Morning Briefing: Die neue Bahnchefin, die schon immer am Tisch saß
Neue Bahnchefin: Suche mit Umwegen / Palästina-Anerkennung: Es wird einsam um Deutschland
Liebe Leserinnen und Leser,
Evelyn Palla soll neue Chefin der Deutschen Bahn (DB) werden. Laut unserer Verkehrspolitik-Expertin Josefine Fokuhl ist das in dreifacher Hinsicht eine erfreuliche Nachricht:
- Als bisherige Leiterin von DB Regio hat Palla bewiesen, dass sie Ergebnisse liefern kann. Die Nahverkehrssparte der DB schreibt schwarze Zahlen, ist deutlich pünktlicher als der chronisch verspätete Fernverkehr, und Palla gelang es, den Verlust von Ausschreibungen an private Wettbewerber zu stoppen.
- Palla kennt den Konzern aus dem Effeff und kann ohne große Einarbeitungszeit mit ihrer Sanierungsaufgabe beginnen.
- Vor ihrem Wechsel zur DB war die Südtirolerin Vorständin bei den Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB), die aus deutscher Sicht ohne Weiteres als Best Practice taugen. Wobei: Außer der Nigerian Railway Corporation kommen für dieses Kriterium vermutlich so ziemlich alle anderen Staatsbahnen infrage.
Also eine Idealbesetzung? Nicht ganz, denn der Findungsprozess hinterlässt einen unguten Beigeschmack. Offenbar bekam Palla den Job erst, nachdem mehrere männliche Hoffnungsträger von außerhalb des Konzerns abgesagt hatten, darunter Airbus-Verwaltungsratschef René Obermann. Die teuren Headhunter von Russel Reynolds hätte sich Verkehrsminister Patrick Schnieder im Rückblick sparen können.
Stattdessen bewahrheitet sich einmal mehr die Faustregel: Frauen bekommen als Konzernchefinnen am ehesten eine Chance, wenn der Karren (beziehungsweise in diesem Fall der Waggon) so tief im Dreck steckt, dass sich kaum ein Mann den Job mehr antun mag.
Wohl noch nie habe ich einer Topmanagerin so sehr von Herzen Erfolg gewünscht wie jetzt Palla. Natürlich vor allem aus eigenem Interesse: Einfach in einen Fernzug zu steigen und einigermaßen sicher zu wissen, wann man ankommt – ach, was war das schön früher.
Schnieder präsentiert Bahnstrategie
Über die tatsächlichen Erfolgschancen von Frau Palla dürfte maßgeblich CDU-Minister Schnieder entscheiden. Der will heute seine Strategie für einen umfassenden Kurswechsel bei der Deutschen Bahn vorstellen. Nach Handelsblatt-Informationen sollen dabei vor allem drei Bereiche im Fokus stehen:
- Pünktlichkeit,
- Investitionen in die Infrastruktur
- und eine straffere Steuerung des Konzerns durch den Bund.
Eine weitere Personalentscheidung deutet zudem darauf hin, dass Schnieder eine stärkere Entflechtung der Infrastruktursparte vom Mutterkonzern anstrebt: Neben dem bisherigen Bahnchef Richard Lutz muss auch Philipp Nagl, bislang Chef der Infrastruktursparte InfraGo, seinen Posten aufgeben.
London erkennt Staat Palästina an
Großbritannien hat Palästina als eigenen Staat offiziell anerkannt. Das erklärte Premierminister Keir Starmer in einer Videobotschaft. Die britische Regierung will mit der symbolischen Geste den Druck auf Israel erhöhen, den Krieg im Gazastreifen zu beenden und dort mehr humanitäre Hilfe zuzulassen. Kurz zuvor hatten bereits Kanada und Australien einen Palästinenserstaat anerkannt. Nur wenige Stunden später zog auch Portugal nach.
Mehrere EU-Staaten wollen bei der bevorstehenden Vollversammlung der Vereinten Nationen (UN) Starmers Schritt folgen und ebenfalls einen Palästinenserstaat anerkennen. Dazu gehören Frankreich und Belgien. Irland und Spanien hatten den Schritt bereits im vergangenen Jahr vollzogen. Insgesamt haben etwa drei Viertel der 193 UN-Mitglieder Palästina als Staat anerkannt.
