Porsche Cayman GT4 im Handelsblatt-Test: Liebe auf den ersten Tritt
Laut Eigenwerbung sucht Porsche für den GT4 ausgesprochene Rebellen. Das Cayman-Sondermodell lockt mit einer ungewöhnlichen Mischung von Elementen aus Retro (Schaltung), Playstation (Fahrerlebnisaufzeichnung) und Racing (Fahrwerk, Sitze). Eine scharfe Kombination!
Foto: Frank G. HeideDüsseldorf. Wir sind weich geworden, verwöhnt von unseren Autos. Bequem, wie in Watte gepackt, zonenklimatisiert und vollkaskoversichert, von Assistenten beschützt und Navis geführt, ziehen wir Lemmingen gleich in Richtgeschwindigkeit durchs Berufspendlerdasein. In Autos, die wir uns kaum leisten, aber leasen können, und die niemand liebt. Als Erlösung von der Qual winkt die Aussicht, dass uns Autopiloten bald das Steuer abnehmen. Ist es ein Wunder, das man(n) einfach mal wieder ausbrechen möchte?
Glücklicherweise ist gegen den Autofahrer-Alltags-Blues ein Kraut gewachsen. Es heißt GT4, und mit Vornamen Cayman. Und genau so raubtierhaft bissig wie der Name andeutet, verhält sich dieser heiße Zweisitzer auch. Eine Schande wäre es, den sexy nagellackrot lackierten Testwagen nur im Alltag zu nutzen. Der bislang schärfste aller Einstiegsporsche will reines Vergnügen bieten, verzichtet dafür auf Nutzwert. Ein Auto für die Rundstrecke, mit dem man auch den Weg dorthin bewältigen kann. Nicht weniger, und kaum mehr.
In England, wo die Gattung der Roadster erfunden wurde, nennen sie das „a drivers car“. Mit einem trotzigen „Jetzt fahre ich“ auf den zum Dauergrinsen verbogenen Lippen emanzipiert sich der Fahrer wieder von der Bevormundung durch nörgelnde Warnpieper und aufdringliche Fahrassistenten.
Entgegen anderslautender Gerüchte im Internet ist dieser rassige Cayman GT4 nicht Stückzahl-limitiert. Porsche wird ihn so lange bauen, wie man Nachfrage verzeichnet. Also so, wie beim Boxster Spyder. Die sehr spezielle Konfiguration des Sondermodells und sein selbstbewusster Preis von mindestens 86.000 Euro werden wohl ganz von selbst für eine Limitierung sorgen.
Foto: Frank G. HeideFertig für eine kleine Flucht aus dem Alltag? Für Menschen mit Benzin im Blut bietet schon die geöffnete Tür des Cayman GT4 Anlass zur Vorfreude. Die Bestuhlung stammt, wie auch andere Zutaten, aus Porsches größeren Sportmodellen 911 GT3 und RS.
Foto: Frank G. HeidePorsche verzichtet bei dem Wagen zwar auf ordentliche Türöffner, steigert das pure Fahrvergnügen besonders Leistungshungriger aber durch feine Zutaten: Das Fahrwerk kommt vom Carrera 911 RS und der Mittelmotor kommt aus dem Heck des aktuellen Neunelf S. Im Interieur treffen sich Alcantara, Leder und Carbon mit orange-roten Ziernähten.
Foto: Frank G. HeideDer Cayman lockt Freunde rassiger Fahrzeuge mit schwarz lackierter Sport-Auspufffanlage und Klappensteuerung, 20-Zoll-Felgen, Frontspoiler, Heckdiffusor und mächtigem Flügel für viel Abtrieb an der Hinterachse. Als besonderes Schmankerl gibt es ihn ausschließlich mit Sechsgang-Handschaltung.
Foto: Frank G. HeideDer Cayman GT4 ist ein Auto mit Taille und Hüfte. Und die runder und etwas breiter, aber auch agressiver gewordene Karosse spielt ihre Reize gekonnt aus.
Foto: Frank G. HeideTemposchweller werden gerne mal von der unteren Frontlippe geküßt. Auch die Einfahrt über steile Tiefgaragenrampen erfordert etwas Vorsicht. Schließlich ist der GT4 werksseitig bereits ordentlich tiefer gelegt.
