40 Jahre Kriegsende in Vietnam: Die „Preußen Asiens“
Studentenparade anlässlich des 40. Jahrestags der Besetzung Saigons durch nordvietnamesische Truppen – seitdem Ho-Chi-Minh-Stadt
Foto: ReutersHanoi/Saigon/Hoi An/Hué. Sie kamen bei Nacht. Chinesische Lastwagen, deren Fahrer Kisten öffneten und Giftschlangen in die Flüsse warfen. So erzählten es sich die Vietnamesen im vergangenen Sommer. Und so meldeten es auch die staatlich kontrollierten Medien. „Meine Vermieterin hat mich gebeten, die Fenster zu schließen, als sie mir das sagte“, berichtet Josephine Walker*, in Hoi An lebende und arbeitende Britin. „Sie glaubte, die Chinesen könnten unserem Gespräch lauschen.“
Die Giftschlangenplage in Zentralvietnam ist keine Mär; tatsächlich aber hatte es im vergangenen Jahr zu wenig geregnet, sodass die Tiere sich zu stark vermehrt hatten und wirklich zu einer Gefahr für die Bewohner der Region geworden waren. Doch damals kam die Chance, den Chinesen die Plage in die Schuhe zu schieben, der Kommunistischen Partei Vietnams (KPV) gerade recht. Vietnam stritt sich zu der Zeit mit China um Hoheitsgebiete im Südchinesischen Meer.
Doch dann wurden chinesische Betriebe Zielscheibe wütender Demonstranten, die teils geplündert und verwüstet wurden. Die chinesischen Touristen – ungefähr eine Million reisen pro Jahr nach Vietnam – blieben aus, und die Sache mit den Giftschlangen war wieder vom Tisch. Vietnams Medien fanden dann doch noch von oben verordnet andere Erklärungen.
Die Geschichte der giftigen Schlangen sagt viel aus über die eine Seite von Vietnam. Die alte, kontrollierte, in dem die Medien gleich Verschwörungstheorien mitliefern, wenn es dem Regime zupass kommt. Aber auch über das neue Vietnam, das seit Jahren hohe Wachstumsraten verzeichnet (2014: 5,98 Prozent), bis 2020 Industrienation sein will und sich Feindschaften nicht mehr leisten mag.
Der Aufstieg des südostasiatischen Landes in den vergangenen vier Jahrzehnten ist beachtlich: Denn auf den Tag genau vor 40 Jahren, am 30. April 1975, endete einer der mörderischsten Kriege des 20. Jahrhunderts mit 3,8 Millionen Toten. Seitdem hat sich das von den USA „in die Steinzeit zurückgebombte“ (US-General Curtis E. LeMay) Land zum „Preußen Asiens“ entwickelt.
Dem großen Nachbarn China will das knapp 94-Millionen-Einwohner-Land dabei längst nicht in allem nacheifern. Wer billig vor allem in der Masse produzieren will, geht nach China oder Indien. Doch wem es um Qualität und gute Verarbeitung geht, zieht Vietnam. Höherpreisige Marken wie Hugo Boss etwa lassen dort produzieren.
Doch der Kommunismus hemmt die Wirtschaft: Vietnams Staatsbetriebe dominieren noch immer Schlüsselbranchen (Banken, Energie, Telekom, Schiffbau, Schwerindustrie), sodass ausländischen Investoren bislang der Zugang weitgehend verwehrt bleibt. Hohe Inflation und steigende Lebenshaltungskosten, unkontrollierte Immobilienspekulation und systemische Korruption bis in höchste Regierungskreise, faule Bankenkredite und reformbedürftige Staatsunternehmen belasten die Wirtschaft.
Zweifel an der wirtschaftlichen Steuerungskompetenz der Regierung unter Premierminister Nguyễn Tấn Dũng regen sich in der Bevölkerung und auch innerhalb der KPV-Spitze Vietnams. „Es mehren sich die Anzeichen, dass es mehr und mehr Flügelkämpfe innerhalb der Partei gibt – auch um Reformen“, sagt Marko Walde, Delegierter der deutschen Wirtschaft für die Außenhandelskammer (AHK) in Saigon und Hanoi im Gespräch mit den Handelsblatt.
Der mit Abstand größte Investor mit 5,8 Milliarden US-Dollar in Vietnam ist derzeit Japan. Russland will mit Vietnam ein Freihandelsabkommen schließen. Es wäre das erste der Eurasischen Wirtschaftsunion (EEU) mit einem Drittstaat. Das Handelsvolumen soll laut russischen Angaben bis 2020 auf zehn Milliarden US-Dollar anwachsen. Und auch US-Präsident Barack Obama schielt auf den südostasiatischen Markt: Über die Trans-Pacific Partnership (TPP) wollen die USA China die wirtschaftliche Vormachtstellung in der Region streitig machen.
Mit der EU will Vietnam ebenfalls ein Freihandelsabkommen abschließen, das noch Mitte des Jahres unterzeichnet sein soll. Mit den anderen neun Mitgliedern der südostasiatischen Staatengemeinschaft Asean wollen die Vietnamesen eine einheitliche Uhrzeit einführen – auch des Handels wegen. Die Wirtschaft blüht.
