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Hartz IV im Selbstversuch7,45 Euro – genug zum Leben?

Kann man von Hartz IV leben? Wie verändert sich der Alltag? Verhungern muss man nicht. Und man braucht Freunde, die einen aushalten. Doch wenn etwas Unvorhergesehenes passiert, wird es eng. Ein Selbstversuch.Maike Freund 24.01.2015 - 08:23 Uhr Artikel anhören

Wie viel Geld braucht man zum Leben? Reicht der Hartz IV-Satz?

Foto: Imago

Düsseldorf. Hunger. Ich weiß es noch nicht, aber es ist vor allem dieses Gefühl, das mich in den kommenden beiden Wochen begleiten wird. Und der ständige Drang, mich entschuldigen zu müssen. Nein, ich kann nicht Mittagessen gehen. Nein, ich hole keinen Kaffee unten im Café. Nein, heute Abend kann ich nicht ausgehen. Morgen auch nicht. Ich habe kein Geld.

Zwei Wochen lang soll ich vom Hartz IV-Satz leben, so der Auftrag der Redaktion. Der Grund: Die Arbeitsmarktreform ist gerade zehn Jahre alt geworden. Und noch immer wird darüber diskutiert. Vor allem über die Leistungen. Reicht der Satz zum Leben? Ja, klar. Irgendwie. Aber wie genau, haben wir uns gefragt.

12,61 Euro am Tag. Das ist der Betrag, mit dem ich für die kommenden zwei Wochen auskommen muss. Der Regelsatz für einen Alleinstehenden liegt bei 391 Euro, ab Januar sind es 399 Euro. Ziehe ich meine Stromkosten anteilig ab, die das Amt im Ernstfall nicht übernehmen würde, sowie meine Handy- und Internet- und Versicherungskosten bleiben für 14 Tage 8,74 Euro pro Tag.

Die Historie der Hartz-Reformen
Am 22. Februar 2002 wurde durch die Bundesregierung unter Gerhard Schröder eine Kommission mit dem Namen „Kommission für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt“ – kurz „Hartz-Kommission“ – eingesetzt. Sie gilt als Startschuss für die späteren Hartz-Reformen.
Peter Hartz ist ein ehemaliger deutscher Manager, der die „Hartz-Kommission“ leitete. Er war bis Juli 2005 der Personalvorstand und Vorstandsmitglied der Volkswagen AG. Nach ihm wurden die Arbeitsmarktreformen benannt.
Die Vorschläge der Kommission wurden in vier Phasen (Hartz I bis IV) umgesetzt und traten zwischen dem 1. Januar 2003 und dem 1. Februar 2006 in Kraft.
Das Ziel der Kommission war es, die Arbeitslosenzahl von damals offiziell vier Millionen innerhalb von vier Jahren zu halbieren. Die Kommission legte im August 2002 einen Bericht vor.
Hartz I beinhaltet einen Gleichstellungsgrundsatz: Leiharbeitnehmer müssen demnach zu denselben Bedingungen wie Stammarbeitnehmer des entleihenden Unternehmens beschäftigt werden. Im Klartext: Gleiche Arbeitszeit, gleiches Arbeitsentgelt und gleiche Urlaubsansprüche.
Hartz II regelt geringfügige Beschäftigungsverhältnisse: Als geringfügig Beschäftigter gilt, wer monatlich bis zu 400 Euro verdient. Der Beitragssatz zur Krankenkasse wird von zehn auf elf Prozent des Bruttolohnes erhöht und der Arbeitgeber zahlt eine pauschale Steuer in Höhe von zwei Prozent des Bruttolohnes.
Das „Dritte Gesetz für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt vom 23. Dezember 2003“ organisierte die Restrukturierung und der Umbau der Bundesanstalt für Arbeit (Arbeitsamt) in die Bundesagentur für Arbeit (Agentur für Arbeit). Die Kommission erhoffte sich davon eine Effizienzsteigerung.
Ab dem 1. Januar 2005 wurde die Zusammenlegung von Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe für Erwerbsfähige vollzogen. Das Einkommen wurde auf ein Niveau unterhalb der bis dahin geltenden Sozialhilfe festgelegt.
Das ehrgeizige Ziel des Hartz-Konzepts, die Arbeitslosigkeit in Deutschland auf zwei Millionen Arbeitslose zu senken, wurde nicht erreicht. Gewerkschaften kritisieren die hohen Kürzungen für Hartz-IV-Empfänger.
Der Gegenseite gehen die Kürzungen für Hartz-IV-Empfänger nicht weit genug: Sie sehen in der Bundesrepublik eine übermäßige Erwartungshaltung der Menschen an den Staat als Versorger.

