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IS-Miliz und ihre PartnerWie die Terroristen an Waffen kommen

Jede vierte Waffe kommt aus China, jede fünfte aus den USA: Die IS-Terrormiliz kämpft mit teils hochmodernem Kriegsgerät. Einst war es zur Stabilisation der Region gedacht. Wie es in die Hände der Terroristen gelangte.Désirée Linde 28.10.2014 - 13:10 Uhr Artikel anhören

Mit Waffen und martialischen Posen: So zeigen sich IS-Kämpfer, wenn sie Städte in Syrien und im Irak einnehmen.

Foto: Screenshot Youtube

Düsseldorf. Die Leinen des Fallschirms sind zum Teil nach an den Kisten befestigt. Ein IS-Kämpfer mit schwarzer Sturmmaske, Armeekleidung und Gewehr über der Schulter präsentiert die Beute. Es ist eine Waffenladung, die die USA offenbar fälschlicherweise nicht über von Kurden, sondern vom Islamischen Staat (IS) kontrollierten Gebiet abgeworfen hat.

Der Kämpfer in dem Video der Extremisten geht von Kiste zu Kiste, öffnet sie und zeigt Patronen, Gewehrmunition, Granaten. Auf einem der Behälter der Granaten ist deutlich die Aufschrift „DM41“ zu lesen – die Typbezeichnung eines älteren deutschen Fabrikats.

Die internationale Koalition gegen den IS
Mehr als 40 Länder beteiligen sich nach Angaben von US-Präsident Barack Obama am Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Die Motive sind unterschiedlich und nicht jeder greift militärisch ein. Am Luftkrieg in Syrien beteiligen sich nur arabische Verbündete, im Irak sind auch Nato-Länder sowie Australien dabei.
Die mächtigste Militärmacht der Welt organisiert die internationalen Luftangriffe. Ab August wurden zunächst IS-Stellungen im Irak bombardiert. Dabei kann sich Washington auf einen Hilferuf Bagdads berufen. Seit September kamen völkerrechtlich umstrittene Angriffe in Syrien hinzu. Sie galten neben dem IS auch der Al-Kaida-nahen Chorasan-Gruppe. Dabei werden auch Ölförderanlagen und Raffinerien gezielt zerstört. Nach US-Angaben sollten damit die Finanzquellen des IS ausgetrocknet werden. Seit dem 26. September bombardieren die USA auch IS-Stellungen bei der umkämpften Kurdenstadt Kobane in Nordsyrien. Die USA bilden zudem syrische Rebellen für den Kampf gegen den IS und die Regierung in Damaskus aus und liefern Waffen.
Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain, Katar und Jordanien unterstützen die USA bei Luftangriffen in Syrien. Die Golfmonarchien sind vom IS bedroht, dessen „Kalifat“ einen Anspruch auf Herrschaft über alle Muslime erhebt. Zugleich drängen sie die USA auch zum Sturz der syrischen Regierung, die ihrerseits gegen die Islamisten einen Kampf um Leben und Tod führt.
Die türkische Regierung leistet weiterhin nur humanitäre Hilfe und hat nach eigenen Angaben rund 200.000 Flüchtlinge aus der umkämpften Region Kobane aufgenommen. Die Regierung in Ankara hat ein Mandat des Parlaments, militärisch in Syrien und dem Irak gegen Terrororganisationen vorzugehen. Sie fordert für ein Eingreifen aber eine umfassende internationale Strategie, die den Sturz des syrischen Machthabers Baschar al-Assad einschließt. Die Forderung nach einem Korridor für kurdische Volksschutzeinheiten durch die Türkei hat sie abgelehnt. Der Nato-Staat hat auch dem Anti-IS-Bündnis nicht die Nutzung türkischer Stützpunkte erlaubt.
Als erstes EU-Land hat Frankreich im August Waffen geliefert und auch Luftangriffe auf IS-Stellungen im Irak geflogen. Dazu kommt Waffen- und Ausbildungshilfe für die irakischen Kurden.
Washingtons engster Verbündeter fliegt ebenfalls Luftangriffe im Irak. Das Mandat des Parlaments schließt den Einsatz von Bodentruppen aus und beschränkt sich auf Einsätze im Irak. London liefert zudem Waffen an die irakischen IS-Gegner und leistet humanitäre Hilfe.
Als einziges skandinavisches Land beteiligt sich Dänemark mit F16-Kampfflugzeugen am Kampf gegen den IS. Außerdem will Kopenhagen Militärausbilder entsenden.
Für Luftangriffe gegen IS-Stellungen im Irak stellt Belgien sechs Jagdbomber vom Typ F-16 zur Verfügung. Zusammen mit den Kampfjets wurden rund 120 belgische Soldaten nach Jordanien verlegt.
Den Haag beteiligt sich mit sechs F-16 an dem Kampf. Zudem wurden rund 250 Soldaten nach Jordanien entsandt. Zusätzlich sollen 130 Militärausbilder irakische und kurdische Truppen ausbilden.
Australiens Luftwaffe beteiligt sich im Irak am Kampf gegen den IS. Dafür werden 600 Soldaten abgestellt. Die Basis ist Dubai.
Kanada will sich an Luftangriffen gegen den IS im Irak beteiligen. Das Parlament erteilte der Regierung dafür ein Mandat.
Die Regierung schließt eine direkte Kriegsbeteiligung aus und beschränkt sich auf die Unterstützung der irakischen IS-Gegner. Dazu werden Infanteriewaffen wie Gewehre, panzerbrechende Waffen und andere Ausrüstungsgüter geliefert. Zudem werden irakisch-kurdische Kämpfer im Umgang mit Waffen und mit Minenräumgerät ausgebildet.
Länder wie ITALIEN, SPANIEN, GRIECHENLAND, BULGARIEN, TSCHECHIEN, die SLOWAKEI, PORTUGAL, POLEN oder NORWEGEN liefern Waffen, bilden Kämpfer gegen den IS aus oder leisten humanitäre Hilfe. Zypern stellt eine Basis für Luftangriffe zur Verfügung.
Ob sich der jüdische Staat am Kampf gegen den IS beteiligt, ist unklar. Ein hochrangiges Mitglied der Armee sagte, der jüdische Staat leite Geheimdiensterkenntnisse über den IS an die USA weiter.
Der Iran ist zwar nicht Teil der Anti-IS-Koalition, aber eines der ersten Länder, die den Irak und die Kurden mit Waffen beliefert haben. Laut Teheran wäre ohne diese frühe Hilfe schon der ganze Irak von der IS erobert worden. Anders als die Türkei und Saudi Arabien steht der Iran aber hinter Syriens Präsidenten Baschar al-Assad.

