1. Startseite
  2. Politik
  3. International
  4. Wenn Länder in die Insolvenz gehen: Staatspleite? Nichts besonderes!

Wenn Länder in die Insolvenz gehenStaatspleite? Nichts besonderes!

Athen geht pleite? Halb so wild. Zwar gibt es noch kein Insolvenzrecht für Staaten – jedoch waren fast alle Länder schon einmal bankrott, viele sogar mehrmals, so auch Griechenland. Und die Folgen ähneln sich stets. 20.06.2015 - 11:35 Uhr Artikel anhören

Kommt anstatt des Grexits jetzt der Graccident? Experten sehen die mögliche Pleite jedenfalls nicht so dramatisch.

Foto: dpa

Berlin. Wenn ein Staat pleitegeht, hat das oft dramatische Folgen für seine Bürger, vor allem für die, die ohnehin nicht viel haben. Hunger, Unruhen, sozialer Niedergang. Aber es gibt auch interessante Geschichten zu erzählen, nicht zuletzt aus Griechenland. Es war das Jahr 1893, den griechischen Staat gab es noch nicht so lange, und im Grunde war er schon pleite, bevor er 1830 gegründet war. Aber richtig ernst wurde es, als die Weltmarktpreise für Korinthen einbrachen. Denn die getrockneten Weintrauben waren Griechenlands wichtigstes Exportgut. Nach ganz Europa wurden die Trockenfrüchte verkauft, vor allem, weil in den französischen Weinbergen Mehltau die Ernte vernichtete.

Doch Anfang der 1890er Jahre hatten sich die französischen Rebstöcke erholt. Eine weltweite Rezession kam dazu. Als Frankreich Schutzzölle auf den Import von Korinthen erhob, brachen die Weltmarktpreise ein, berichtet die Historikerin Korinna Schönhärl, die sich mit der Geschichte der griechischen Pleiten lange beschäftigt hat. Ministerpräsident Charilaos Trikoupis musste verkünden: „Wir sind bankrott.“

Es war nicht die erste und nicht die letzte Staatspleite Griechenlands, aber auch vielen anderen Ländern ging es kaum besser. Tatsächlich waren die meisten Staaten schon einmal bankrott. Mindestens einmal. Meistens waren Krieg schuld. „Ähnlich wie die Pleite von Unternehmen ist die Insolvenz eines ganzen Landes zwar kein alltäglicher, aber ein nicht unüblicher Vorgang“, schreibt der Autor Johannes Kallenbach.

So mussten schon die Römer wegen der Punischen Kriege ihre Sesterz abwerten. König Edward III. von England konnte 1345 seine im Hundertjährigen Krieg entstandenen Schulden nicht zurückzahlen. In China kam es 1425 zur ersten Staatspleite, weitere folgten 1921 und 1939.

Spanien war im 16. Jahrhundert gleich dreimal pleite. Am Vorabend der Französischen Revolution ist Frankreich unter König Ludwig XVI. faktisch zahlungsunfähig. Das Land muss den größten Teil seiner Einnahmen für den Schuldendienst aufwenden - eine der Ursachen der bürgerlichen Revolution. Österreich war 1811 bankrott, Dänemark zwei Jahre später.

Deutschland war nach dem Ersten und nach dem Zweiten Weltkrieg faktisch pleite. Viermal gewährten die Gläubiger massive Schuldenschnitte: 1924, 1929, 1932 und 1953. Vor 62 Jahren handelte die Regierung von Kanzler Konrad Adenauer mit 20 Staaten das Londoner Schuldenabkommen aus. Weil übrigens auch Griechenland am Verhandlungstisch dabei war, wird heute argumentiert, dass Reparationsforderungen Athens an Deutschland nicht rechtens seien.