Zwar hat auch Friedrich Merz seinen Ton und seine Politik gegenüber der Regierung von Benjamin Netanjahu verschärft. „Für die Bundesregierung steht die Anerkennung palästinensischer Staatlichkeit gegenwärtig nicht zur Debatte“, sagte der Kanzler jedoch kürzlich:
Allerdings finanziert Deutschland die palästinensische Autonomiebehörde mit und wird das auch künftig tun.
Der labile Aufstieg von Chinas Mittelschicht
Seit vielen Jahren ist es das erklärte Ziel der chinesischen Führung, eine breite Mittelschicht entstehen zu lassen.
Wahr ist: Die Chinesen sind im Schnitt reicher geworden, das Land hat enorme Fortschritte gemacht. Doch ebenso wahr ist: Die chinesische Wirtschaft ist so angeschlagen, dass der weitere finanzielle Aufstieg vieler Menschen ins Stocken geraten ist.
Eine allgemein anerkannte Definition des Begriffs „Mittelschicht“ existiert in China nicht. In einem Dokument hat die chinesische Regierung vor Jahren Einkommen zwischen 60.000 und 500.000 Yuan im Jahr als Mittelschicht bezeichnet, umgerechnet rund 7150 bis 60.000 Euro. Selbst wer nach chinesischen Kriterien zur Mittelschicht gehört, lebt also finanziell oft auf dünnem Fundament.
Unser Shanghai-Korrespondent Martin Benninghoff hat sich in Gesprächen mit Angehörigen der chinesischen Mittelschicht auf die Suche danach begeben, was vom großen Aufstiegsversprechen der Kommunistischen Partei übrig geblieben ist.
Trauerfeier für Charlie Kirk
Im US-Bundesstaat Arizona wurde gestern des rechten Aktivisten Charlie Kirk gedacht. Schon im Morgengrauen versammelten sich Tausende Menschen vor dem Football-Stadion in Glendale. Am Mittag (Ortszeit) startete dort das Programm – mit christlicher Musik, Gebeten und Gesang.
Zu den Rednern gehörten neben Kirks Witwe Erika auch US-Präsident Donald Trump und Vizepräsident JD Vance. Zudem traten prominente Prediger und Musiker aus dem evangelikalen Spektrum auf. Auch Tech-Milliardär Elon Musk war – trotz seines Bruchs mit Trump – bei der Trauerfeier für den getöteten rechten Aktivisten dabei.
Erika Kirk sagte in einer Rede, dass sie dem Mörder ihres Mannes vergebe. Die Antwort auf Hass sei nicht Hass, sondern immer Liebe.
BMW backt Autos wie Brezen
Hat eigentlich jemals ein deutscher Autokonzern so sehr alles auf eine Karte gesetzt wie derzeit BMW? Für seine „Neue Klasse“ hat sich der Konzern fast fünf Jahre Zeit genommen und mehr als zehn Milliarden Euro investiert. Der Lohn der Tüftelei: 40 neue Modelle und Modell-Updates sollen in den kommenden zwei Jahren auf den Markt kommen. Im Handelsblatt-Interview spricht Entwicklungsvorstand Joachim Post über diesen Marathon, der nun in einen Sprint übergeht. Post:
Merz besucht Oktoberfest
Apropos Brezen: Friedrich Merz und die übrigen Spitzen der Regierungskoalition sind gestern überraschend auf dem Oktoberfest aufgetaucht. Gemeinsam mit CSU-Chef Markus Söder und den SPD-Parteivorsitzenden Bärbel Bas und Lars Klingbeil kam der Bundeskanzler ins Schottenhamel-Festzelt. Merz winkte in die Menge, warf sogar Kusshände. Die Wiesn-Besucher zückten ihre Smartphones, es gab Jubel, aber auch Buh-Rufe.
Als Merz und Co. sich gesetzt hatten, spielte die Musik „Tage wie diese“ von den Toten Hosen. Hier ein Textauszug:
„Wir lassen uns treiben, tauchen unter,
Schwimmen mit dem Strom.
Dreh'n unsere Kreise,
kommen nicht mehr runter.“
Ich wünsche Ihnen einen bürgernahen Wochenauftakt.
Herzliche Grüße,
Ihr
Christian Rickens