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BürgergeldJeder vierte Hilfeempfänger sagt, dass sich Arbeiten nicht lohnt

Mehr als die Hälfte der Bürgergeldempfänger sucht nicht selbst nach Jobs. Auch vom Jobcenter haben sehr viele noch nie ein Stellenangebot bekommen, zeigt eine Studie.Barbara Gillmann 04.12.2025 - 05:00 Uhr Artikel anhören
Jobcenter in Berlin: Neue Sanktionen für unkooperative Bürgergeldempfänger. Foto: picture alliance/dpa

Berlin. 43 Prozent aller arbeitsfähigen Empfänger von Bürgergeld haben noch nie ein Stellenangebot vom Jobcenter erhalten. Doch auch ihre Eigeninitiative ist begrenzt: Mehr als die Hälfte der Bezieher hat in den zurückliegenden vier Wochen nicht nach einem Job gesucht. Ein gutes Viertel räumt offen ein, ihre finanzielle Lage würde sich mit einem Job nicht verbessern.

Das zeigt eine repräsentative Befragung von 1.006 Leistungsberechtigten im Auftrag der Bertelsmann Stiftung. Zielgruppe waren Erwerbsfähige zwischen 25 und 50 Jahren, die mindestens seit einem Jahr Bürgergeld beziehen. 45 Prozent davon gaben an, sie seien wegen einer psychischen oder chronischen Erkrankung nicht in der Lage, sich um einen Job zu kümmern. Es waren jeweils mehrere Antworten möglich.

Diese Zahlen dürften die Debatte um die Bürgergeld-Reform neu anfachen. Der Gesetzentwurf für die „Neue Grundsicherung“ aus dem Haus von Sozialministerin Bärbel Bas (SPD) wird derzeit im Bundestag beraten und soll im Sommer 2026 in Kraft treten. Vereinbart sind härtere Sanktionen für Bürgergeldempfänger, die nicht ausreichend mit dem Jobcenter zusammenarbeiten.

Gegen das Vorhaben läuft ein Mitgliederbegehren linker Sozialdemokraten. Eine zentrale Rolle spielt auch das umkämpfte Rentenpaket – kippen die Unionsrebellen den Gesetzentwurf, stehen auch andere Projekte wie die „Neue Grundsicherung“ zur Disposition.

Insgesamt erhalten derzeit rund 1,8 Millionen arbeitslose Menschen in Deutschland Bürgergeld, die grundsätzlich als erwerbsfähig gelten. Die offizielle Definition dafür ist, dass man mindestens drei Stunden täglich arbeiten kann. Bisher gab es nach Angaben der Bertelsmann Stiftung keine verlässlichen Informationen, ob und wie intensiv die Betroffenen auf Jobsuche sind und wie gut die Jobcenter sie unterstützen.

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Die Befragung des Tübinger Instituts für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) im Auftrag der Stiftung zeigte nun: 57 Prozent der Teilnehmer sagten, sie hätten in den zurückliegenden vier Wochen gar nicht nach einem Job gesucht – 53 Prozent der Männer und 63 Prozent der Frauen. Selbst unter den aktiv Suchenden investierte der Großteil nur wenig Zeit dafür:  26 Prozent suchten bis zu neun Stunden pro Woche, lediglich sechs Prozent 20 Stunden oder mehr.

43 Prozent gaben an, noch nie ein Stellenangebot erhalten zu haben. Knapp 38 Prozent sagen zudem, sie seien bislang bei Weiterbildungsmaßnahmen leer ausgegangen. Nach Aussage der Studie werden solche Hilfen vorwiegend Personen mit Hauptschulabschluss zuteil, bei Weiterbildungsangeboten für Frauen mit kleinen Kindern gebe es indes Defizite.

„Die Jobcenter müssen den Schwerpunkt neu setzen“, sagt Roman Wink, Arbeitsmarktexperte der Bertelsmann Stiftung. Er fordert „weniger Bürokratie und mehr Vermittlung“. Man dürfe „aber auch die Perspektive der Arbeitgeber nicht vergessen, denn nicht jeder Leistungsbezieher kann den Anforderungen des Jobs ab dem ersten Tag gerecht werden“.

