Grönland-Zolldrohung: „Wenn wir das akzeptieren, dann machen wir uns lächerlich“
Düsseldorf. Herr Südekum, US-Präsident Donald Trump hat im Konflikt um Grönland neue Zölle gegen Deutschland und sieben weitere europäische Länder angedroht. Hat er damit eine Grenze überschritten?
Eindeutig ja. Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem Donald Trumps persönliche Eitelkeiten als Begründung für handelspolitische Maßnahmen herhalten müssen. Das ist völlig inakzeptabel. Diese Zollandrohungen haben nichts mehr mit Wirtschaftspolitik zu tun, das ist plumpe Erpressung. Die EU kann und darf das nicht auf sich sitzen lassen. Zumal mir nicht klar ist, wie die USA Zölle gegen einzelne, ausgewählte EU-Länder umsetzen wollen.
Sie sind nah dran an der Politik. Hat diese Eskalation auch die Bundesregierung überrascht?
Bei Trump muss man grundsätzlich mit allem rechnen. Neu ist aber das Tempo und die Zuspitzung gleich zu Beginn des Jahres: erst Venezuela, jetzt Grönland. Es war klar, dass Trump Grönland haben will. Aber dass er in dem Konflikt mit neuen Zöllen droht, hat wohl auch in der Koalition kaum jemand erwartet. Das heißt allerdings nicht, dass Europa mitspielen muss. Wenn wir das akzeptieren, dann machen wir uns lächerlich und unglaubwürdig.
Was wäre die richtige Reaktion der EU, falls die geplanten persönlichen Gespräche der EU-Regierungschefs mit Trump beim Weltwirtschaftsforum in Davos zu nichts führen?
Erstens sollte das ausgehandelte Zollabkommen nicht unterzeichnet werden. Es war ohnehin kein ausgewogenes Abkommen, sondern eher ein Diktat. Zweitens liegen bereits beschlossene Gegenzölle in der Schublade, die im vergangenen Jahr lediglich pausiert wurden. Diese Maßnahmen im Umfang von 93 Milliarden Euro greifen ohnehin ab Februar, wenn Trump seine neuen Zolldrohungen wahr macht. Und drittens gibt es mit dem Anti-Coercion-Instrument erstmals ein starkes neues europäisches Werkzeug für Fälle, in denen Handelspolitik als politische Waffe missbraucht wird.
Der französische Präsident hat dieses „Instrument gegen wirtschaftliche Erpressung“ ins Gespräch gebracht. Angeblich prüft Brüssel den Einsatz. Wie könnte das konkret aussehen?
Das Instrument wurde bewusst offen gehalten – denkbar wären etwa Maßnahmen gegen US-Tech-Konzerne oder eine Digitalsteuer. Das wäre die schärfste Eskalationsstufe und muss gut abgewogen werden, weil Europa technologisch stark von US-Anbietern abhängig ist.
Würden Sie dieses Risiko trotzdem in Kauf nehmen?
Kurzfristig kann das erhebliche Kosten verursachen, da darf man sich nichts vormachen. Ein eskalierender Handelskonflikt bleibt nicht folgenlos. Mittel- bis langfristig ist aber klar: Diese Abhängigkeiten sind strategisch problematisch. Europa muss eigenständiger werden – militärisch, technologisch und wirtschaftlich. Und genau darum geht es jetzt: Die EU muss endlich ihre wirtschaftlichen Stärken ausspielen, um ihrerseits Macht zu zeigen.
Wo liegen diese Stärken?
Etwa im Maschinenbau, ohne den eine Reindustrialisierung der USA, wie Trump sie forciert, gar nicht möglich wäre, auch in der Pharma- und Chemieindustrie oder in der Medizintechnik. Deutschland hat viele Hidden Champions, die in ihrer Nische Weltmarktführer sind. Das Ziel muss sein, wechselseitige Abhängigkeiten mit den USA zu schaffen, statt einseitig erpressbar zu bleiben. Der europäische Binnenmarkt mit seinen rund 500 Millionen Verbrauchern ist ein riesiger Markt mit enormem Gewicht, auch für die US-Tech-Konzerne. Das ist unser Trumpf.
Abseits der US-Börsen, die am Montag wegen eines Feiertags geschlossen waren, reagieren die Finanzmärkte auf Trumps Grönland-Zolldrohungen. Könnte Druck von der Wall Street – ähnlich wie im April 2025, als Trump zum ersten Mal massive Zölle ankündigte – ihn zum Einlenken bewegen?
Die Möglichkeit besteht. In den USA gibt es keine geschlossene Front hinter Trumps Kurs. Teile seines MAGA-Lagers, viele Unternehmen und auch Investoren lehnen die Eskalation ab. Wir haben das schon im vergangenen Jahr gesehen: Wenn es für die USA wirtschaftlich ungemütlich wird, rudert Trump oft zurück, dann gibt es Ausnahmen und Sonderregeln. Der bekannte Slogan „Trump always chickens out“ kommt nicht von ungefähr (übersetzt: Trump macht immer einen Rückzieher, Anm. d. Redaktion). Für die EU heißt das: entschlossen gegenhalten, aber Gesprächskanäle offen lassen.
Lassen Sie uns noch auf die wirtschaftlichen Folgen schauen: Wie sehr würden neue US-Zölle der deutschen Wirtschaft schaden?
Schätzungen gehen für die bisherigen Strafzölle von rund 0,2 bis 0,3 Prozentpunkten Wachstumseinbußen aus. Die neuen Grönlandzölle würden das noch etwas vergrößern, aber nicht viel. Das ist in der aktuellen Lage schmerzhaft, aber kein wirtschaftlicher Weltuntergang. Wichtig ist: Trump erhebt Zölle gegen fast jedes Land auf der Welt. Die relativen Wettbewerbsverhältnisse ändern sich also weniger stark, als oft befürchtet.
Und das heißt was?
Rein ökonomisch wären die zusätzlichen US-Zölle verkraftbar. Politisch hingegen wäre ein Nachgeben fatal. Unter Verbündeten, Nato-Partnern und Demokratien darf Erpressung niemals zur Normalität werden.
Weil die neu angedrohten Zölle nicht die EU als Ganzes treffen, gibt es in Brüssel und Berlin die Sorge, dass es Trump einmal mehr gelingen könnte, die Europäer zu spalten. Hält die EU dieses Mal zusammen? Was ist Ihre Einschätzung?
Ja, die Sorge ist berechtigt. Aber ich finde, dass die EU auf Trumps neue Zollandrohung am Wochenende überraschend schnell, bestimmt und geschlossen reagiert hat. Das gibt Grund zur Hoffnung. Zudem stärkt Europa den Binnenmarkt und diversifiziert seine Handelsbeziehungen – das Mercosur-Abkommen ist unterzeichnet, und es gibt Gespräche über weitere Abkommen mit Indien oder Indonesien. Da müssen wir jetzt dranbleiben.
Herr Südekum, vielen Dank für das Interview.
Das Gespräch wurde im Rahmen einer digitalen Veranstaltung des Frauen-Wirtschaftsnetzwerks PULSE der Handelsblatt Media Group geführt. Informationen zu PULSE finden Sie hier.