Foto: Frank G. HeideFür Abtrieb am Heck sorgt ein gewaltiger Flügel auf dem Kofferraumdeckel. Wer dessen Stellung, etwa für Rundstreckenrennen, verändert, muss aber gleichzeitig den Frontdiffusor richtig anpassen. Eine Operation für echte Enthusiasten. Düe dürfen sich auch am Sportfahrwerk zu schaffen machen, das hat Porsche extra so vorgesehen.
Foto: Frank G. HeideNanu, kein Motor zu sehen? Was Cayman- und Boxster-Fans schon lange nicht mehr wundert finden Erstbetrachter der roten Flunder immer noch schade: Ein auffallend schöner Porsche, und man sieht so gar nichts von der Technik. Der Anblick des Mittelmotors bleibt der Werkstatt vorbehalten.
Foto: Frank G. HeideNatürlich kommt man in den eng gestellten Rennsitzen eines kernigen Kompaktsportlers seinem Mitfahrer besonders nah, wenn es auf den Track geht. Für Distanz (und Sicherheit) sorgt dann das Tragen eines Helmes, was selbst für groß Gewachsene im Cayman überhaupt kein Problem ist. Auch ohne motorsportliche Einlagen sehen die Sitze schon klasse aus, wirklich erstaunlich ist, wie gut sie sich selbst nach Stunden noch anfühlen.
Foto: Frank G. Heide20-Zöller in Kombination mit Michelin-Pilot-Sport-Cup-Bereifung, die vorne 245 und hinten 295 Millimeter breit ist: Diese Kombination ist beim GT4 Serie. Dass die straßenzugelassenen Sportreifen so eng am Kotflügel entlanglaufen stärkt die Racing-Optik und macht in der Praxis gar nichts: Wankneigung ist der supersteifen Karosse fremd.
Ein Reifendruckkontrollsystem (RDK) warnt serienmäßig bei Druckverlust. Zusätzlich verfügt es über einen Rundstreckenmodus, der die besonderen Druck- und Temperaturverhältnisse beim Racing berücksichtigt und präzis überwacht.
Foto: Frank G. HeideVerarbeitung und Materialien sind genau so, wie man sie von dieser Marke und in dieser Preisklasse erwarten darf. Ein bisschen Nutzwert finden Porsche auch auf kleinstem Raum: So schwenken auf Fingerdruck aus der aufklappbaren Carbonleiste über dem Handschuhfach zwei Cupholder heraus.
Foto: Frank G. HeideDer Gegenspieler zur Track Precision App, die sich GT4- und GT3-Fahrer aufs Smartphone laden, ist dieses Steuergerät für Fahrdaten, das auf GPS basiert. Ambitionierte Hobbyrennfahrer speichern und analysieren Strecken, Rundenzeiten, Videos, und vieles mehr. So kann man sich mit dem Hobby auch noch im Winter beschäftigen, wenn der Track geschlossen bleibt.
Foto: Frank G. HeideDie Älteren werden sich erinnern: Eine Handschalthebel. Dazu gehört im Fußraum ein drittes Pedal, die so genannte Kupplung. Viele Autohersteller haben sich von dieser Technik verabschiedet, bei der der Fahrer manuell die Gangstufen des Getriebes wechselt. Porsche entdeckt das sinnliche Vergnügen für Sondermodelle wie den Cayman GT4 gerade wieder.
Foto: PRTrägt unmittelbar zum retrolastigen Glücksgefühl des Cayman-Piloten bei: Das linke Pedal im Fußraum. Klar definierter Druckpunkt, und schön schwer geht sie, die Kupplung. Genau wie erwartet.
Foto: Frank G. HeideDer Sport-Chronometer im üppig belederten Armaturenbrett ist nicht nur Zierrat. Er lässt sich mit dem optionalen Sport-Chrono-Paket auch in die persönliche Runden-Zeitmessung einbinden.
Foto: Frank G. HeideDer Cayman GT4 ist nur 1,21 Meter hoch, und werksseitig drei Zentimeter tiefer gelegt. Man steigt eher hinunter als hinein.
Foto: Frank G. HeideBeim Sondermodell mit den weithin gut sichtbaren Zutaten Heckflügel und Schriftzug entfällt das bei Serienmodellen übliche automatische Ausfahren des unteren Spoilers. Und man gewinnt so noch einen riesigen Griff für den winzigen Kofferraum.