Aus welchen Beständen die Waffen stammen und wie sie den Weg nach Syrien gefunden haben, ist unklar. Denn laut Bundeswehr sind Granaten des im Video gezeigten Typs nicht kürzlich an die kurdischen Peschmerga-Einheiten im Nordirak geliefert worden. Vielmehr hätten die Kurden dort das Nachfolgemodell „DM51“ erhalten.

Selbst wenn das Video und mit ihm die deutschen Granaten ein Fake sein sollten, das auf das Konto der „Öffentlichkeitsarbeit“ des IS geht, ist unbestritten, dass die Miliz über ein umfangreiches Waffenarsenal verfügt. Im Gegensatz etwa zu den Kurden in Kobane, die mit gerade zu Beginn der Kämpfe vor Monaten mit fast ausschließlich veraltetem Kriegsgerät versuchen, ihre Stadt zu halten, sind die islamistischen Kämpfer deutlich besser ausgestattet. Sie verfügen über etwa über Haubitzen, Maschinengewehre und Panzer – teils abenteuerlich zusammengeschustert, teils hochmodern. Viele der Waffen kommen aus den USA und China.

Krise im Nahen Osten

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Untersucht hat Ursprung und Wege der Waffen die Nichtregierungsorganisation Conflict Armament Research, die Daten von 1700 erfasstem Kriegsgerät in Syrien und im Irak ausgewertet hat. Die Feldstudie, Teil eines von der Europäischen Union finanzierten, fortlaufenden Projekts, hat zum Ziel, Waffen der militanten Gruppe und Waffenquellen zu identifizieren. Die Stichprobe ist nicht umfassend, wirft aber ein Schlaglicht auf die militärische Stärke des IS.

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Unter dem Label „Netzwerk des Todes“ beschreibt der Bericht, wie geschickt die islamistischen Kämpfer darin agieren, sich zu bewaffnen. Die Ausrüstung ist laut Analysten und rivalisierenden syrischen Rebellengruppen gekauft, erbeutet oder stammt von den Kämpfern selbst.

So sind teils regierungsfeindliche Kämpfer aus Syrien zum IS übergelaufen – und haben ihre Waffen einfach mitgenommen. Mit anderen syrischen Rebellen, die ihre Waffen von ausländischen Gebern erhalten, sowie mit korrupten Mitgliedern der Sicherheitskräfte in Syrien und im Irak macht die Miliz außerdem Geschäfte.

Oder aber sie erbeutet die Waffen auf dem Schlachtfeld. Wo und wie der IS vorrückt und angreift, machen die Kämpfer häufig davon abhängig, wo Waffen zu erbeuten sind. Das berichtet der in dem Bericht zitierte nordsyrische Kommandeur der Kafr Owaid Märtyrer Brigade, Fuad al-Ghuraibi. Der IS wähle die Schlacht an einer Front nur, „wenn die ,Investition' attraktiv ist und sich lohnt“, zum Beispiel wenn sich dort Lagerhallen befinden.

Wer den Kampf gegen IS anführt
Als federführende Macht im Bündnis haben die USA bereits Dutzende Luftangriffe auf IS-Ziele im Irak und in Syrien geflogen. Washington schickte zudem Militärberater, Versorgungsgüter und humanitäre Hilfe, um irakischen und kurdischen Truppen im Kampf gegen die Extremisten unter die Arme zu greifen.
Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Bahrain haben sich an Luftangriffen auf IS-Stellungen in Syrien beteiligt. Ein vierter Akteur, Katar, hat laut Pentagon eine unterstützende Rolle inne. Die Emirate und Katar haben ihre Luftwaffenbasen zudem als Rampe für die Anti-IS-Offensive zur Verfügung gestellt. Ebenfalls beteiligte US-Marineschiffe wurden der im Bahrain stationierten Fünften Flotte der Navy zugeteilt. Saudi-Arabien hat sich zudem als Gastgeberland für die Ausbildung moderater syrischer Rebellen angeboten.
Jordanien hat schon selbst Luftangriffe gegen IS-Stellungen geflogen. Anhaltende Grenzverletzungen hätten diesen Schritt nötig gemacht, teilte Regierungssprecher Mohammed Al-Momani mit. Details über die Operationen gab das Königreich zwar nicht preis. Doch hieß es, die Luftangriffe sollen Jordaniens Sicherheit gewährleisten.
Eine konkrete Beteiligung an den Luftangriffen gegen die IS-Miliz hat Kairo zwar bislang nicht in Aussicht gestellt. Doch bekräftigte Präsident Abdel-Fattah al-Sisi kürzlich in einem Interview mit der Nachrichtenagentur AP die „umfassende Bereitschaft zur Unterstützung“ der Anti-IS-Koalition. „Wir werden alles tun, was erforderlich ist“, versprach er.
Das Land hilft vor allem im Verborgenen: Die USA erhielten von Israel geheimdienstliche Einschätzungen und konkrete Erkenntnisse über die IS-Miliz, sagt ein Gewährsmann im Verteidigungsministerium. Dies sei Teil der anhaltenden bilateralen Geheimdienstkooperation. Im Übrigen sei Israel nicht um einen Beitrag gebeten worden, der darüber hinausginge.
Über dem Irak operieren britische „Tornado“-Jagdbomber, unterstützt von Tankflugzeugen und Signalaufklärung, teilte die Regierung in London mit. Britischen Medien zufolge stehen zudem auf Zypern sechs Kampfjets in Bereitschaft. Angaben über deren Zahl will das Militär jedoch nicht nennen. Die „Tornado“-Jets erweiterten die Fähigkeit der Anti-IS-Koalition, bewegliche Ziele ins Visier zu nehmen, erklärt Ben Goodland. Zudem stehen den Briten zwei Langstreckenwaffensysteme zur Verfügung: Tornado-Marschflugkörper vom Typ Storm Shadow sowie U-Boot-gestützte Tomahawk-Geschosse.
Seit dem Eintritt in die Anti-IS-Koalition am 19. September hat das französische Militär zweimal Luftangriffe im Irak geflogen. Dabei feuerten Rafale-Kampfjets lasergesteuerte Bomben auf Munitionslager und Militärgerät ab, zunächst nahe Mossul und am Donnerstag unweit von Falludscha. Koordiniert wird das Ganze von einem französischen Luftwaffenstützpunkt in den Vereinigten Arabischen Emiraten aus. Auf der Basis sind 750 Militärangehörige und sechs Rafale-Kampfjets stationiert.
Eine deutsche Beteiligung an den Luftangriffen gegen die IS-Miliz soll es nicht geben. Allerdings unterstützt die Bundesregierung die kurdischen Peschmerga-Kämpfer im irakischen Erbil mit Waffen. Einige von ihnen werden in Deutschland von der Bundeswehr ausgebildet. In Erbil schulen zudem deutsche Soldaten die Peschmerga-Kämpfer im Umgang mit Waffen.
Das Land will sechs F-16-Mehrzweckkampfjets und ein Hilfsteam mit 120 Personen, darunter acht Piloten, in Jordanien stationieren. Sie haben ein Mandat für einmonatige Operationen im Irak. Eine Verlängerung wäre bei Zustimmung des belgischen Parlaments möglich.
Kopenhagen hat sieben F-16-Kampfjets, Piloten und Hilfspersonal im Kampf gegen die Dschihadisten versprochen. Ihre Einsatzzeit beträgt zwölf Monate. Washington bat Dänemark auch um die Entsendung von Militärausbildern in den Irak gebeten. Dort sollen sie irakische und kurdische Sicherheitskräfte im Bodenkampf gegen die IS-Milizen schulen.
Ottawa hat rund 70 Elitesoldaten abgestellt, die kurdische Truppen im Nordirak beraten sollen. Noch diese Woche will das Kabinett von Premierminister Stephen Harper zudem eine US-Bitte um Teilnahme an den Luftangriffen gegen IS-Stellungen prüfen. Kanada hat bereits zwei Militärfrachtflugzeuge beigesteuert, die Waffen für die kurdischen Kämpfern geladen hatten.
Ein Luftwaffenkontingent, darunter acht F/A-18-Kampfjets vom Typ Hornet und zwei Unterstützungsflugzeuge, hat Canberra bereits in die Vereinigten Arabischen Emirate geschickt. Mit dabei sind auch 600 Soldaten, die meisten von ihnen Mitglieder der Luftwaffe. Es wird erwartet, dass die australischen Kampfjets an Einsätzen gegen die IS-Miliz im Irak teilnehmen. Die Regierung von Premierminister Tony Abbott hat sich jedoch noch nicht auf eine Kampfrolle festgelegt.