Staatspleiten sind die Regel
Jahr der Unabhängigkeit: 1816Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit* 1800: 32,5 ProzentZahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 7*Die Berechnungen der Länder, die vor 1800 unabhängig wurden, sind von 1800-2006.Quellen: Berechnungen von Flossbach und Vorndran (2012), sowie Standard & Poor's, Purcell und Kaufmann (1991), Reinhart, Rogoff und Savastano (2003) und darin zitierte Quellen.
Jahr der Unabhängigkeit: 1901Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 0,0 ProzentZahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: keine
Jahr der Unabhängigkeit: 1822Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 25,2 ProzentZahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 9
Jahr der Unabhängigkeit: 1618Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 13 ProzentZahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 8
Jahr der Unabhängigkeit: 1917Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 0,0 ProzentZahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: keine
Jahr der Unabhängigkeit: 943Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 0,0 ProzentZahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 8
Jahr der Unabhängigkeit: 1829Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit 1800: 50,6 ProzentZahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 5
Jahr der Unabhängigkeit: 1066Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 0,0 ProzentZahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: keine
Jahr der Unabhängigkeit: 1569Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 3,4 ProzentZahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 1
Jahr der Unabhängigkeit: 1819Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 36,2 ProzentZahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 7
Jahr der Unabhängigkeit: 1821Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 44,6 ProzentZahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 8
Jahr der Unabhängigkeit: 1581Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 6,3 ProzentZahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 1
Jahr der Unabhängigkeit: 1581Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 0,0 ProzentZahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: keine
Jahr der Unabhängigkeit: 1282Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 17,4 ProzentZahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 7
Jahr der Unabhängigkeit: 1139Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit 1800: 10,6 ProzentZahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 3
Jahr der Unabhängigkeit: 1457Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 39,1 ProzentZahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 5
Jahr der Unabhängigkeit: 1523Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 0,0 ProzentZahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: keine
Jahr der Unabhängigkeit: 1476Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 23,7 ProzentZahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 13
Jahr der Unabhängigkeit: 1453Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 15,5 ProzentZahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 6
Jahr der Unabhängigkeit: 1783Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 0,0 ProzentZahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: Als Folge der Wirtschaftskrise von 1837 stellten acht amerikanische Bundesstaaten ihre Zahlungen ein. Mehr als 100 Banken gingen in daraufhin Pleite. Knapp 150 Jahre schlingert die US-Wirtschaft wieder: Am 15. August 1971 erklärte der amerikanische Präsident Richard Nixon die sofortige Aufhebung der Dollar-Konvertierbarkeit in Gold, also die Aufhebung der Verpflichtung der USA, jederzeit Dollar in eine bestimmte Menge Gold umzutauschen. Diese auch als Nixon-Schock bekannte Ankündigung bedeutete faktisch die Erklärung der Zahlungsunfähigkeit beziehungsweise Zahlungsunwilligkeit, da die Aufhebung einseitig und unter Bruch bestehender Abmachungen (Bretton-Woods-System) erfolgte.
Jahr der Unabhängigkeit: 1830Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 38,4 ProzentZahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 10

Der Wirtschaftshistoriker Albrecht Ritschl nannte Deutschland den größten Schuldensünder des 20. Jahrhunderts: „Ihre heutige finanzielle Stabilität und ihren Status als Oberlehrer Europas verdankt die Bundesrepublik allein den USA, die sowohl nach dem Ersten als auch nach dem Zweiten Weltkrieg auf sehr viel Geld verzichtet haben“, sagte er „Spiegel Online“.

Auch aus jüngerer Zeit sind einige Staatspleiten erinnerlich. Island war 2008 als Folge der Lehman-Krise praktisch bankrott, ausländischen Sparern wurden ihre Einlagen nicht zurückbezahlt. Besonders präsent ist die Pleite Argentiniens 2001/2002. Sie war Folge einer schweren Rezession, aber auch der Überbewertung des Pesos durch die Koppelung an den US-Dollar. Die argentinische Währung wurde drastisch abgewertet, das Bankensystem fiel ins Chaos, das Bruttoinlandsprodukt sank um 20 Prozent, die sozialen Folgen waren zunächst verheerend. In den Folgejahren aber brummte die Wirtschaft.