Arbeitsministerin Bas (r.), Arbeitsagentur-Chefin Nahles (l.): Neue Rolle für die Jobcenter? Foto: Kay Nietfeld/dpa

In der Gruppe derer, die nicht aktiv nach Arbeit suchen, geben drei Viertel psychische oder chronische Krankheiten zu Protokoll. Wenn es de facto keine realistische Chance auf eine Integration in den Arbeitsmarkt gebe, „sollte ein Wechsel aus der Grundsicherung in ein besser passendes Unterstützungssystem wie die Sozialhilfe oder die Erwerbsminderungsrente geprüft werden“, fordert Co-Autor Tobias Ortmann.

Eine solche Verlagerung hatte im Handelsblatt-Interview auch der Ifo-Ökonom Andreas Peichl empfohlen: „Dann hätten die Jobcenter viel mehr Ressourcen für die, die auch wirklich arbeiten können.“

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Knapp die Hälfte derer, die keinen Job suchen, begründet das mit zu wenigen passenden Stellen. 22 Prozent sagen, sie seien durch Pflege von Angehörigen oder Kinderbetreuung gebunden. Ein gutes Viertel erklärt aber auch, dass sich ihre finanzielle Lage mit einem Job nicht verbessern würde.

Experten hatten vielfach kritisiert, dass sich Arbeit für Bürgergeldempfänger teilweise schlicht nicht lohne. Neue Zuverdienst-Regeln, die das ändern sollen, sind allerdings noch nicht Teil der Reform und sollen erst 2026 erarbeitet werden. Der Beirat des Bundesfinanzministeriums hatte soeben ein Konzept dafür vorgelegt.

Elf Prozent gaben an, sich mit „Gelegenheitsarbeiten“ über Wasser zu halten. Um Schwarzarbeit stärker zu bekämpfen, sprechen die Bertelsmann-Experten eine klare Empfehlung aus: Personen, bei denen dies vermutet werde, müssten künftig stärker zeitlich eingebunden werden – etwa mit geförderter Beschäftigung, die durch das Bürgergeld finanziert werde. Zudem wird in diesem Zusammenhang die Abschaffung der Minijobs diskutiert.

Reinigungskraft an einem Berliner Bahnhof: Haben Minijobs noch eine Zukunft? Foto: imago/photothek

Der sozialpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Marc Biaddacz, sieht sich von der Studie bestätigt: Sie zeige, dass bei Bürgergeldempfängern „verstärkte Vermittlung und zielgerichtete Unterstützung“ nötig seien. Deshalb habe sich die Koalition auch darauf geeinigt, den Vermittlungsvorrang wieder einzuführen: „Wer arbeiten kann, soll arbeiten.“

Die Studie zeige aber auch, dass es weitere Reformen brauche, „um Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen oder lang anhaltender Arbeitslosigkeit besser zu integrieren“. Um Hürden abzubauen und die Hilfesysteme durchlässiger zu gestalten, „erhoffen wir uns auch Empfehlungen der Sozialstaatskommission“, sagte Biadacz. Die Empfehlungen dieser Kommission sollen bis Jahresende vorliegen.

„Damit die Jobcenter ihre Kernaufgabe, die Integration in den Arbeitsmarkt, wieder besser erfüllen können, müssen sie finanziell gestärkt werden“, fordert die arbeitsmarktpolitische Sprecherin der SPD, Annika Klose. Dafür stehe im Haushalt 2026 eine Milliarde Euro zusätzlich zur Eingliederung in Arbeit bereit.

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Auch Klose hofft auf die Empfehlungen der Sozialstaatskommission und die geplante Reform der Grundsicherung. Es müsse gelingen, Gesundheitsprävention und Reha-Angebote der Jobcenter auszubauen und „einfachere Übergänge zwischen unterschiedlichen Hilfesystemen“ zu organisieren. Auch müssten „die Hinzuverdienstgrenzen besser aufeinander abgestimmt werden, um stärkere Arbeitsanreize zu schaffen“.

Wichtig sei daneben eine wirksame Begrenzung der Mietpreise. Die stark gestiegenen Mieten in vielen Großstädten erschwerten es den Menschen zunehmend, ihre Hilfebedürftigkeit aus eigener Kraft dauerhaft zu überwinden.

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