Natürlich ist das nicht die Realität eines Betroffenen. Der Satz wird im Ernstfall auch abzüglich Vermögen berechnet. Ein Betroffener sollte auch noch etwas zurücklegen. Und das Budget ist inklusive aller nötigen Anschaffungen wie Elektrogeräte oder Kleidung.

Würde ich Hartz IV bekommen, wäre meine Wohnung viel zu teuer und zu groß. Für eine Einzelperson darf die Wohnung 407 Euro kosten, inklusive Nebenkosten. Die Heizkosten kommen auf den Betrag drauf. Maximal 50 Quadratmeter darf die Wohnung haben. Für Personen, die neu in das ALG II-System eintreten, so wie in diesem Fall ich, werden höhere Kosten übernommen: 448 Euro plus Heizkosten. Meine Wohnung kostet 120 Euro mehr. Wäre der Ernstfall eingetreten, müsste ich sofort ausziehen. Oder hätte schon viel früher reagieren müssen. Denn so blieben mir nur 7,45 Euro. Für mich ist klar, wäre ich arbeitslos, würde ich als erstes die Kosten senken.

Die wichtigsten Infos zum Hartz IV
Menschen ohne Job wieder in Arbeit zu bringen.
Langzeitarbeitslose fördern und fordern. Kritiker sagen, das Fördern komme zu kurz.
Als Grundsicherungsleistung erhalten Langzeitarbeitslose das Arbeitslosengeld II, besser bekannt als Hartz IV. Dieses liegt derzeit für einen Single bei 416 Euro im Monat, plus Miete und Heizkosten.
Wer Hartz IV in Anspruch nimmt, muss jeden zumutbaren Job annehmen. Auch wenn dieser schlecht bezahlt ist. Wer sich verweigert oder Termine im Jobcenter schwänzt, riskiert Leistungskürzungen. Seit Anfang 2015 der gesetzliche Mindestlohn von 8,50 Euro in Kraft trat, profitierten Langzeitarbeitslose, die eine Stelle fanden, davon nur bedingt: Erst nach sechs Monaten hatten sie Anspruch auf Mindestlohn.
Hartz IV ist eine Bedarfsleistung. Das heißt: Nur wer bedürftig ist, bekommt sie. Einkommen oder eigenes Vermögen werden angerechnet. Bei einem Hinzuverdienst beträgt die Freigrenze 100 Euro im Monat.
Wer Vollzeit arbeitet, aber so wenig verdient, dass er damit seinen Lebensunterhalt und den der Familie nicht sichern kann, hat auch Anspruch auf Hartz IV: Dies sind die sogenannten Aufstocker.
Im Jahr 2018 empfingen circa 4,26 Millionen Menschen Arbeitslosengeld II.

Egal, wie niedrig der Satz ist: Für mich wird nach den zwei Wochen alles wie immer sein. Ich kann mit Freunden etwas Trinken gehen, ohne groß darüber nachzudenken, ob mein Konto das her gibt. Sollte meine Waschmaschine kaputt gehen, muss ich mir eben eine neue kaufen, auch wenn mir das auch nicht so leicht von der Hand gehen würden. Bei Schuhen oder einer Winterjacke würde ich nicht lange überlegen. Außerdem habe ich Arbeit, mein Tag ist ausgefüllt. Dass ich von heute auf morgen auf Hartz IV angewiesen sein sollte, ist unwahrscheinlich.

Das Wissen, dass diese Situation wieder vorbei geht, dass sie gewollt herbeigeführt wurde, ist eine völlig andere, als aus welchem Grund auch immer auf Hartz IV angewiesen zu sein. Was sie mit Menschen macht, bei denen kein Ende in Sicht ist, kann ich nur erahnen.

Aber Britta weiß es. Sie ist eine von 4,3 Millionen Hartz-IV-Empfängern in Deutschland. Sie würde gerne arbeiten, sagt sie. Aber sie findet nichts. Eigentlich ist die 55-Jährige Verkäuferin. Vor vier Jahren verlor sie ihren Job. Bewerbung um Bewerbung hat sie seitdem verschickt. Muss sie auch, es ist eine der Auflagen des Jobcenters. Doch meist bekommt sie nicht mal eine Absage.

Sie vermutet, dass ihr Qualifikationen fehlen, dass sie zu lange raus ist, dass sie zu alt ist. Dabei wäre sie dankbar, wenn sie endlich wieder eine Aufgabe hätte. Sie sagt, das sei das Schlimmste – sich überflüssig fühlen.

