Gelsenkirchen: Millionen-Coup – Sparkassen-Räuber nutzten manipulierte Tür
Frankfurt. Nach dem spektakulären Schließfach-Diebstahl bei der Sparkasse Gelsenkirchen hat die Polizei die Zahl der Einsatzkräfte deutlich aufgestockt: Wie die Polizei am Dienstag mitteilte, sind inzwischen 230 Beamte für die Ermittlungen in dem Fall abgestellt.
Der Polizei zufolge konnten die bislang unbekannten Täter durch eine manipulierte Tür in die Sparkassenfiliale im Stadtteil Buer eindringen. Dadurch sei ihnen ein ungehinderter Zugang vom angrenzenden Parkhaus in das Sparkassengebäude möglich gewesen. Danach hatten sie mit einem großen Bohrer ein Loch in den Tresorraum gebohrt, wo sie rund 3100 Schließfächer plünderten.
Als möglich gilt, dass die Beute mehr als 100 Millionen Euro beträgt. Es wäre einer der größten Einbrüche in der bundesdeutschen Kriminalgeschichte. Kriminaldirektor André Dobersch, der den Einsatz als verantwortlicher Polizeiführer leitet, bezeichnete den Fall als „beispiellose Tat“.
Geprüft werde unter anderem, ob die Alarmanlage ausgeschaltet oder kaputt war – oder ob es den Tätern gelungen sein könnte, sie außer Betrieb zu setzen, sagte Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) bei einer Sondersitzung des Innenausschusses. „Da stellt sich eine Reihe von Fragen.“
Die Ermittlergruppe der Polizei läuft in dem Fall unter dem Namen „Besondere Aufbauorganisation Bohrer“. Der Anspruch sei: „Das Ding klären wir auf“, sagte Reul. Die Arbeit sei allerdings mühsam. Im Tresorraum und dem daneben liegenden Archivraum hätten nach der Tat etwa 500.000 Gegenstände auf dem Boden gelegen. „Das sieht aus wie eine Müllkippe“, sagte Reul. Alles müsse nun akribisch untersucht werden. „Auf jedem dieser Gegenstände könnten relevante Spuren sein.“
Allerdings hatten die Täter den Tresorraum vor ihrer Flucht noch mit „verschiedenen chemischen Flüssigkeiten kontaminiert“, um etwa DNA-Spuren zu verwischen, wie die Polizei mitteilte.
Festgestellt wurde der Diebstahl am 29. Dezember. Allerdings hätten die Täter schon am Vormittag des 27. Dezember das erste Schließfach aufgebrochen, teilte die Polizei weiter mit. Mindestens vier Stunden lang hätten die Täter demnach die Tresore ausgeraubt.
Ob und wie lange die Täter zuvor schon im Gebäude gewesen seien und wie lange sie gebraucht hätten, ihre Beute abzutransportieren, sei Gegenstand der Ermittlungen, erklärte die Polizei weiter. Schon am Morgen des 27. Dezember hatte es einen Brandmeldealarm gegeben, Polizei und Feuerwehr hatten aber nichts festgestellt, was auf einen Schaden schließen ließ.
Sollte die Beute sich in einer Größenordnung von 100 Millionen Euro bewegen, hätte das für viele Inhaberinnen und Inhaber der Schließfächer gravierende Folgen. Denn die Schließfächer sind standardmäßig nur mit je 10.300 Euro versichert.
Sparkasse verteidigt Sicherheitstechnik
Die Sparkasse Gelsenkirchen selbst sieht sich gemeinsam mit 3000 Kundinnen und Kunden als „Opfer eines Einbruchs“. Sparkassenchef Michael Klotz zufolge sind „die Sicherheitsvorkehrungen auf dem anerkannten Stand der Technik und aktuell“ gewesen.
Anlegeranwälte bezweifeln das. Sie sehen die Haftung bei der Sparkasse. „Die Sparkasse ist diejenige, die durch grob schuldhaftes Verhalten einen Einbruch in dieser Größenordnung zugelassen hat“, sagte Jürgen Hennemann, der bereits infolge von Schließfacheinbrüchen bei anderen Geldhäusern zahlreiche Mandanten vertritt.
Es sei grotesk, wenn sich die Sparkasse nun selbst als Opfer sehe, kritisierte der Fachanwalt für Versicherungsrecht. „Angesichts der Dimension des Einbruchs deutet vieles darauf hin, dass die Sparkasse ihre Sorgfalts- und Obhutspflichten in hohem Maße verletzt hat.“
Bei seiner Kanzlei hätten sich an einigen Tagen nach Bekanntwerden des Einbruchs mehrere Dutzend Betroffene gemeldet. Sie würden Summen zwischen 80.000 Euro und 700.000 Euro geltend machen. „Einige haben mich auch schon mandatiert. Anderen geht es darum, sich erst einmal mehr zu informieren.“
Nach Hennemanns Einschätzung sind viele Kundinnen und Kunden mit Migrationshintergrund, beispielsweise mit Wurzeln in der Türkei, betroffen. „Nach meiner Erfahrung sind Gold und Bargeld für viele von ihnen ein wesentlicher Teil des Vermögensaufbaus, auch weil es üblich ist, Geld und Gold zu Hochzeiten zu schenken.“
Anwalt will bald Klage einreichen
Die Deutsche Presse-Agentur berichtete, dass ein Anwalt schon kommende Woche Klage gegen die Bank erheben wolle. Er habe bereits Mandanten-Vollmachten von etwa 150 Geschädigten sowie etwa genauso viele Interessierte, sagte der Dattelner Anwalt Daniel Kuhlmann. Auch er sieht demnach Anzeichen einer Pflichtverletzung der Bank. So gebe es anscheinend keinen Erschütterungsmelder in dem Tresorraum. Die Einbrecher hätten sich möglicherweise ungestört 48 Stunden in der Bank aufgehalten.
Kuhlmann zufolge droht der Bank „eine Klagewelle ungeahnten Ausmaßes“. Er halte es nicht für abwegig, dass am Ende etwa 1000 Kläger gegen die Bank zusammenkämen. Das bringe der Bank einen erheblichen Reputationsschaden.
Hennemann verwies indes darauf, dass es bisher nur Informationsfragmente und noch kein belastbares Ermittlungsergebnis gebe. „Aus diesem Grund wäre eine gegenwärtige, übereilte Klageerhebung auch unter Kostengesichtspunkten kontraproduktiv“, sagte er.
Zudem müssten Mandanten mit Rechtsschutzversicherung davon ausgehen, dass die jeweiligen Versicherer auf absehbare Zeit keine Zustimmung für eine Klageerhebung erteilen würden, erklärte Hennemann. „Es ist daher fast schon zwingend, zunächst außergerichtlich gegenüber der Sparkasse Gelsenkirchen vorzugehen – auch aus Kostengründen.“