Doch es blühen auch Korruption und Ungleichheit. „Korruption ist ein großes Problem“, sagt auch Walde. Im Großen – wie auch im Kleinen. „Für alles zahlt man“, erzählt auch Josephine. Für Uni-Diplome legt der reiche Vietnamese genauso extra Geld auf den Tisch wie der Unternehmer für den Bauauftrag oder der Gastronom für die Empfehlung eines Restaurants an der Hotelrezeption. Zuletzt wurden immer wieder Korruptionsfälle geahndet und Ende vergangenen Jahres sogar Todesurteile verhängt. Doch es sind Schauprozesse.
Der vietnamesische Journalist Nguyen Cong Khe schätzt, dass von zehn vom Staat ausgegebenen Dollar sieben in die Taschen eines Dritten fließen. Dem Staat fehlten so zwischen 50 und 70 Prozent seiner Mittel, sagte er in diesem Monat dem britischen „Guardian“.
Schuld daran ist auch der Mangel an politischer Öffnung. Premier Nguyễn Tấn Dũng und der KPV-Apparat führen noch immer einen Einheitsstaat – ohne freie Wahlen, ohne Gewaltenteilung und mithilfe eines weitverzweigten Kontrollapparats. Die Überwachung scheint überall. Schläft ein Kind eine Nacht bei der Großmutter im Nachbardorf statt bei den Eltern – die Polizei muss es wissen. Backpacker checken unerwartet in der Pension ein – die Polizei wird davon erfahren. Denn Reisende müssen an den Rezeptionen ihre Pässe abgeben. Zurück gibt’s die erst ein paar Tage später. Sie werden zu der örtlichen Polizeistation getragen und dort registriert.
Ist die Gesellschaft noch immer von Gemeindienstlern durchdrungen? Ngyuen* zuckt für einen kurzen Moment zusammen. „Ja, das ist so“, sagt der Elektroingenieur aus Saigon leise und schnell, schaut demonstrativ wieder in seine Suppenschüssel und löffelt unbeirrt weiter seine Phở, die traditionelle vietnamesische Reis-Rindfleisch-Suppe. Über Persönliches sprechen die Vietnamesen nicht gern. Über Politik schon gar nicht.
Die Forderung nach 3,5 Milliarden US-Dollar unter anderem gedacht für Hilfe der Agent Orange-Opfer an die USA, ließ die Kommunistische Partei Vietnams fallen.
Foto: dpa„Computer habe ich in der Polizeistation nie gesehen“, sagt Josephine, die Britin, die etwas freier zu sprechen wagt. Militärs patrouillieren nicht wie in Militärstaaten, aber der Polizist erkennt die Neue aus Europa im Dorf doch direkt, ohne sie gesehen zu haben. „Ah, ich kenne Sie. Sie wohnen doch da, und XY ist ihre Vermietern“, berichtet Josephine von den ersten Worten, die der Mann in Uniform an sie richtete als sie nach Hoi An zog. Gesehen hatte sie den Mann vorher selbst noch nie.
Und in Englischkursen, gegeben von Ausländern, sitzt selbst unter den Anfängern „immer einer, der eigentlich zu gut Englisch spricht für das Level“, berichtet Josephine. Die Botschaft des Systems: Wir wissen immer, wer wann was wo tut.
Der mit Abstand größte Investor mit 5,8 Milliarden US-Dollar in Vietnam ist derzeit Japan.
Foto: dpaSchon 2012 monierte auch die Weltbank noch ein zweites großes Problem in Vietnam: „Die Ungleichheit ist zurück auf der Agenda“. Besonders deutlich ist das in Saigon (Ho Chi Minh-Stadt nennt es kaum ein Vietnamese) zu sehen.
Dort erwirtschaften sechs Prozent der Vietnamesen fast ein Drittel des BIP von rund 170 Milliarden US-Dollar. Dort schieben sich SUVs durch die immer verstopften Straßen vorbei an schicken Fünf-Sterne-Hotels, Schmuckläden und Nobelrestaurants. Und nur eine Seitenstraße weiter hocken die Bettler. Viele von ihnen sind verkrüppelt.
Ein Mann, ohne Beine, sitzt auf einer Art Skateboard, mit dem er sich fortbewegt und versucht, Lotterielose zu verkaufen. Er lächelt die Passanten an – auch, wenn sie nichts bei ihm kaufen. Hilfe vom Staat bekommt er nicht. Viele der Behinderungen sind noch immer eine Folge von Agent Orange, dem Gift, dass die USA einsetzten, um die Wälder zu entlauben, in denen sich die Vietcong versteckten.
Drei Millionen Menschen haben nach offiziellen Angaben Folgeschäden, mindestens 150.000 Kinder wurden mit Behinderungen geboren. Hilfe für diese Menschen gibt es nicht. Weder die USA versorgt diese Menschen, noch der eigene Staat.
Die Forderung nach 3,5 Milliarden US-Dollar, unter anderem gedacht für Hilfe der Agent-Orange-Opfer an die USA, ließ die KPV fallen – und zahlte gar einen Kriegskredit von 146 Millionen Dollar, den die USA Südvietnam gegeben hatten, zurück. Als Dankeschön hoben die USA 1994 das Handelsembargo auf und gewährten Vietnam Zugang zu Weltbank und Internationalem Währungsfonds.
Die Vietnamesen haben ihren eigenen Pragmatismus entwickelt, um sogar mit den einstigen Feinden aus den USA Geschäfte zu machen. Doch sie tun es in den kommunistischen Strukturen – inklusive Korruption, Überwachung und Zensur. Es sind eben „rote Kapitalisten“, nennt es ein ehemaliger Guerilla-Kämpfer im „Guardian“.
*Namen geändert, da die Gesprächspartner Repressionen durch die Regierung fürchten.