Wer nicht vom Mindestlohn profitiert
Der flächendeckende gesetzliche Mindestlohn von 8,50 Euro gilt seit dem 1. Januar 2015 Kraft und gilt grundsätzlich für alle Branchen und Regionen - in Ost und West gleichermaßen. Sind in einzelnen Branchen aber Vereinbarungen getroffen worden, die unterhalb der 8,50 Euro liegen, können diese noch bis Ende 2016 fortbestehen.
Ausgenommen vom Mindestlohn werden unter 18-Jährige. Durch die Altersgrenze soll vermieden werden, dass sich junge Leute einen Job suchen anstatt eine - in der Regel schlechter bezahlte - Ausbildung zu absolvieren.
Wer nach mindestens zwölfmonatiger Arbeitslosigkeit einen neuen Job bekommt, hat in den ersten sechs Monaten keinen Anspruch auf den Mindestlohn. Damit soll der Anreiz für Arbeitgeber erhöht werden, Erwerbslose einzustellen. Die Bundesregierung will aber überprüfen, ob diese Ausnahme die Beschäftigungschancen von Langzeitarbeitslosen tatsächlich erhöht.
Nicht gelten soll der Mindestlohn auch für ehrenamtlich Tätige sowie Praktikanten, die im Rahmen einer Aus- oder Weiterbildung ein Pflichtpraktikum absolvieren. Auch wer ein freiwilliges Praktikum zur beruflichen Orientierung macht, das nicht länger als drei Monate dauert, hat keinen Anspruch auf Mindestlohn.
Bei den Saisonarbeitern in der Landwirtschaft sollen die Arbeitgeber die Kosten für Unterkunft und Verpflegung von Saisonarbeitern auf den Mindestlohn anrechnen können. Zudem soll die Grenze für eine sozialabgabenfreie Beschäftigung von 50 auf 70 Tage angehoben werden. Für Zeitungsausträger soll es eine dreijährige Übergangszeit geben: 2015 darf der Mindestlohn um 25 Prozent unterschritten werden, 2016 noch um 15 Prozent. 2017 soll dann der Mindestlohn von 8,50 Euro gelten - auch wenn dann in den anderen Branchen bereits ein höherer Betrag gelten sollte.
Der Zoll und andere Behörden können in den Unternehmen kontrollieren, ob tatsächlich der Mindestlohn gezahlt wird. Die Behörden dürfen dafür auch Arbeitsverträge oder Geschäftsunterlagen einsehen. Dafür soll das Personal der Zollverwaltung aufgestockt werden, Berichten zufolge um 1600 Mitarbeiter. Arbeitgebern, die gegen das Mindestlohngesetz verstoßen, droht ein Bußgeld.
Über die künftige Höhe soll eine Kommission entscheiden, der neben dem Vorsitzenden sechs weitere stimmberechtigte Mitglieder angehören - je drei von Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Das Gremium soll bis Mitte 2016 über eine etwaige Erhöhung zum 1. Januar 2017 entscheiden. Die Koalition nahm hier in letzter Minute eine Korrektur vor, zunächst war die Anhebung erst für 2018 geplant. Entsprechend der Forderung von Arbeitgebern und Gewerkschaften soll die Kommission alle zwei Jahre über eine Anhebung entscheiden - ursprünglich war dies jährlich geplant.
Künftig soll es leichter sein, den Tarifvertrag für eine Branche für allgemeinverbindlich zu erklären. Voraussetzung wird nur noch sein, dass die Sozialpartner und Spitzenverbände dies für erforderlich halten und es im öffentlichen Interesse liegt. Bislang galt, dass in der jeweiligen Branche für mindestens die Hälfte der Beschäftigten eine Tarifbindung besteht - das heißt, dass die jeweiligen Firmen einem Arbeitgeberverband angehören.

Die Einsamkeit sei das Zweitschlimmste, sagt Britta. Die fehlenden sozialen Kontakte. Ein Leben im Abseits zu führen. Fast immer sei sie Zuhause. Wo solle sie auch hin, mit ein paar Euro in der Tasche? Womit sich die Zeit vertreiben? Das Radio laufe den ganzen Tag. Nicht immer würde sie zuhören. Aber so sei es wenigstens nicht so still in der Wohnung.

Sie ist dankbar, dass es Hartz IV gibt. Doch mit dem Geld auszukommen sei schwer. Auch deshalb, weil sie noch Schulden zurück zahlen muss. Frisches Obst oder Gemüse kann sie sich nur selten leisten. Also geht sie zur Düsseldorfer Tafel. Sie schämt sich dafür. Aber hier bekommt sie nicht nur Lebensmittel, sondern kann auch mal ein paar Worte mit jemandem wechseln.