Foto: Frank G. HeideHier spielt die Musik, und zwar fortissimo. Im Drehzahlbereich zwischen 4.000 und 7.750 Umdrehungen wird das unüberhörbare Brüllen des Boxers geradezu infernalisch. Sportwagenbegeisterten richtet es die Häärchen auf den Unterarmen auf.
Foto: Frank G. HeideDer Innenraum macht - mit viel schwarzem Leder und grauem Alcantara zu orangeroten Ziernähten und Carbon - einen tollen sportlichen Eindruck. Einige Elemente des Armaturenbretts spiegeln sich aber zu stark in der Windschutzscheibe.
Foto: Frank G. HeidePorsche nennt für den Cayman GT4 einen Durchschnittsverbrauch von 10,1 Liter Super Plus (98 Oktan) auf 100 km. Das haben wir auch auf längeren Etappen im Test nicht geschafft. Die Verführung durch das Triebwerk und die Leistung war wohl einfach zu groß.
Foto: Frank G. HeideDas Bild täuscht ein wenig. Der mächtige Heckspoiler stört beim rückwärts einparken weniger als zunächst angenommen. Eine Rückfahrkamera gibt es nicht. Die Abmessungen sind aber kompakt, der Fahrer sie schnell gelernt.
Foto: Frank G. HeideIst schon erschreckend, wie langsam man im Durchschnitt fährt. Selbst wenn Zwischensprints den Verbrauch kräftig hochtreiben.
Foto: Frank G. HeideWankbewegungen sind der Karosse fremd, die Spurtreue ist selbst bei extremen Geschwindigkeiten phänomenal. Dieser Porsche lässt sich zentimetergenau dirigieren, wenn es drauf ankommt.
Foto: Sebastian SchaalAm Lenkrad (in diesem Fall eines gelb lackierten Modells) stören keinerlei Schalter und Köpfe, auch keine Paddles. Sein Verstellbereich geht extrem weit und Alcantara bietet guten Griff.
Foto: PRDie Anordnung der Rundinstrumente im Copckpit ist porschetypisch. Das rechte Display zeigt genau das, was der Fahrer sich dort hineinwünscht, von der Navigation über den Drehmomentverlauf bis zur G-Kraft. Und natürlich bleibt der Zündschlüssel bis auf weiteres links vom Lenkrad.
Foto: PRDen Heckspoiler finden manche Betrachter ein bisschen prollig. Aber für die neu gestalteten Front- und Heckpartien des aggressiver wirkenden Cayman gibt es Beifall. So sexy muss ein Sportwagen optisch rüberkommen. Und dann noch dieser Auspuffsound ...
Foto: Frank G. HeideLaut Eigenwerbung sucht Porsche für den GT4 ausgesprochene Rebellen. Das Cayman-Sondermodell lockt mit einer ungewöhnlichen Mischung von Elementen aus Retro (Schaltung), Playstation (Fahrerlebnisaufzeichnung) und Racing (Fahrwerk, Sitze). Eine scharfe Kombination!
Foto: Frank G. HeideBeim ersten Mal bitte nicht zu schwunghaft: Die knapp geschneiderten Carbonrennschalen sind ausreichend komfortabel gepolstert und sehr hochwertig beledert. Sie sitzen eng, werden sowohl mechanisch als auch elektronisch individuell verstellt. Die Beinfreiheit ist ebenso überraschend groß wie die Kopffreiheit. Nur auf die hohe und harte Kante des Sitzes sollte man ein wenig achten.
Foto: Frank G. HeideVorne passen unter die "Motorhaube" 150 Liter Gepäck hinein, hinten sind es 275 Liter. In den Tank gehen 60 Liter Super Plus.
Foto: Frank G. HeideMan kennt das aus den serienmäßigen Boxster- und Cayman-Modellen: Zwei tiefe Staufächer für Kleinigkeiten ergänzen den knappen Stauraum hinten. In diesem Fall steckt hier ein Teil der Technik für das Track Precision Steuergerät.
Foto: Frank G. HeideUnd fasst sich auch prima an. Kunststoff sieht man wenig im Cayman GT4. Dafür umso mehr Leder, Alcantara und auch ein bisschen Carbon. Díe zum Gurtband-Türgriff und Sicherheitsgurten passenden orange-roten Ziernähte rahmen das Ganze ein.
