Bahnindustrie in China: Zug um Zug
Schon bald könnten chinesische Züge auch in Deutschland unterwegs sein.
Foto: dpaPeking. Die Bedrohung für die deutsche Bahnindustrie ist Zug um Zug gewachsen. Zunächst kündigten die beiden chinesischen Weltmarktführer CNR und CSR ihre Fusion zum neuen Branchenriesen CRRC an. Gemeinsam wollen sie jetzt auch auf dem Weltmarkt für Hochgeschwindigkeitszüge gegen Rivalen wie Siemens, Alstom und Bombardier antreten. Dann erklärte der große Siemens-Kunde Deutsche Bahn, man könne sich den Kauf von Zügen und Ersatzteilen in China durchaus vorstellen. Und schließlich vermeldete vor gut einer Woche die Parteizeitung „People’s Daily“, China habe mit den Tests für den ersten Schnellzug komplett aus lokalen Teilen begonnen. „Die Luft wird dünner, es wird uns nichts geschenkt“, sagte Müslüm Yakisan, Chef der Siemens-Bahnsparte in China, dem Handelsblatt.
Die Bahntechnik ist ein gutes Beispiel für die Entwicklung in China. Die ersten Hochgeschwindigkeitszüge auf der ICE-Basis baute Siemens für China in Deutschland. Bald aber bauten die Chinesen die Züge selbst – mit einer Siemens-Lizenz und etwa 15 bis 20 Prozent Zuliefereranteil von Siemens.
Einen zweiten chinesischen Hochgeschwindigkeitszug gibt es auf einer Kawasaki-Plattform. In ein paar Jahren dürfte der erste Zug marktreif sein, der – zumindest offiziell – komplett aus chinesischen Teilen besteht. Damit könnte China dann Siemens in der Welt Konkurrenz machen.
Den chinesischen Markt zu meiden, ist keine Alternative. Siemens hat in den vergangenen Jahren gut verdient. Im Geschäftsjahr 2014 verkaufte der Konzern Antriebstechnik, Motoren und Fahrwerke für 700 Millionen Euro. Zudem macht China mit Investitionen von 100 Milliarden Euro im Jahr in Zugverkehr – einschließlich Streckenbau – laut Experten die Hälfte des Weltmarkts aus. „Der chinesische Bahnmarkt ist viel zu bedeutend, um sich aus ihm heraushalten zu können. Dann wären Sie sozusagen auf einem Auge blind“, sagt Yakisan.
Auch der neue fusionierte Zugriese muss nicht zwingend von Nachteil sein. Bislang hätten sich die beiden Staatskonzerne bei Aufträgen unterboten. Durch die Konsolidierung hofft Yakisan auf steigende Preise.