Für mich übernehmen Freunde und Kollegen die Aufgabe der Düsseldorfer Tafel, wenigstens zum Teil. Und ich stelle meine Essgewohnheiten um. Auf Brot und Nudeln. Nudeln und Brot. Merke, dass ich den Kauf von Dingen, die ich eigentlich brauche, aufschiebe – Waschmittel zum Beispiel, oder Shampoo. Ich nehme stattdessen die Proben im Drogeriemarkt mit, ohne dort etwas zu kaufen. Ein bisschen schäme ich mich deshalb. Und trotzdem, ich schummle. Denn ich weiß ja, in zwei Wochen kann ich alles wieder bedenkenlos kaufen.

Eine Packung Nudeln, ein Brot, Aufschnitt, Milch, Eier. Mein Tageseinkauf im Discounter liegt bei 5,45 Euro. Das Brot wird vielleicht für zwei Tage reichen. Deshalb leiste ich mir noch frische Mandarinen. Doch mein leeres Portemonnaie wiegt schwer, weil Weihnachten vor der Tür steht. Wie ich von dem Geld, das ich noch habe, Geschenke machen soll, weiß ich nicht.

Ich treffe mich mit Petra Jungen. Sie betreut schon viele Jahre im Arbeitslosenzentrum Düsseldorf Hartz IV-Empfänger bei praktischen Problemen: Schreiben vom und ans Jobcenter, Anträge, Tipps, wie man mit dem Geld auskommen kann. Denn dafür ist die Arbeitsagentur nicht zuständig.

Die Hilfe von Petra Jungen und ihren Kollegen ist freiwillig. Und sie hat jede Geschichte schon einmal gehört. Die Überforderung der Hilfesuchenden bei der Amtssprache der Jobcenter. Die beklemmenden Situationen derjenigen, die seit Jahren Bewerbungen schreiben – ohne Erfolg. Von Depressionen und Perspektivlosigkeit. Von Sanktionen und Überforderung.

4500 Betroffene beraten Jungen und ihre Kollegen pro Jahr. Sie sind im Schnitt 45 Jahre alt, viele sind ausländischer Herkunft. Häufig muss Jungen erst einmal psychologische Hilfe leisten, bevor es um sachliche Hilfestellung gehen kann. Denn viele haben Wut im Bauch. Sie fühlen sich „angemacht“, wenn wieder einer der Briefe in Amtssprache kommt. „Ich bin doch kein Verbrecher“, hat sie schon häufig zu hören bekommen. Dann springt sie ein, beruhigt, erklärt – und hilft dann bei der Formulierung der Antwort.

Ich will wissen: Wie kann ich von meinem Hartz IV-Satz leben? Sie sagt: „Das Geld reicht, um nicht zu verhungern, aber etwas Unvorhergesehenes darf nicht passieren.“

Die Wochenenden sind das schlimmste. Ich kann nicht ausgehen, nicht Kaffeetrinken, ins Kino oder in die Kneipe. Stattdessen gehe ich spazieren. Aber auch das birgt nur Verlockungen. Denn an jeder Ecke gibt es Dinge, die ich plötzlich kaufen will. Also gehe ich nach Hause. Einen Arbeitslosen-Pass habe ich natürlich für die zwei Wochen nicht. Wäre ich betroffen, könnte ich einen beantragen. Dann gäbe es Vergünstigungen, zum Beispiel beim Tanzhaus NRW oder in der Tonhalle, der Düsseldorfer Philharmonie. Doch wie ich mir das – trotz Rabatt – leisten sollte, kann ich nicht nachvollziehen.

Der Freitag beginnt ätzend. Denn ich habe meine Brote vergessen. Mittags treffen wir uns mit Ressortkollegen zu einem Meeting. Vielleicht wird es das letzte Mal sein, dass wir so zusammenkommen. Ich will nicht ungemütlich sein und ich habe Hunger. Schon wieder.

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Ich rechne im Kopf, aber egal wie ich die Preise auf der Speisekarte drehe, das Essen inklusive Getränk wir mein Tagesbudget sprengen. Sagen will ich nichts. Die Kollegen haben mich sowieso schon durchgefüttert. Als alle bestellen, denke ich: „Scheiß drauf“ und bestelle ebenfalls.

Nach den zwei Wochen bringe ich erst einmal allen Kollegen, die mich zwei Wochen durchgefüttert haben, Kaffee vom Verlagscafé mit. Das allein sprengt schon das Tagesbudget der vergangenen Wochen. Es ist mir egal, ich bin einfach nur dankbar, dass ich es wieder kann.

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