KTG: Griechische Schulden bei den Euroländern Teil 1
Insgesamt schulden die Griechen den Litauern 700 Millionen Euro. Pro Kopf sind das 238 Euro – der geringste Wert unter den Euro-Ländern.
Auch die Belastung für jeden einzelnen Letten hält sich mit 250 Euro noch in Grenzen. Insgesamt ist Griechenland mit 500 Millionen Euro bei dem Baltenstaat verschuldet.
Mit 403 Euro steht Griechenland bei jedem einzelnen Portugiesen in der Kreide. In toto macht das 4,2 Milliarden Euro.
400 Millionen Euro schuldet Griechenland dem zyprischen Staat. Für jeden Zyprioten sind das schon 466 Euro.
Die griechischen Schulden bei der Slowakei betragen 2,7 Milliarden Euro – pro Kopf rund 499 Euro.
Die krisenerfahrenen Iren haben den Griechen 2,4 Milliarden Euro geliehen. Damit steht Griechenland bei jedem Iren mit 521 Euro im Soll.
Jedem Esten schuldet Griechenland 532 Euro – insgesamt sind das rund 700 Millionen Euro.
300 Millionen Euro Schulden hat Griechenland bei Malta. Damit kommt jeder Maltese auf einen Betrag von 705 Euro.
Slowenien kommt auf 1,5 Milliarden Euro griechische Schulden – 728 Euro pro Einwohner.

Kriege, Rezessionen, politische Krisen. Die Ursachen von Staatspleiten ähneln sich durchaus. Die Folgen auch. Der US-Autor und Occupy-Anhänger David Graeber stellt fest, dass viele Umstürze und Revolutionen mit Schulden begonnen haben, die eine Gesellschaft nicht mehr bezahlen kann. „Schulden – Die ersten 500 Jahre“, heißt sein Buch, das seit 2011 weltweit Aufsehen erregt hat. Die Geschichte der Menschheit erzählt Graeber als eine Geschichte der Schulden: eines moralischen oder besser unmoralischen Prinzips, das nur die Macht der Herrschenden stütze.

Zu Griechenland sagte Graeber schon 2012 der Wochenzeitung „Die Zeit“: „Niemand glaubt daran, dass Griechenlands Schulden zurückgezahlt werden können.“ Das Problem sei „kein wirtschaftliches, sondern ein moralisches“. In allen Gesellschaften handelten die Eliten in der Gewissheit, dass sie am Ende gerettet würden. Auf Kosten der Ärmsten der Gesellschaft.

Verwandte Themen
Rezession
Griechenland
Europa
Konjunktur

Aber ist dies wirklich zwangsläufig? Seit sich Europa mit der Griechenland-Krise herumschlägt, wird auch ein Insolvenzrecht für Staaten gefordert. Eine Konsequenz könnte sein: Ein Insolvenzverwalter, der die Geschäfte führt. Damit wäre die Regierung entmachtet. Wie das mit demokratischen Prinzipien zu vereinbaren wäre, bliebe zu klären. Differenzierter ist der Ansatz des Berliner Juristen Christoph Paulus. Er schlägt für eine Staatsinsolvenz ein internationales Schiedsgericht vor, das nicht allein den Willen der Gläubiger durchsetzen, sondern eine vermittelnde Funktion einnehmen soll. Dann wäre im Fall Griechenlands ein Mittelweg zwischen Teilerlass, Einsparungen und Reformen möglich gewesen, schreibt die „Zeit“.

Vielleicht kommt es auch diesmal wieder so. Selbst eine neuerliche Staatspleite in Athen wäre vermutlich nur eine Etappe auf einem weiter beschwerlichen Weg, keine Lösung. Nach 1893 und der Korinthenkrise erholte sich das Land nur mühsam. Mit der militärischen Niederlage gegen die Türkei 1922 ging es schnell wieder begab, die Weltwirtschaftskrise 1929 kam hinzu. 1932 war Griechenland zum vierten Mal bankrott.

dpa
Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt