IS-Miliz und ihre Partner: Wie die Terroristen an Waffen kommen
Mit Waffen und martialischen Posen: So zeigen sich IS-Kämpfer, wenn sie Städte in Syrien und im Irak einnehmen.
Foto: Screenshot YoutubeDüsseldorf. Die Leinen des Fallschirms sind zum Teil nach an den Kisten befestigt. Ein IS-Kämpfer mit schwarzer Sturmmaske, Armeekleidung und Gewehr über der Schulter präsentiert die Beute. Es ist eine Waffenladung, die die USA offenbar fälschlicherweise nicht über von Kurden, sondern vom Islamischen Staat (IS) kontrollierten Gebiet abgeworfen hat.
Der Kämpfer in dem Video der Extremisten geht von Kiste zu Kiste, öffnet sie und zeigt Patronen, Gewehrmunition, Granaten. Auf einem der Behälter der Granaten ist deutlich die Aufschrift „DM41“ zu lesen – die Typbezeichnung eines älteren deutschen Fabrikats.
Aus welchen Beständen die Waffen stammen und wie sie den Weg nach Syrien gefunden haben, ist unklar. Denn laut Bundeswehr sind Granaten des im Video gezeigten Typs nicht kürzlich an die kurdischen Peschmerga-Einheiten im Nordirak geliefert worden. Vielmehr hätten die Kurden dort das Nachfolgemodell „DM51“ erhalten.
Selbst wenn das Video und mit ihm die deutschen Granaten ein Fake sein sollten, das auf das Konto der „Öffentlichkeitsarbeit“ des IS geht, ist unbestritten, dass die Miliz über ein umfangreiches Waffenarsenal verfügt. Im Gegensatz etwa zu den Kurden in Kobane, die mit gerade zu Beginn der Kämpfe vor Monaten mit fast ausschließlich veraltetem Kriegsgerät versuchen, ihre Stadt zu halten, sind die islamistischen Kämpfer deutlich besser ausgestattet. Sie verfügen über etwa über Haubitzen, Maschinengewehre und Panzer – teils abenteuerlich zusammengeschustert, teils hochmodern. Viele der Waffen kommen aus den USA und China.
Untersucht hat Ursprung und Wege der Waffen die Nichtregierungsorganisation Conflict Armament Research, die Daten von 1700 erfasstem Kriegsgerät in Syrien und im Irak ausgewertet hat. Die Feldstudie, Teil eines von der Europäischen Union finanzierten, fortlaufenden Projekts, hat zum Ziel, Waffen der militanten Gruppe und Waffenquellen zu identifizieren. Die Stichprobe ist nicht umfassend, wirft aber ein Schlaglicht auf die militärische Stärke des IS.
Unter dem Label „Netzwerk des Todes“ beschreibt der Bericht, wie geschickt die islamistischen Kämpfer darin agieren, sich zu bewaffnen. Die Ausrüstung ist laut Analysten und rivalisierenden syrischen Rebellengruppen gekauft, erbeutet oder stammt von den Kämpfern selbst.
So sind teils regierungsfeindliche Kämpfer aus Syrien zum IS übergelaufen – und haben ihre Waffen einfach mitgenommen. Mit anderen syrischen Rebellen, die ihre Waffen von ausländischen Gebern erhalten, sowie mit korrupten Mitgliedern der Sicherheitskräfte in Syrien und im Irak macht die Miliz außerdem Geschäfte.
Oder aber sie erbeutet die Waffen auf dem Schlachtfeld. Wo und wie der IS vorrückt und angreift, machen die Kämpfer häufig davon abhängig, wo Waffen zu erbeuten sind. Das berichtet der in dem Bericht zitierte nordsyrische Kommandeur der Kafr Owaid Märtyrer Brigade, Fuad al-Ghuraibi. Der IS wähle die Schlacht an einer Front nur, „wenn die ,Investition' attraktiv ist und sich lohnt“, zum Beispiel wenn sich dort Lagerhallen befinden.
Als Beispiel für dieses Vorgehen nennt der Bericht einen Beutezug des IS im vergangenen Jahr. Damals benötigten die Kämpfer eine ganze Flotte von schweren Lastwagen benötigten, um die Massen von erbeuteten Waffen und Munition einer syrischen Luftwaffenbasis in der Nähe der Stadt Hama abzutransportieren.
Mit manchem Gerät, wie US-Kampfhubschraubern, können sie nichts anfangen. Die Bedienung ist zu kompliziert. Die Bedienung von anderem Kriegsgerät, etwa Haubitzen des Typs M198 – rund eine halbe Million US-Dollar wert –, scheinen die Radikalen inzwischen halbwegs zu beherrschen.
Doch der IS bekommt seine Waffen auch auf dem Schwarzmarkt und dort sogar von offiziellen Feinden der Gruppe, etwa dem syrischen Regime. Die bezahlten Preise könnten dabei nicht besonders hoch sein, „da die Beamten des Regimes die Lieferungen eingrenzen müssen, um sie verborgen zu halten“.
DM 41: Die Beschriftung auf dem Granatenbehälter, den der IS-Kämpfer in einem Video zeigt, weist ein deutsches Fabrikat nach. Ob es ein Fake ist oder wie, falls nicht, die Waffen in die Region kommen, ist unklar.
Foto: Screenshot YoutubeDer Großteil der Waffen der Extremisten kommt aus China (26 Prozent) und den USA (fast 19 Prozent). Einige klassische 5,56-Millimeter-Patronen etwa stammen nachweislich aus einer großen Munitionsfabrik in Missouri, der ATK Lake City Ammunition Division, und wurden zwischen 2005 und 2007 produziert.
Es sind laut Bericht Waffen, mit denen die USA die irakischen Sicherheitskräfte nach dem Einmarsch 2003 ausgestattet hat, die sie aber nicht halten konnten. Russische Waffen, die ebenfalls in IS-Hände gelangten, stammen demnach aus Beständen des syrischen Regimes – Russland steht treu an der Seite des quasi-kommunistischen Baath-Regimes von Bashar al-Assad.
Da einige Waffen erst 2013 produziert wurden, ist eine sehr kurze Kette von Besitzern wahrscheinlich. In der Stichprobe befinden sich auch Patronen des russischen Fabrikats „WOLF“, das von der amerikanischen Firma Sporting Supplies International unter der eigenen Marke weiterverkauft wird.
Ein kleiner Anteil der Munition stammt außerdem aus dem Iran, teils erst 2013 produziert. Ein weiterer Anteil aus dem Sudan. Aus Sicht der Analysten zeige dass die wachsende Rolle, die der Sudan als Waffenproduzent einnehme – und sämtliche Parteien in Konflikten nicht nur in Afrika, sondern auch im Nahen Osten ausstatte.
Dass mehr als ein Viertel der Waffen ursprünglich aus China stammt, ist laut den Autoren keine Überraschung. „China ist ein großer Anbieter“ von Munition auf Militär-Niveau, sagte Bevan. Auch in diesem Fall ist es wahrscheinlich, dass die Waffen zuerst dem syrischen Militär gehörten und schließlich durch Eroberungen und Schwarzmarktverkäufe an den IS gingen. Generell seien Chinas Waffenexporte „in keiner Art und Weise irgendwie transparent“.
Die Daten sind eine implizite Warnung an politische Entscheidungsträger und Befürworter von militärischen Interventionen. Der Bericht legt die Vermutung nahe, dass Munition, die einst nach Syrien und in den Irak zur Stabilisierung von Regierungen geliefert wurde, zu den Dschihadisten gewandert ist und nun dabei hilft, den Aufstieg und die anhaltende Kampfkraft der Extremisten zu sichern.
Dass Waffenlieferungen an regionale Partner letztlich in in falsche Hände gerieten, würde massiv erhöht „durch schlecht motivierte Sicherheitskräfte“, die vor ihren Aufgaben nicht gewachsen seien. Darauf weise der hohe Anteil von US-Fabrikaten hin.
„Die Lektion, die wir daraus lernen, ist, dass die Sicherheitskräfte, denen die Munition von anderen Nationen geliefert wurde, nicht wirklich nicht in der Lage sind, diese Waffen zu halten", sagt James Bevan, Direktor der des Conflict Armament Researchs der New York Times.