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Kobane und der Kampf gegen den ISWenn die letzte Bastion fällt

Kobane ist mehr als eine Stadt an der türkisch-syrischen Grenze. Es ist ein Symbol. Hier entscheidet sich die Zukunft der ganzen Region. Wie lange wird die Welt den Taten der Terrormiliz IS noch zusehen?Désirée Linde 08.10.2014 - 17:22 Uhr aktualisiert Artikel anhören

Detonierende Bomben, graue Rauchsäulen, Artilleriefeuer: Der Kampf um Kobane zwischen den mit Luftschlägen unterstützen Kurden und der Miliz spitzt sich zu.

Foto: Reuters

Das Artillerie-Feuer und die explodierenden Bomben der erbitterten Straßenschlachten sind bis in die Türkei zu hören. Hinter den Grenzzäunen müssen die syrischen Flüchtlinge den drohenden Fall von Kobane mit ansehen. Die Welt blickt auf die Stadt in der syrischen Tiefebene, nur einen Steinwurf von der Türkei entfernt. Aus den weißen, meist unverputzten Betonbauten steigen Rauchsäulen in den blauen Himmel auf. Im Osten der Stadt kontrollieren die Kämpfer der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) mindestens drei Stadtteile.

Auf einigen Gebäuden sowie einem Hügel außerhalb weht schon die schwarze Flagge der Extremisten. Noch halten die Kurden das Zentrum, melden sogar am Mittwoch zwischenzeitlich, der IS sei zurückgedrängt. Für den Moment scheint der Vormarsch der Islamisten gestoppt, später am Tage heißt es, die Islamisten seien wieder in der Offensive. Fällt die Stadt in die Hände der Terrormiliz, fürchten Hilfsorganisationen und Beobachter, droht ein Massaker an den verbliebenen einigen tausend Einwohnern und kurdischen Kämpfern.

Doch zwischen Kämpfer und Zivilist ist die Grenze in Kobane längst fließend. Augenzeugen, die in Scharen auf die türkische Seite fliehen, berichten, dass selbst junge, kampfunerprobte Frauen in den Krieg gegen den IS ziehen. Sie werden mit Handgranaten ausgestattet und an die Frontlinie geschickt – eine Linie, die sich seit Wochen immer enger von drei Seiten um die einst 100.000-Einwohner-Stadt im Norden Syriens schließt.

So viel kostet ein Terroranschlag
... ... für Anschläge von Terrororganisationen sind schwierig zu bestimmen, wurden jedoch gerade als Folge von 9/11 von den Ermittlungsbehörden taxiert.
... haben demnach die Anschläge vom 11. September gekostet. Es ist die höchste Summe, die soweit bekannt, jemals für einen Terrorangriff ausgegeben wurde. Bereitgestellt wurde das Geld durch Überweisungen.
... aus Sicht der Islamisten ist dabei gerade nach 9/11 perfekt aufgegangen. Den 500.000 investierten Dollars stehen direkte Kosten des Sachschadens 15,5 Milliarden US-Dollar gegenüber plus weitere Milliarden Belastungen der Haushalte durch den „Kampf gegen den Terror“ und gesamtwirtschaftliche Kosten, etwa für Fluglinien und Versicherungen.
... mit mehr als 200 Todesopfern im Oktober 2002 kosteten die Terroristen deutlich weniger. So wird die Summe, die dafür aufgewendet wurde, mit 50.000 Dollar taxiert.
... vom 11. März 2004 auf Nahverkehrszüge, bei denen 192 Menschen starben, werden mit maximal 15.000 Dollar angegeben.
... für die Islamisten verursachten die Anschläge auf die U-Bahn in London im Juli 2005 mit mehr als 30 Toten zur Rushhour am 7. Juli 2005. Die vier Bomben, vier Rucksäcke, Handys und Zugtickets kosteten die Terroristen höchstens 2000 Dollar.
... des Terrors macht es so schwierig, die Finanzströme mit den üblichen Kontrollen aufzudecken und zu stoppen. Das zentrale Mittel dieser Organisationen sind die selbstmordbereiten Attentäter, für deren individuellen und kollektiven Deradikalisierung aus Sicht von Experten zu wenig getan wird.
German Institute of Global and Area Studies/Konrad-Adenauer-Stiftung/eigene Recherche

Weil der IS den Kurden militärisch haushoch überlegen ist, kämpfen die Einwohner von Kobane mit dem Mut der Verzweiflung und mit einfachsten Waffen gegen die Panzer und Mörser des IS um ihre Stadt. Nun droht ihnen die schwere Munition auszugehen. Fällt Kobane jedoch, wäre das fatal – nicht nur für die Kurden und die Türkei, sondern für die gesamte Weltgemeinschaft. Denn sollte der IS Kobane einnehmen, würde der Westen der Terrororganisation eine Macht zugestehen, die einen Großflächenbrand auslösen könnte.