Foto: Frank G. HeideDie Bestuhlung des Cayman GT4 kommt direkt aus dem Porsche Clubsport. Weiteres Rennzubehör ist optional.
Foto: PRDas Alcantara-Rennlenkrad - befreit von Knopf- und Schalter-Ballast - anfangs etwas zu fest in den klammen Händen, konzentriert sich der Pilot völlig auf die Fahrt. Weil er Kontrolle und Risiko mit Hand und Gasfuß für sich zurückerobert hat. Und mit dem Kupplungsfuß, denn den GT4 gibt es nur mit Sechs-Gang-Handschaltung. Die Älteren werden sich noch erinnern. Für viele moderne Porsche-Fahrer ist es aber ein neues Gefühl, das dritte Pedal im Fußraum zu ertasten.
Vor das Vergnügen, den kurzen und extrem knackig rastenden Schalthebel in die Hand zu nehmen, hat Porsche eine kleine Hürde gebaut: Man steigt nicht einfach hinein, sondern auf Bürgersteigkantenniveau hinunter in den werksmäßig tiefergelegten GT4. Und muss den Körperschwerpunkt noch möglichst elegant über die extrem hochgezogene Seitenschale des hauchdünnen Carbon-Rennsitzes wuchten. Kleiner Tipp: Lassen Sie sich nicht beim ersten Ein- und Aussteigen von einer Handykamera erwischen. Ohne Übung macht hier nur der Profi einen geschmeidigen Eindruck.
Tief unten in der wie angegossen anliegenden Profisitzschale angekommen, die direkt aus dem GT3 RS stammt, fällt der Blick auf Gurte, Textil(!)-Türgriff und Ziernähte: Die sind alle im gleichen auffälligen orange-rot vom schwarzen Leder und dunkelgrauen Alcantara abgesetzt, das den Innenraum dominiert. Dass man sich im Cockpit trotz intimer Nähe zum Sitznachbarn nicht eingesperrt fühlt liegt auch an der großzügigen Kopffreiheit: Im GT4 ist es selbst für große Fahrer kein Problem, die Beine auszustrecken und Helm zu tragen.
Porsche steigert das pure Fahrvergnügen besonders Leistungshungriger, die mindestens 86.000 Euro übrig haben, durch feine Zutaten und eine ungewöhnliche Operation: Fahrwerk und Bremsen kommen von reinrassigen Carrera 911 Sportmodellen wie GT3 und RS, der Mittelmotor kommt aus dem Heck des aktuellen Neunelf S. Die Hinterachse wurde für noch präziseres Lenkverhalten und reduzierte Wankneigung überarbeitet und die upside down-Stoßdämpfer kommen ebenfalls aus dem Motorsport.
Im GT4 leistet der Sauger-Sechszylinder-Boxer ohne Turbo maximal 385 PS und stemmt 420 Newtonmeter an die Kurbelwelle. Der rote Drehzahlbereich beginnt erst über knapp unter 8.000 Umdrehungen, und der gierig hochdrehende Saugmotor vermittelt zusammen mit dem beim runterschalten rotzig-frech aufbrüllenden Auspuffsound vor allem eines: Das hier ist großer Sport, für die meisten ist es Liebe auf den ersten Tritt.
Die Älteren werden sich erinnern: Eine Handschalthebel. Dazu gehört im Fußraum ein drittes Pedal, die so genannte Kupplung. Viele Autohersteller haben sich von dieser Technik verabschiedet, bei der der Fahrer manuell die Gangstufen des Getriebes wechselt. Porsche entdeckt das sinnliche Vergnügen für Sondermodelle wie den Cayman GT4 gerade wieder.
Foto: PRDie großen Emotionen scheinen ansteckend zu sein. Das ist uns auf Landstraßen-Ausfahrten lange nicht mehr passiert, dass uns innerhalb einer Stunde ein Motorradfahrer und der Pilot eines KTM X-Bow den hochgereckten Daumen zeigen. An der Ampel hält neben uns sogar ein sportlicher 5er-BMW, der Fahrer hatte sich eben noch den mächtigen GT4-Heckflügel von hinten angesehen. Jetzt ruft er euphorisch herüber: „Ja, das ist mal ein Auto! Super!“
Da hat der GT4 selbst ohne sportlichen Einsatz schon mal was geschafft, was dem Standard-911er lange nicht mehr gelingt. Letzterer taucht, um große Emotionen zu provozieren, nicht nur zu häufig auf unseren Straßen auf, er wirkt im Vergleich zum giftigsten Cayman auch zu breit, zu schwer, Entschuldigung Porsche, im direkten Vergleich ein bisschen behäbig.
