unternehmen Marktanteile an den US-Rivalen Eli Lilly verloren hatte.
Schon bald soll es die Abnehmpille geben
Beide Marktführer richten den Blick inzwischen auf die nächste Produktgeneration: Abnehmpillen. Schon im kommenden Jahr wollen Novo und Lilly in den USA Tablettenpräparate auf den Markt bringen. Für Patienten bedeutet das eine deutlich bequemere Anwendung, für Hersteller eine effizientere Produktion.
Doch auch hier bleibt Unsicherheit: Die Phase-3-Daten von Lillys Kandidaten Orforglipron fielen schwächer aus als erwartet. Dennoch rechnen Analysten mit einer beschleunigten Zulassung durch die US-Arzneimittelbehörde FDA. Roche muss daher nicht nur Wirksamkeit und Sicherheit seiner Abnehmkandidaten belegen, sondern sich strategisch gut positionieren, um in dem besetzten Markt aufzuholen.
Analysten der Berenberg Bank warnen vor einem Ende des Booms: „Wir gehen davon aus, dass Eli Lilly seine Führungsposition im Abnehmmittelmarkt behaupten wird. Gleichzeitig sehen wir den Aufschwung des Markts jedoch bereits an seinem Höhepunkt.“