Krise im Nahen Osten

Die Ökonomie des Terrors

Seit einem Jahr versucht die Terrormiliz bereits den Ort einzunehmen. Nach Angaben der syrischen Menschenrechtsbeobachter wurden seit Beginn der IS-Offensive vor drei Wochen mehr als 400 Menschen getötet. „Kobane ist dabei zu fallen“, sagte auch der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan vor syrischen Flüchtlingen. Ähnlich äußerste sich das Weiße Haus in Washington. Die USA haben die Stadt offenbar bereits aufgegeben.

Siegesgewiss den Finger in die Luft gereckt: Ein Kämpfer der IS-Miliz im Umland der Stadt Kobane.

Foto: Reuters
Die einflussreichsten Rebellengruppen in Syrien
Sie ist ein Zusammenschluss aus sechs großen islamistischen Gruppen. Die Islamische Front ist vermutlich die größte Rebellenallianz in Syrien und verfügt über 40.000 bis 50.000 Kämpfer. Ihre Mitglieder sind sunnitische Extremisten, die einen islamischen Staat in Syrien errichten wollen. Die Haltung der Islamischen Front gegenüber den Extremisten von IS ist ambivalent. Teile der Gruppe unterstützen aber den Kampf gegen sie.
In der einflussreichen Rebellengruppe sind sowohl syrische als auch ausländische Extremisten aktiv. Sie ist von Al-Kaida offiziell als Ableger in Syrien anerkannt. Die Nusra-Front hat als erste Gruppierung in Syrien Selbstmord- und Autobombenanschläge in Stadtgebieten verübt. Sie kämpft für einen islamischen Staat, hat zwischen 7000 und 8000 Anhänger und arbeitete bislang eng mit der Islamischen Front zusammen.
Die Gruppe wurde von abtrünnigen Mitgliedern der Nusra-Front gebildet und vereinigte sich mit dem Al-Kaida-Ableger im Irak. Früher nannte sie sich Islamischer Staat im Irak und der Levante (Isil). Angeführt wird IS von Abu Bakr al-Baghdadi, der die Forderung der Al-Kaida ignorierte, den Schwerpunkt der Aktivitäten auf den Irak zu legen. Anfang des Jahres kappte Al-Kaida die Verbindungen zur IS, die als die militanteste Extremistengruppen in Syrien gilt.Zunächst hatte die Gruppierung unter anderem wegen ihrer strikten Haltung gegen Plünderungen einen Großteil der syrischen Bevölkerung auf ihrer Seite. Dies änderte sich, als sie begann, Kritiker zu entführen und zu töten.Derzeit kämpft IS an mehreren Fronten - gegen rivalisierende Rebellen in Syrien und gegen die Kurden im Nordirak. Die Gruppe soll über 6000 bis 7000 Kämpfer verfügen. Im Irak wird sie durch Zehntausende Kämpfer sunnitischer Stämme unterstützt, die von der Zentralregierung in Bagdad enttäuscht sind.
Die Allianz aus weitgehend nicht ideologisch geprägten Rebellen-Einheiten formierte sich im Dezember. Das Rückgrat der Gruppe bildet die Syrische Märtyrer-Brigade, eine einst einflussreiche Gruppe aus der nördlichen Provinz Idlib unter Führung von Dschamal Maruf. Ihm war von rivalisierenden Rebellengruppen vorgeworfen worden, für den Aufstand bestimmtes Geld in die eigene Tasche gesteckt zu haben. Die Anhänger der revolutionären Front sind weitgehend moderate Islamisten. Finanziell unterstützt wird die Gruppe vermutlich von Golfstaaten wie Saudi-Arabien.
Sie bildete sich zu Jahresbeginn aus acht syrischen Gruppen und startete eine Offensive gegen die Extremisten von IS. Die Allianz ist moderat islamistisch und hat nach eigenen Angaben rund 5000 Mitglieder.
Es handelt sich um eine moderate, nicht ideologische Gruppe. Sie wird von westlichen Ländern wie den USA unterstützt. Auch die Türkei und die arabischen Golfstaaten stehen auf ihrer Seite. Sie hat niemals den Eindruck ausräumen können, dass ihre Führung aus dem Ausland kommt.

Die Grenzstadt ist für die Extremistenmiliz von großer strategischer Bedeutung. Kobane, oder arabisch Ain al-Arab (Quelle der Araber), ist sowohl der Name der Stadt als auch des mittleren von dreien von Kurden autonom verwalteten Kantons entlang der knapp 900 Kilometer langen Grenze von Syrien und der Türkei.

Nimmt der IS die Stadt ein, würden die Kämpfer einen zusammenhängenden Streifen über mehr als 100 Kilometer und damit den gesamten Mittelteil der türkisch-syrischen Grenzregion kontrollieren, gemeinsam mit Rakka als ihre inoffizielle Hauptstadt.

Das Grenzgebiet im Westen ist bereits weitgehend in der Hand der Islamisten, im Osten Richtung Irak gibt es ebenfalls nur noch eine kleine von der Freien Syrischen Armee (FSA) kontrollierte Enklave sowie einen weiteren deutlich kleineren kurdischen Kanton.

Eingreifen nicht gegen den IS, aber gegen die eigenen Kurden: Das türkische Militär an der Grenze bei Kobane schaut bislang nur zu.

Foto: Reuters

Der IS könnte sich damit „praktisch aussuchen, ob er weiter Richtung Westen expandiert oder nach Osten“, sagt Günter Seufert, Türkei-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik. Im Westen – syrisches Gebiet – würden die Kämpfer auf deutlich weniger Gegenwehr stoßen.

Kobane ist die letzte Bastion in dieser Enklave, die bisher von den kurdischen Volksschutzeinheiten (PYG) kontrolliert wurde. IS-Dschihadisten haben dort seit September mehr als 300 Dörfer eingenommen und Hunderttausende Bewohner vertrieben.

Ölraffinerien, Boden- oder historische Schätze gibt es in Kobane nicht. Das erklärt auch, warum die USA Kobane aufgegeben haben. Das primäre Ziel sei nicht, syrische Städte zu retten, sondern die Führungs- und Infrastruktur des IS besonders im Irak zu zerstören, so dass es ihm schwerer falle, überhaupt militärisch zu operieren, berichtet CNN unter Bezug auf US-Offizielle.

Die Kurden im Irakkonflikt
Von den fast 33 Millionen Einwohnern des Iraks sind rund 15 bis 20 Prozent Kurden. Sie stellen neben den arabischen Schiiten und Sunniten die dritte große Volksgruppe im Land. Die meisten Kurden leben im Norden des Landes, wo sie in ihrer Autonomieregion große Unabhängigkeit genießen. Dort haben sie ein eigenes Parlament und eine eigene Regierung.
Während die Sicherheitslage im restlichen Teil des Iraks seit Jahren äußerst schwierig ist, galten die kurdischen Autonomiegebiete bisher als Insel der Stabilität. Die kurdische Hauptstadt Erbil erlebt seit Jahren einen Bauboom. Viele ausländische Firmen nutzen Erbil, um Geschäfte im Irak zu machen.
Nach ihrem Vormarsch ist die Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) zuletzt jedoch näher an die Autonomiegebiete herangerückt. IS-Extremisten vertrieben kurdische Einheiten nördlich und westlich der Stadt Mossul. Die betroffenen Gebiete gehören zwar nicht zur kurdischen Autonomieregion, werden aber von den Kurden beansprucht. Als die irakischen Truppen nach Beginn des IS-Vormarsches Anfang Juni flohen, übernahmen dort zunächst die kurdischen Peschmerga die Kontrolle.
Die Kurden wollen die verlorenen Gebiete zurückerobern und erhalten dafür Waffen von den USA. Unterstützt werden sie auch von Kämpfern der verbotenen türkischen PKK und deren syrischen Ableger.
In der irakischen Machtverteilung steht den Kurden der Posten des Staatschefs zu. Zuletzt trieb der Präsident der Autonomiegebiete, Massud Barsani, jedoch die Unabhängigkeit voran, ein alter Traum der Kurden. Im Machtkampf in Bagdad gehört Barsani zu den schärfsten Kritikern des bisherigen Regierungschefs Nuri al-Maliki.

Quellen: dpa, Google, BBC, Times, t-online.de

Foto: Handelsblatt

Das könnte allerdings laut Seufert eine fatale Fehleinschätzung sein. Denn mit der Einnahme von Kobane könnte IS weiter nach Osten vorrücken, Richtung der nordsyrischen Provinz Hassake, wo ein Großteil der bislang kurdisch verwalteten Ölreserven gefördert wird. „Insofern hat Kobane selbst sehr wohl eine große wirtschaftliche Bedeutung“, sagt Seufert.

Psychologisch hat die Stadt sogar einen ungleich höheren Stellenwert. Mit der Einnahme der Stadt könnte die Miliz die Scharte auswetzen, den sie durch die Niederlage gegen die Peschmerga-Kurden im Sinshar-Gebirge erlitten hat. Kobanes Fall würde auch die mangelnde Schlagkraft der US-geführten Luftangriffe gegen die Miliz offenbaren.

„Es wäre ein riesiger moralischer Sieg für den IS“, sagt Seufert. Die USA wäre genau an dem Ziel gescheitert, das sie eigentlich in den Krieg ziehen ließ: den Schutz von Minderheiten vor Völkermord. „Was im Sinshar-Gebirge verhindert wurde, könnte der IS in Kobane doch durchsetzen“, befürchtet Seufert.

Der IS würde laut Seufert wieder als Bewegung erscheinen, die militärisch nicht zu stoppen ist. Die Weltgemeinschaft würde einen Steinwurf entfernt von Nato-Gebiet mit ansehen (müssen), wie der IS, so fürchten mehrere syrische Menschenrechtsgruppen, „unmenschliche Praktiken und Maßnahmen“ durchführten, die „eine eindeutige Form der Verfolgung und ethnischen Säuberung angenommen“ haben.

Mit einem dramatischen Appell rufen die sieben Gruppen, wie die Kurdische Organisation für Menschenrechte und die Menschenrechtsorganisation in Syrien, daher die internationale Gemeinschaft zum Schutz der Stadt auf. Bisher wurden durch die Kämpfe um Kobane fast 280.000 Menschen vertrieben.

Die syrische Kurden-Partei Partiya Yekitîya Demokrat (PYD) bittet seit Wochen um mehr Unterstützung der Allianz. Die Angriffe konnten das Voranrücken des IS bislang nicht wesentlich stoppen – zu wenig, zu spät, kritisieren die Kurden. „Jeder sagt „wir stehen Euch bei““, sagte der Ko-Präsident der PYD, Salih Muslim, der türkischen Zeitung „Hürriyet Daily News". Kein Land unternehme dafür aber konkrete Schritte. „Wir wollen panzerbrechende Waffen“, sagt er.

Für die Kurden wäre der Fall der Stadt auch auf anderer Ebene ein Desaster: Denn Kobane symbolisiert ihre Zukunft im Nahen Osten. Dort wird zum Teil ein stark auf direkte Demokratie und Partizipation gerichtetes Gesellschaftsmodell zum Zusammenleben verschiedener Ethnien und Konfessionen erprobt, das der Führer der türkischen Kurden, Abdullah Öcalan, als Teil des Friedensprozesses mit der Türkei ins Leben gerufen hatte.

„Für die türkischen Kurden, vor allem die Anhänger der Arbeiterpartei Kurdistans, die PKK, ist Kobane von großer symbolischer Bedeutung als der Ort, wo zum ersten Mal das Gesellschaftsmodell ihres politischen Führers verwirklicht worden ist“, sagt Seufert.

So erklären sich auch die massiven Proteste der Kurden auf türkischer Seite, bei denen bereits mindestens 14 Menschen um Leben kamen, auch in Deutschland gehen die Kurden auf die Straße. Denn die Türkei hat zwar an der Grenze schweres Kriegsgerät aufgefahren, sich vom Parlament das Mandat absegnen lassen, militärisch in Syrien und dem Irak einzugreifen, rührt sich bislang aber noch nicht. Namentlich genannt werden in dem Beschlusstext indes nur die PKK und das Assad-Regime als Bedrohung – nicht jedoch der IS.

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Selbst humanitäre Hilfe lässt Ankara kaum über die Grenze. Die türkische Regierung macht laut Seufert die Erlaubnis für den Transport von Hilfsgütern und Helfern davon abhängig, dass die Kurden nicht nur den IS bekämpfen, sondern gleichzeitig auch das Assad-Regime.

Auch für die Türkei hätte der Fall Kobanes deshalb schwerwiegende Konsequenzen: Die kurdische Bevölkerung in der Türkei würde damit laut Seufert das Ende des Friedensprozesses in der Türkei verbinden. Denn die türkischen Kurden zögen keine Grenze zwischen sich und den syrischen Kurden.

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