Zinsen: Türkische Notenbank senkt Zinsen langsamer – Lira fällt weiter
Düsseldorf. Trotz der anhaltend hohen Inflation im Land senkt die türkische Zentralbank das Zinsniveau weiter ab. Sie drosselt gleichzeitig jedoch das Tempo der Lockerung. Die Notenbank reduzierte den Leitzins am Donnerstag um einen Prozentpunkt auf 39,5 Prozent, wie sie in einer Mitteilung bekannt gab.
Ökonomen hatten im Mittel mit einem Schritt in diesem Umfang gerechnet. Allerdings lagen die Erwartungen weit auseinander. Manche Experten hatten eine stärkere Senkung erwartet, andere wiederum eine Zinspause. Im September hatten die Währungshüter den Leitzins noch um 2,5 Prozentpunkte gesenkt, nach 3,0 Prozentpunkten im Juli.
Die Türkei plagt eine extrem hohe Inflation, gepaart mit einem anhaltenden Verfall der Landeswährung Lira. Im September stiegen die Preise um ein Drittel im Vergleich zum Vorjahresmonat. Im Vorjahr hatte die Teuerungsrate noch oberhalb von 75 Prozent gelegen.
Die Experten der Commerzbank weisen jedoch darauf hin, dass sich die Preisaussichten nicht verbessert haben. Der Hinweis auf sinkende Raten sei angesichts der absoluten Höhe irreführend. „Diese Darstellung ist schlichtweg eine schlechte Analyse“, sagen die Experten.
In ihrer Erklärung zum Entscheid betonte die Notenbank, die Geldpolitik werde so lange restriktiv bleiben, bis das Inflationsziel erreicht sei. Der Rückgang der Inflation habe sich zuletzt verlangsamt, hieß es weiter. Die Risiken, insbesondere bei den Lebensmittelpreisen, seien deutlicher geworden. „Die geldpolitische Haltung wird verschärft, falls die Inflationsaussichten erheblich von den Zwischenzielen abweichen“, warnten die Währungshüter, die auf eine Teuerungsrate von fünf Prozent zielen.
Auf Druck von Präsident Recep Tayyip Erdogan betrieb die Zentralbank lange Zeit eine unkonventionelle Geldpolitik, was den Preisdruck im Land verschärfte und die Lira zusätzlich schwächte. Die Währung musste staatlich gestützt werden.
Der Vertrauensverlust der Investoren ließ Erdogan aber umschwenken. Seit seiner Wiederwahl im Jahr 2023 agiert er im öffentlichen Raum zurückhaltend, wenn es um Geldpolitik geht. Schrittweise möchte die Türkei das Vertrauen der internationalen Investoren zurückgewinnen.
Auf den Entscheid am Donnerstag reagierte die Lira nur geringfügig. Ihr drastischer Wertverfall hat sich in den vergangenen Monaten noch beschleunigt – ein Ende ist vorerst nicht in Sicht.
Die Landeswährung erreichte im Verhältnis zum Dollar sowie zum Euro in den vergangenen Tagen erneut einen neuen Tiefstand. Ein Dollar kostet derzeit knapp 42 Lira. Zum Vergleich: Bei Erdogans Wiederwahl lag das Verhältnis an der Marke von 20 Lira.
Sinkende Zinsen bewirken tendenziell, dass eine Währung nachgibt. Das Vorgehen der Notenbank schwächt die Lira also zusätzlich. Hinzu kommt, dass ihr Wertverlust Importe verteuert, was wiederum die Inflation antreibt und die ökonomische Argumentation für weitere Zinssenkungen erschwert – eine äußerst komplexe Gemengelage.