Den Heckspoiler finden manche Betrachter ein bisschen prollig. Aber für die neu gestalteten Front- und Heckpartien des aggressiver wirkenden Cayman gibt es Beifall. So sexy muss ein Sportwagen optisch rüberkommen. Und dann noch dieser Auspuffsound ...
Foto: Frank G. HeideWas auch daran liegt, dass der 911er mehr glattbügelt als der GT4, der in jeder Beziehung mehr Emotion rüberbringt. Unser Testwagen läuft bei Geschwindigkeiten von über 240 km/h nicht mehr so selbstverständlich auf der Autobahn schnurgerade wie ein Panamera. Er verlangt nach einer festen Hand am Steuer und etwas Selbstüberwindung.
Auch diese wunderbaren akustisch-mechanischen Rückmeldungen von Getriebe und Schaltung, inzwischen kennt man sie von anderen Porsche-Modellen kaum noch. Im Cayman können Enthusiasten sie wiederentdecken. Das macht nicht unbedingt schneller. Aber glücklicher. Genau so wie die technisch nicht unbedingt nötigen Zwischengasstöße aus dem doppelflutigen Sportauspuff.
Fazit einer ersten rasanten Sommertags-Ausfahrt, natürlich mit permanent gedrückter Sport-Taste: Mission erfüllt, Alltagsflucht gelungen, Fahrer müde, verschwitzt, froh. Und dabei weder die möglichen 295 km/h Spitze gefahren, noch auf der Rennstrecke gewesen, dem natürlichen Habitat für artgerechte GT4-Haltung.
Der Gegenspieler zur Track Precision App, die sich GT4- und GT3-Fahrer aufs Smartphone laden, ist dieses Steuergerät für Fahrdaten, das auf GPS basiert. Ambitionierte Hobbyrennfahrer speichern und analysieren Strecken, Rundenzeiten, Videos, und vieles mehr. So kann man sich mit dem Hobby auch noch im Winter beschäftigen, wenn der Track geschlossen bleibt.
Foto: Frank G. Heide
Warum sind wir nicht mehr ganz taufrisch? Weil der GT4 uns fordert, weil er gleichzeitig dem Können der meisten Alltagsfahrer stets meilenweit voraus ist. Es hat unserem Ego nicht nur gut getan, den Cayman in 4,4 Sekunden aus dem Stand auf 100 km/h zu prügeln. Es war viel wichtiger, dass der extremste Einstiegsporsche uns nie überforderte. Dass die Ingenieure den radikalen Anti-Alltags-Wagen so abgestimmt haben, dass er nur in puncto Optik und Auspuffsound als Extremist rüberkommt.
Piloten auf der Suche nach dem fahrdynamischen Grenzbereich bietet er neue Erfahrungen, und schenkt auf dem Weg dorthin Selbstvertrauen. Weil die elektronischen Helfer sich dezent zurückhalten und weil dem Fahrwerk böse Überraschungen völlig fremd sind. Tief unten im Fahrersitz fühlen wir uns bei aberwitzigen Kurvengeschwindigkeiten noch sicher. Wenn anderen Sportwagenfahrern längst der Angstschweiß auf die Stirn tritt, zirkeln wir immer noch zentimetergenau um die Asphaltkante. Die Fahrwerksneutralität des GT4 in Kombination mit der extrem direkten Lenkung ist geradezu atemberaubend. Hat man einmal die Sporttaste gedrückt, stellt der Porsche sich im wahrsten Wortsinn niemals quer.
Die bislang dem 911 GT3 vorbehaltene Aufzeichnung und Analyse persönlicher Renndaten mittels Smartphone-App und Steuergerät im Auto gibt es nun auch im Cayman GT4.