Als Beispiel für dieses Vorgehen nennt der Bericht einen Beutezug des IS im vergangenen Jahr. Damals benötigten die Kämpfer eine ganze Flotte von schweren Lastwagen benötigten, um die Massen von erbeuteten Waffen und Munition einer syrischen Luftwaffenbasis in der Nähe der Stadt Hama abzutransportieren.

Mit manchem Gerät, wie US-Kampfhubschraubern, können sie nichts anfangen. Die Bedienung ist zu kompliziert. Die Bedienung von anderem Kriegsgerät, etwa Haubitzen des Typs M198 – rund eine halbe Million US-Dollar wert –, scheinen die Radikalen inzwischen halbwegs zu beherrschen.

Doch der IS bekommt seine Waffen auch auf dem Schwarzmarkt und dort sogar von offiziellen Feinden der Gruppe, etwa dem syrischen Regime. Die bezahlten Preise könnten dabei nicht besonders hoch sein, „da die Beamten des Regimes die Lieferungen eingrenzen müssen, um sie verborgen zu halten“.

DM 41: Die Beschriftung auf dem Granatenbehälter, den der IS-Kämpfer in einem Video zeigt, weist ein deutsches Fabrikat nach. Ob es ein Fake ist oder wie, falls nicht, die Waffen in die Region kommen, ist unklar.

Foto: Screenshot Youtube

Der Großteil der Waffen der Extremisten kommt aus China (26 Prozent) und den USA (fast 19 Prozent). Einige klassische 5,56-Millimeter-Patronen etwa stammen nachweislich aus einer großen Munitionsfabrik in Missouri, der ATK Lake City Ammunition Division, und wurden zwischen 2005 und 2007 produziert.

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Die Miliz ist die Nachfolge-Organisation von al-Qaida im Irak, einer radikalen Widerstandsbewegung, die sich Gebiete im Westen des Landes einverleibte, nachdem die Amerikaner den Diktator Saddam Hussein gestürzt hatten, ohne das Machtvakuum zu füllen. Es handelt um einen Zusammenschluss von sunnitischen Dschihadisten, ehemaligen Anhängern von Saddam Hussein und von Stammesmitgliedern. Die Zahl der Kämpfer wird neuerdings auf rund 30.000 geschätzt. In ihrem Herrschaftsgebiet haben die Extremisten ein Verwaltungssystem aufgebaut, das jeden Aspekt des Alltags kontrolliert.
Die Terrormiliz hat Schätzungen zufolge rund ein Drittel des syrischen Staatsgebietes eingenommen. Dabei gelang es ihr, einen Korridor zwischen ihren westlichsten Eroberungen nahe Aleppo über nördliche Landstriche bis zu östlichen Landesteilen nahe der Grenze zum Irak zu schaffen.In der Provinz Aleppo stehen unter anderem die größeren Orte Manbidsch und Al-Bab unter ihrem Kommando, dort weht die schwarze Flagge der Miliz auf Regierungsgebäuden und großen Plätzen. Da die Terrormiliz auf beiden Seiten der syrisch-irkanischen Grenze nahtlos Gebiete kontrolliert, kann sie relativ leicht Kämpfer, Waffen und Güter zwischen beiden Ländern hin- und hertransportieren.Zuletzt stockt der Vormarsch des IS allerdings. Die Miliz verlor etwa die strategisch wichtige Stadt Tikrit, ebenso wie das über Monate umkämpfe Kobane an der türkischen Grenze.
Die IS erklärte Rakka, eine Stadt am Euphrat im Nordosten Syriens mit einer halben Million Einwohner, zur Hauptstadt ihres Kalifats und Sitz ihrer Machtzentrale. IS-Kämpfer aus aller Welt strömten dorthin, einige mit ihren Familien. Obwohl schon immer konservativ und unter großem Einfluss von Stämmen, war Rakka früher ein lebendiges und wirtschaftlich blühendes Zentrum.Heute patrouilliert rund um die Uhr die Sittenpolizei der IS – die sogenannte Hisba – durch die Straßen. Diese bewaffneten Kämpfer in langen Roben kontrollieren, ob ihre strenge Auslegung des Korans auch umgesetzt wird. Die IS hat Musik und Rauchen verboten. Frauen wurden von der Sittenpolizei angewiesen, sich zu verhüllen. Wer gegen die Scharia verstößt, läuft Gefahr, enthauptet oder ans Kreuz gehängt zu werden. Den Schulen der Stadt diktierte die Miliz kürzlich die Inhalte und strich Fächer wie Philosophie oder Chemie.
Seit Anfang 2014 führt die Miliz mit den gemäßigten und vom Westen unterstützten Rebellen in Syrien einen Zermürbungskrieg. Dabei stürmen IS-Kämpfer Außenposten der Rebellen und nehmen ihnen Ort für Ort durch Gewalt und Einschüchterung ab.Die Zahl der Kämpfer lässt sich nur schätzen. Fest steht jedoch, dass die Extremisten seit Beginn ihres Vormarsches im Irak Anfang Juni 2014 starken Zulauf bekommen haben. Der US-Geheimdienst CIA geht davon aus, dass die Gruppe in Syrien und im Irak zwischen 20.000 und 31.500 Kämpfer hat. Diese Zahl unterscheidet sich deutlich von den Angaben der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Sie schätzt die Zahl der IS-Kämpfer allein in Syrien auf rund 50.000, davon etwa 20.000 aus dem Ausland. Die Menschenrechtler stützen sich bei ihren Informationen auf ein Netz von Aktivisten in Syrien.
Die Terrormiliz hatte im bis Herbst 2014 faktisch alle größeren Ölfelder im Osten Syriens, darunter das landesweit größte namens Omar mit einer Förderkapazität von 75.000 Barrel pro Tag erobert. Der IS nahm die Produktion teilweise auf und finanzierte sich auch über den Verkauf von Rohöl unter Marktpreisen. Das geförderte Öl werde über Mittelsmänner an die Türkei und den Irak geliefert. Doch nach dem Verlust von Tikrit Anfang April 2015 hat die Terrororganisation auch mindestens drei Ölfelder verloren. Damit bleibt der Miliz im Irak nur noch ein einziges Ölfeld: Qayara mit einer Förderkapazität von gerade einmal 2000 Barrel am Tag. Das seien gerade noch fünf Prozent der zuvor vom IS innerhalb des Irak kontrollierten Menge.
Syriens Präsident hat vor kurzem die Luftangriffe auf IS-Hochburgen verstärken lassen. Die Regierung öffnete die Türen für eine mögliche Kooperation mit den USA im Kampf gegen IS, sie stellte aber zugleich klar, dass jeglicher Angriff mit Damaskus abgestimmt sein müsse. Für die US-Regierung ist dies allerdings ein Problem: Sie möchte nicht an Assads Seite erscheinen, zumal sie dessen Rücktritt seit Jahren verlangt. Unter der Hand machte das Assad-Regime lange sogar Geschäfte mit den Terroristen nach dem Motto: Strom gegen Öl.
Jedweder Luftschlag der USA in Syrien würde sich wahrscheinlich auf Gebiete nahe der Grenze zum Irak sowie militärische Ziele wie Trainingslager in Rakka konzentrieren. Dort verfügt Assad kaum über Luftabwehr.In jedem Fall werden sich Luftangriffe schwieriger gestalten als im Irak: Dort segnet Bagdad das Vorgehen ab, zudem verlaufen die Frontlinien deutlicher. In Syrien hingegen gibt es auf engem Raum verschiedene Fraktionen, zu denen neben IS auch der al-Qaida-Ableger Nusra-Front, die vom Westen unterstützten Rebellen der Freien Syrischen Armee und die Regierungstruppen gehören. Während die gemäßigten Rebellen US-Luftschläge fordern, lehnen die extremeren Kämpfer ein Engagement der USA ab.

Es sind laut Bericht Waffen, mit denen die USA die irakischen Sicherheitskräfte nach dem Einmarsch 2003 ausgestattet hat, die sie aber nicht halten konnten. Russische Waffen, die ebenfalls in IS-Hände gelangten, stammen demnach aus Beständen des syrischen Regimes – Russland steht treu an der Seite des quasi-kommunistischen Baath-Regimes von Bashar al-Assad.

Da einige Waffen erst 2013 produziert wurden, ist eine sehr kurze Kette von Besitzern wahrscheinlich. In der Stichprobe befinden sich auch Patronen des russischen Fabrikats „WOLF“, das von der amerikanischen Firma Sporting Supplies International unter der eigenen Marke weiterverkauft wird.

Ein kleiner Anteil der Munition stammt außerdem aus dem Iran, teils erst 2013 produziert. Ein weiterer Anteil aus dem Sudan. Aus Sicht der Analysten zeige dass die wachsende Rolle, die der Sudan als Waffenproduzent einnehme – und sämtliche Parteien in Konflikten nicht nur in Afrika, sondern auch im Nahen Osten ausstatte.

Dass mehr als ein Viertel der Waffen ursprünglich aus China stammt, ist laut den Autoren keine Überraschung. „China ist ein großer Anbieter“ von Munition auf Militär-Niveau, sagte Bevan. Auch in diesem Fall ist es wahrscheinlich, dass die Waffen zuerst dem syrischen Militär gehörten und schließlich durch Eroberungen und Schwarzmarktverkäufe an den IS gingen. Generell seien Chinas Waffenexporte „in keiner Art und Weise irgendwie transparent“.

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Die Daten sind eine implizite Warnung an politische Entscheidungsträger und Befürworter von militärischen Interventionen. Der Bericht legt die Vermutung nahe, dass Munition, die einst nach Syrien und in den Irak zur Stabilisierung von Regierungen geliefert wurde, zu den Dschihadisten gewandert ist und nun dabei hilft, den Aufstieg und die anhaltende Kampfkraft der Extremisten zu sichern.

Dass Waffenlieferungen an regionale Partner letztlich in in falsche Hände gerieten, würde massiv erhöht „durch schlecht motivierte Sicherheitskräfte“, die vor ihren Aufgaben nicht gewachsen seien. Darauf weise der hohe Anteil von US-Fabrikaten hin.

„Die Lektion, die wir daraus lernen, ist, dass die Sicherheitskräfte, denen die Munition von anderen Nationen geliefert wurde, nicht wirklich nicht in der Lage sind, diese Waffen zu halten", sagt James Bevan, Direktor der des Conflict Armament Researchs der New York Times.

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