Foto: PREs sei denn natürlich, man möchte das. Dann schaltet man den Schleuderschutz ESP und den Reifenvernichter Traction Control stufenweise ab. Aber das ist eine andere Geschichte, die Rundenstreckenfans und Driftkünstler professioneller erzählen. An deren Können und Zeiten kann sich im GT4 aber auch Otto Normalfahrer heranarbeiten, denn der Testwagen hat ein fabelhaftes kleines Kästchen hinter dem Fahrer.
Das kleine Steuergerät auf der Zierstrebe hinter den Fahrersitzen widerspricht zwar unserer Eingangstheorie vom Abstreifen überbordender Technik, doch wenigstens hilft es uns, immer sportlicher zu werden. Es ist nämlich, in Zusammenarbeit mit der Track Precision App, die bislang dem GT3 vorbehalten war, so eine Art Fitnessarmband für unseren Cayman. Zur Anzeige, Aufzeichnung und Analyse persönlicher Fahrdaten auf dem Smartphone.
Wankbewegungen sind der Karosse fremd, die Spurtreue ist selbst bei extremen Geschwindigkeiten phänomenal. Dieser Porsche lässt sich zentimetergenau dirigieren, wenn es drauf ankommt.
Foto: Sebastian SchaalEin echtes Profi-Spielzeug: Laptimer, Ghostcar-Funktion, Über-/Untersteuern, Radschlupf, Querbeschleunigungskräfte, automatisierte Runden- und Sektoren-Triggering über GPS, Videoaufzeichnung mit überlagerten Fahrdaten (z. B. Drehzahl, Gang, Geschwindigkeit) und Fahrliniendarstellung vieler bekannter Rennstrecken kommen so aufs Handy.
Der Pilot muss nur noch entscheiden, ob er seine Rundenzeiten manuell über die Bedienhebel der Sport-Chrono-Funktion oder automatisiert über GPS stoppen will. Ein weites Feld für Renndaten-Nerds. Wer möchte, kann sich so schier endlos als Manager des eigenen Ein-Mann-Rennteams beschäftigen, Gran-Turismo-Videospieler kennen das Phänomen.
Zu einem modernen Porsche gehört aber immer auch sein zweites Wesen, da macht der GT4 keine Ausnahme. Ein bisschen Alltag kann auch diese Rundstreckenmaschine bewältigen, wenn es unbedingt sein muss. 425 Liter Nutzraum verteilen sich auf zwei Kofferräume und vier Ablagefächer vorne wie hinten, das reicht gepäckmäßig für eine Übernachtung an der Rennstrecke. Und man kann ihn sogar zahm mit knapp zwölf Liter Durchschnittsverbrauch fahren. Aber bleiben wir realistisch: Wer würde diesen Vollblutsportler so artfremd unterfordern wollen?
Der GT4 beißt sich nicht nur besonders professionell in den Asphalt, er spielt auch noch Musik dazu. Weniger aus der verzichtbaren Stereoanlage. Seine Fans möchten eher das Boxer-Gebrüll aus der doppelflutigen Sportauspuffanlge genießen, dass sich per Klappensteuerung dirigieren lässt.
Foto: Sebastian SchaalDer brüllend laute Auspuffsound, die niedrigen Sitzschalen, die gewaltige Heckverspoilerung und die rennmäßig aufgebrezelte Front mit gewaltigen schwarzen Lufteinlässen, die Tieferlegung, die Temposchweller und Bordsteine zu natürlichen Feinden mutieren lässt, die feine Rennsporttechnik und der 18-Liter-Verbrauch bei spaßbetonter Gasfußstellung: Das alles erträgt man, weil der GT4 für die Mühsal belohnt, wenn die Strecke frei ist.
In der Realität wird der GT4, wenn wir ihn auf der Autobahn demnächst wieder von hinten sehen, natürlich auf dem Weg zum Racetrack sein. Wir gucken dann ein bisschen sehnsüchtig hinterher, lauschen andächtig dem Drehzahlorchester und wünschen viel Spaß. Der ist bei diesem Modell in der Garantie mit drin.
Uns hat der GT4 wieder ein bisschen hart gemacht. Gegen uns selbst, gegen die allgegenwärtige Verweichlichung im SUV-Schlachtschiff mit Assistenten-Beschützer-Syndrom. Zumindest für eine wunderbare Woche lang. Jetzt kehren wir in den Autoalltag zurück. Leicht verspannt und um viele Euro Spritgeld ärmer. Aber um viele Kurven reicher, und ohne Blues.